Medizinerausbildung

Simulanten hinter Spiegelglas

Von Lucia Schmidt

Medizinstudenten beobachten eine simulierte Anamnese

Medizinstudenten beobachten eine simulierte Anamnese

05. Juni 2008 Helles Neonlicht strahlt von der Decke, graublauer Linoleumboden liegt unter den Füßen und die schmucklosen weißen Wände des fensterlosen Gangs sind an beiden Seiten nur von sechs überbreiten Türen unterbrochen. In Höhe jedes Türgriffs hängt ein Desinfektionsmittelspender an der Wand, dessen typischer Geruch keinen Zweifel mehr zulässt: Man steht im Krankenhausflur.

Auch der vorsichtige Blick durch eine der offenstehenden Türen zeigt, was man in einer solchen Situation erwartet: Einbauschränke, ein Blumenstrauß auf dem Nachttisch, daneben eine Menge hochmoderner Monitore, die in allen Farben blinken oder in unregelmäßigen Abständen piepsen, und ein höhenverstellbares Bett, in dem ein Mann mit gelblich ungesund wirkender Hautfarbe liegt. Und drum herum eine Gruppe Weißkittel. Die Frage, die die vermeintlich junge Ärztin rechts vom Krankenbett dann aber stellt, lässt verblüfft aufhorchen: „Habe ich etwas vergessen? War das so in Ordnung?“ Die Antwort erhält sie freilich nicht von ihren Kollegen, sondern von dem Mann, der im blaugrün karierten Flanellpyjama vor ihr im Bett liegt.

Lernen im Studienhospital

Hier geht es nicht um Kunstfehler oder um Szenen einer Gesundheitsreform, auch nicht um alternative Behandlungsformen, sondern um Unterricht. In dem vergangenen November an der Uniklinik Münster eröffneten Studienhospital wird „den Medizinstudenten die Möglichkeit gegeben, in echt wirkender Umgebung praxisnah ohne Angst zu üben, was später ihre tägliche Arbeit ist“, sagt Studiendekan Bernhard Marschall – Fragen stellen, Fehler machen, alles, was dazu gehört. Marshall war einer der Wegbereiter für diese bundes- und nach Angaben der Verantwortlichen auch europaweit einmalige Einrichtung. Die Übungsstation befindet sich in einem ehemaligen Schwesternwohnheim, das mit viel Liebe zum Detail umgebaut und ausgestattet wurde. Von der Zeitschrift auf dem Nachttisch über die grün gestreifte Bettwäsche bis hin zur weißen Rauhfasertapete an der Wand ist an alles gedacht.

Auch die Übungspatienten sind selbstverständlich aus Fleisch und Blut, wie Volker Kuhlhüser, der kerngesund und Schauspieler am Theaterpädagogischen Zentrum in Münster ist. Zu seiner eigentümlichen Gesichtsfarbe kam er mit reichlich Theaterschminke und nicht etwa, wie vorgespielt, durch eine Leberzirrhose. Jeder der 14 Schauspielpatienten kann drei bis vier Krankheitsbilder mit allen Symptomen und einer dazugehörigen Krankheitsgeschichte simulieren. Das Kranksein wurde nach allen Regeln der Kunst in der Klinik geschult, berichtet der Leiter des Studienhospitals, Hendrik Friedrichs. Doch nicht nur perfekt simulieren müssen die Schauspielpatienten, sondern den Studenten nach dem Gespräch oder der Untersuchung auch ein Feedback über ihr Verhalten aus Patientensicht geben.

Hinter der Spiegelscheibe

Der angehenden Medizinerin, die mit Volker Kuhlhüser das Anamnesegespräch geführt hat, gibt er den Tipp anzuklopfen, bevor sie ein Patientenzimmer betritt, denn ohne Anklopfen könnten sich spätere Patienten gestört oder überrumpelt fühlen. Rückmeldung gibt es für die Studenten auch von ihren Kommilitonen. Diese haben nämlich mit ihrem Tutor Johannes Püschel, selbst Medizinstudent aus einem höheren Semester, das Gespräch mit dem Versuchspatienten durch eine Spiegelscheibe aus dem Beobachtungsraum, der sich neben jedem Patientenzimmer befindet, beobachtet und per Kopfhörer verfolgt, wie sich ihre angehende Kollegin im Gespräch geschlagen hat. „Beim Thema Alkohol hättest du ein bisschen mehr nachhaken müssen“, hakt einer der Studenten ein, „da hättest du bestimmt noch wichtige Infos erhalten.“ Genau darum geht es: Einüben, auch intime Fragen zu stellen, nach dem Alkoholkonsum, dem Stuhlgang oder Beziehungsproblemen.

