Aids-Prävention

Algen schützen doch nicht vor HIV

Von Peter-Philipp Schmitt

19. Februar 2008 Das Präparat Carraguard schützt nicht vor einer HIV-Infektion. Es ist damit als Mikrobiozid für die Aids-Prävention untauglich. So das Ergebnis einer Studie der klinischen Phase III, die vor gut einem Jahr in Südafrika abgeschlossen und die jetzt von der für die Entwicklung von Carraguard hauptverantwortlichen Organisation „Population Council“ in New York vorgestellt wurde. Mehr als 15 Jahre hatte die Entwicklung der lange als besonders vielversprechend angesehenen Substanz gedauert. Sie besteht hauptsächlich aus Carrageen, einem Kohlenhydrat, das in Rotalgen vorkommt.

Trotz des neuerlichen Rückschlags für die Mikrobiozid-Forschung hat die Studie allerdings zugleich gezeigt, dass das Gel Carraguard sicher und problemlos von Frauen vaginal eingesetzt werden kann. Zudem bestätigt es die Vermutung der Aids-Wissenschaftler, dass Carraguard in Verbindung zum Beispiel mit einer antiretroviralen Substanz stabilisierend wirken kann. Schon jetzt laufen entsprechende Studien mit dem Mikrobiozid PC-815, einer Kombination aus Carraguard und dem nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmer (NRTI) MIV 150.

Kein signifikanter Unterschied zum Placebo

Carraguard war 1996 das erste Mikrobiozid gewesen, das die klinischen Phasen erreichte, und es war 2007 auch das erste Präparat seiner Art, das eine komplette klinische Phase III durchlaufen hatte. Zwischen März 2004 und März 2007 beteiligten sich 6202 Frauen an drei Orten in Südafrika an der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie: in Gugulethu bei Kapstadt, in Soshanguve bei Pretoria und in Isipingo bei Durban. Gut zwei Drittel der Frauen (4244) waren bis zum Ende der Untersuchung dabei.

In der Gruppe der Teilnehmerinnen, die Carraguard einsetzten, verzeichneten die Wissenschaftler 134 Neuinfektionen mit HIV (die Inzidenz lag damit bei 3,3 Infektionen auf 100 Frauen pro Jahr). Gleichzeitig steckten sich 151 Frauen in der Placebo-Gruppe mit Aids an (Inzidenz: 3,7). Damit war das Risiko, sich mit dem HI-Virus zu infizieren, zwar größer, wenn die Frauen nur das Scheinpräparat und nicht Carraguard verwandten. Der Unterschied sei aber statistisch nicht signifikant, sagte Khatija Ahmed, die zuständig für den Studienort Soshanguve war. Eine Wirksamkeit von Carraguard als Schutz vor einer HIV-Übertragung von einem Mann auf eine Frau habe nicht festgestellt werden können.

„Meilenstein in der HIV-Präventionsforschung“

„Wir sind enttäuscht“, bestätigte der Präsident vom „Population Council“, Peter Donaldson. Warum Carraguard in Laborversuchen Viren wirksam abtötete - unter anderem schützte es Affen vor einer Ansteckung mit SIV, dem mutmaßlichen Ursprungsvirus für das menschliche Immunschwächevirus HIV -, beim Menschen jedoch versagte, lässt sich nicht abschließend beantworten. Allerdings habe der Schutz der Frauen vor einer Aids-Infektion während der Studie höchste Priorität gehabt, sagt die Ärztin Khatija Ahmed, weshalb die Teilnehmerinnen Carraguard oder das Placebo stets nur in Kombination mit einem Kondom verwenden sollten.

Peter Donaldson sprach jedoch auch von einem „Meilenstein in der HIV-Präventionsforschung“. Man habe viel für künftige Studien gelernt - unter anderem darüber, dass Frauen und ihre Partner bereit seien, ein vaginales Gel als HIV-Schutz über einen längeren Zeitraum einzusetzen. Nach eigenen Angaben benutzten allerdings nur zehn Prozent der Frauen das Gel durchgängig bei jedem Geschlechtsakt. Auch Kondome sind demnach nicht immer zum Einsatz gekommen. Insgesamt aber stieg die Bereitschaft, Kondome zu verwenden, wohl auch, weil alle Teilnehmerinnen umfassend über HIV-Präventionsmöglichkeiten informiert und mit einer genügenden Menge an Präservativen ausgestattet wurden. Darüber hinaus wurden sie regelmäßig auf andere Geschlechtskrankheiten untersucht. So sank die Prävalenz von sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis.

Große Hoffnungen enttäuscht

Im vergangenen Jahr war eine weitere große Studie in der klinischen Phase III mit dem möglichen Mikrobiozid Ushercell, einem Zellulosesulfat, vorzeitig abgebrochen worden. Zu viele Teilnehmerinnen in Benin, Indien, Südafrika und Uganda hatten sich nach nur kurzer Zeit mit Aids infiziert. Danach hatten sich besonders im südlichen Afrika große Hoffnungen an Carraguard geknüpft, wie Ntokozo Madlala vom „Gender Aids-Forum“ in Durban mitteilt. „Das war der Grund, warum sich Tausende Frauen an der Studie beteiligt haben.“ Wenigstens sei die Zahl anderer sexuell übertragbarer Krankheiten stark zurückgegangen, zugleich seien mehr Kondome verwendet worden.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden zurzeit mehr als 60 mögliche Mikrobiozide getestet - darunter sind drei in der klinischen Phase III: Pro 2000 und Buffer Gel sowie ein Gel, das mit dem antiretroviralen Wirkstoff Tenofovir - ebenfalls ein NRTI - versetzt ist. Erste Ergebnisse über ihre Wirksamkeit als HIV-Schutz beim Menschen werden noch für dieses Jahr erwartet.



Text: F.A.Z., 19.02.2008, Nr. 42 / Seite 11
Bildmaterial: dpa

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