23. März 2005 Terri Schiavos Zustand läßt sich mit einem Wort zusammenfassen: Wachkoma. Mit diesem Begriff wird eine schwere Hirnschädigung beschrieben, bei der das Bewußtsein verlorengegangen ist, andererseits aber Zeichen von Wachheit, etwa Augenbewegungen, zu erkennen sind. Es fehlen emotionale Reaktionen, doch sind etliche reflexhafte Bewegungen zu beobachten, etwa während der Pflege.
Kennzeichnend ist auch eine ausgeprägte Muskelverkrampfung. Anders als bei tiefer Bewußtlosigkeit besteht ein Wechsel zwischen Schlaf- und Wachphasen, und die für längere Zeit geöffneten Augen lassen Angehörige und Pfleger oft daran zweifeln, daß der Patient nichts von seiner Umwelt wahrnimmt.
Viele Auslöser
Die Auslöser für ein Wachkoma sind vielfältig. Die Hirnschädigung kann zum Beispiel wegen eines Herzstillstandes auftreten - wie das bei der amerikanischen Patientin der Fall ist -, im Verlauf einer hirnorganischen Krankheit oder aufgrund einer schweren Schädelverletzung, was recht häufig vorkommt. Alle diese Einflüsse führen durch die Unterbrechung der Blut- und Sauerstoffzufuhr dazu, daß Bereiche der Großhirnrinde geschädigt werden. Sterben dort Nervenzellen massenhaft ab, können höhere Funktionen wie das Bewußtsein verlorengehen.
Es fehlen sinnvolle Reaktionen auf Umwelteinflüsse, etwa auf visuelle und akustische Reize. Auch ein Verständnis für Sprache ist nicht mehr vorhanden. All das spiegelt sich in der aus dem griechischen abgeleiteten Bezeichnung apallisches Syndrom, dem Fachbegriff für das Wachkoma, wobei apallisch so viel bedeutet wie ohne Mantel, also ohne Großhirnrinde. Der Hirnstamm indessen, der grundlegende Körperfunktionen, wie Atmung, Kreislauf und Wärmeregulation steuert, ist intakt.
Mit Chancen auf eine klinische Verbesserung
Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen vom Schicksal eines Wachkomas ereilt werden, gibt es nicht. Als grobe Näherung für die jährliche Zahl der Neuerkrankungen läßt sich ein Fall pro hunderttausend Einwohner angeben. Von den Patienten, die infolge einer Verletzung ins Wachkoma fallen, ist nach einem Jahr durchschnittlich ein Drittel gestorben. Bei 15 Prozent läßt sich nach dieser Zeit keine Veränderung feststellen, aber rund die Hälfte zeigt eine klinisch faßbare Besserung. Beruht das Wachkoma nicht auf einer Verletzung, sind die Aussichten noch ungünstiger.
Etwa die Hälfte dieser Patienten stirbt innerhalb eines Jahres, und nur bei 15 Prozent kommt es zu Verbesserungen. In der medizinischen Literatur wird die durchschnittliche Überlebenszeit mit drei bis fünf Jahren angegeben, wobei natürlich eine enorme Streubreite besteht. Offenbar gibt es auch Patienten, die 40 Jahre im Wachkoma lagen. Die Chance auf Besserung nimmt mit der Zeit stark ab. Berichte, nach denen Patienten nach Jahren im Wachkoma wieder gesund geworden sein sollen, stimmen jedenfalls skeptisch. Die Vermutung, in diesen Fällen habe kein wirkliches Wachkoma vorgelegen, erscheint durchaus berechtigt.
Persönlichkeit ja oder nein?
Wenn der Mensch sein Bewußtsein und seine Empfindungsfähigkeit verloren hat - verfügt er dann noch über eine Persönlichkeit? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Für Kritiker des rein biomedizinischen Standpunktes ist die Auffassung, im Wachkoma sei der Patient empfindungslos, nicht haltbar. Es komme darauf an, mit dem Kranken beziehungsethisch und beziehungsmedizinisch umzugehen. Man könne dann mit den Händen spüren, ob der Patient sich anspannt oder entspannt, ob er sich auf unangenehme Reize hin zurückzieht oder bei Zuwendung aus seiner Erstarrung herauskommt. Aus solchen Interaktionen erschließe sich auch eine Persönlichkeit des Wachkoma-Patienten.
Was während des Wachkomas vor sich geht, versucht man unter anderem durch Messungen der Gehirnaktivität mit bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Kernspintomographie herauszufinden. Manchen Berichten zufolge kann es an einzelnen Stellen der Großhirnrinde zu einer Reaktion auf bestimmte Reize kommen. Beispielsweise sei beobachtet worden, daß beim Anschauen eines Gesichts die für Gesichterkennung zuständige Region aktiviert wurde. Ebenso habe man eine Reaktion in dem für Hören zuständigen Teil der Großhirnrinde gemessen, wenn der Patient in vertrauter Stimme seinen Namen zu Gehör bekam.
Schmerzwahrnehmung möglich
Zu den drängenden Fragen gehört nicht zuletzt, ob Patienten im Wachkoma auch Schmerzen verspüren. Messungen der Hirnaktivität deuten nach Ansicht von Experten darauf hin, daß die Fähigkeit zur Schmerzwahrnehmung vorhanden sein kann. Bezogen auf den aktuellen Fall in Florida bedeutet das aber nicht, daß der Patientin, deren Leben nun nicht mehr aufrechterhalten wird, ein schmerzhafter Tod droht. Denn man wird ihr gewiß das geben, was man gerade einem sterbenden Menschen kaum vorenthalten dürfte: Morphium.
Text: R.W., F.A.Z., 24. März 2005
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