Krebsforschung

Überraschender Schutz vor Krebs

Kann Aspirin Dickdarmkrebs vorbeugen?

Kann Aspirin Dickdarmkrebs vorbeugen?

18. Mai 2004 Entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente wie Aspirin, Diclofenac und Indomethacin zählen zu den am meisten verwendeten Arzneimitteln. Neben den Abkömmlingen des Kortisons sind sie die machtvollste Waffe gegen chronische Entzündungen, zum Beispiel die rheumatische Arthritis. Aber rund ein Viertel aller gemeldeten Arzneimittelnebenwirkungen entfallen auf sie. Etwa jeder vierte, der solche Präparate einnimmt, leidet unter Bauchbeschwerden. Bei zehn bis 15 Prozent der Patienten kommt es zu Geschwüren im Magen oder Zwölffingerdarm, die lebensbedrohliche Blutungen nach sich ziehen können.

Da mag es überraschen, daß die als nichtsteroidale Entzüngungshemmer bezeichneten Substanzen einen erheblichen Schutzfaktor für Magen und Darm darstellen, und zwar im Hinblick auf das Krebsrisiko. Manfred Gross, ärztlicher Direktor der Klinik Dr. Müller in München, hat auf dem diesjährigen Internistenkongreß in Wiesbaden all jene Beobachtungen zusammengetragen, die das scheinbare Paradoxon stützen.

Aspirin gegen Dickdarmkrebs?

Laboruntersuchungen belegen, daß Entzündungshemmer das Wachstum von Krebszellen eindämmen und im Tierversuch das Tumorwachstum verlangsamen. Die bereits 1976 begonnene "Nurses' Health Study", eine Beobachtung an mehr als 120 000 Krankenschwestern in den Vereinigten Staaten, förderte einen überraschenden Zusammenhang zutage: Je länger Aspirin regelmäßig eingenommen worden war, desto seltener entwickelte sich Dickdarmkrebs. Mehrere andere Vergleichsstudien konnten dies bestätigen.

Unlängst hat man zudem beobachtet, daß bei Darmkrebspatienten nach der erfolgreichen Entfernung ihrer bösartigen Geschwulste und der Einnahme von Aspirin seltener wieder neue Adenome im Darm wuchsen. Adenome sind zwar an sich gutartig, gelten aber von einer bestimmten Größe und Form an als Krebsvorstufe. Celecoxib, ein Vertreter der neueren Generation der nichtsteroidalen Entzündungshemmer, verringert insbesondere bei einer erbbedingten Veranlagung zum Dickdarmkrebs die Zahl der Polypen. Das Mittel wurde deshalb in den Vereinigten Staaten zur vorbeugenden Behandlung dieser gefährdeten Personengruppe zugelassen.

Gegen mehrere Arten von Krebs hilfreich?

Noch weiß man nicht, wie sich die Schutzwirkung im einzelnen erklären läßt. Einerseits ist sie an die entzündungshemmenden Eigenschaften dieser Substanzen gebunden, wie sie über eine Blockade der Prostaglandine zustande kommen. Dadurch wird zum Beispiel das Zellwachstum und das Aussprossen von Gefäßen unterbunden. Andererseits gibt es wohl eine davon unabhängige Wirkung, die besonders im Darm dafür sorgt, daß Zellen im Rahmen der Schleimhauterneuerung nach Plan absterben können und nicht unkontrolliert weiterleben.

Eine allgemeine Krebsvorbeugung mit diesen Präparaten ist indessen nicht in Sicht. Man müßte - so besagen grobe Schätzungen - 1250 Personen zehn bis zwanzig Jahre lang behandeln, will man einen einzigen Krebstod wegen Dickdarmkrebs verhindern. Das ändert nichts daran, daß all jene Patienten, die dauerhaft Aspirin einnehmen, um etwa Schlaganfälle oder Herzinfarkte zu verhindern, mit einer Senkung ihres Darmkrebsrisikos rechnen dürfen.

Diese Erkenntnisse werden gestützt von Studien, die ergeben haben, daß die entzündungshemmenden Präparate die Häufigkeit von Speiseröhrenkrebs senken. Zudem gibt es erste Hinweise, daß auch das Risiko für Magenkrebs, Lungenkrebs und Brustkrebs vermindert wird.

Text: mls., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004, Nr. 116 / Seite N2
Bildmaterial: dpa

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