Das Ziel des Kurses sei es nicht, so hört man immer wieder, am Ende die richtige Diagnose zu stellen oder einen Therapievorschlag zu machen, sondern Gesprächsführung, fundierte Fragestellung und richtigen respektvollen Umgang mit den Patienten zu trainieren.

Aus der Sicht des Patienten

Am Ende des Kurses ist sich die Studentin aus dem vierten Semester sicher: „Das Feedback der Schauspielpatienten ist das Lehrreichste an der ganzen Übung, denn später wird uns kein Patient mehr sagen, was wir hätten besser machen können.“ Situatives Lernen oder Lernen auf Augenhöhe, sagt Marshall, sind die wichtigsten Schlagworte des Münsteraner Unterrichtskonzepts. Lernpsychologisch sei nachweisbar, dass bei solchen Unterrichtsformen deutlich mehr hängenbleibt als bei einer gewöhnlichen Vorlesung. Zu dem Lernkonzept gehört auch, dass eine Kamera hinter dem Kopf des Schauspielpatienten, somit aus Sicht des Patienten, die ganze Situation aufnimmt und der Student sich so auch zu Hause selbstkritisch bewerten kann.

Ab dem vierten Semester finden für die Studenten regelmäßig einige Unterrichtsstunden in der Woche im Studienhospital statt; in den höheren Semestern dann nicht mehr in Sachen Gesprächsführung, sondern jeweils in derjenigen medizinischen Fachrichtung, die für das Semester auf dem Lehrplan steht. In der Neurologie beispielsweise üben die Studenten neurologische Untersuchungstechniken mit Reflexhammer und Lampe. Die Schauspielpatienten simulieren Krankheitsbilder, indem sie etwa wanken beim Gehen, das Bein nicht mehr richtig heben oder nicht mehr auf einem Bein stehen können. Während des Chirurgieunterrichts lernen die künftigen Ärzte an eigens dafür eingerichteten Waschstellen, sich „steril zu machen“, wie der Mediziner sagt. Chirurgische Händewaschungen und das korrekte Anziehen des Operationskittels will geübt sein.

Auch Bakterien spielen mit

Neben den gewöhnlichen Patientenzimmern findet man auf der Simulantenstation auch zwei Intensivzimmer, die mit der neuesten Medizintechnik ausgestattet sind und in deren Betten mannsgroße Gummipuppen liegen, an denen, ohne großen Schaden anzurichten, Zugang legen, Wiederbelebung und Beatmung trainiert werden. Selbst ein so theoretisches Unterrichtsfach wie Hygiene lässt sich in Münster regelrecht anfassen.

Das Patientenzimmer und der Übungspatient werden mit harmlosen nicht pathogenen Bakterien kontaminiert, und die Aufgabe der Studenten ist es, den Patienten so zu untersuchen und zu behandeln, dass danach möglichst wenig Bakterien im Raum und auf dem Schauspieler zu finden sind. Wer in eine Pfütze tritt oder sich am Bett stützt, ohne es zu merken, dem kann es in der anschließenden Schwarzlichtkontrolle leicht passieren, dass er sich als Bakterienschleuder outet.

Simulierter Operationssaal soll folgen

Im Herbst wird das Studienhospital durch eine Hausarztpraxis erweitert, ein Operationssaal zu Übungszwecken soll in den nächsten Jahren folgen. Das Projekt finanziert sich aus Geldern der Fakultät, aus Studienbeiträgen und vor allem durch großzügige Sponsoren. Viele Unternehmen haben Einrichtungsgegenstände, Geräte und Technik gespendet, ohne die eine realitätsnahe Ausstattung nicht möglich gewesen wäre.

Was für jeden Piloten, Ingenieur und Kfz-Meister üblich ist und auch von ihrer Ausbildung erwartet wird, nämlich die Praxisnähe und das Üben an Simulatoren, ist in der Medizin bisher die Ausnahme. Die Universitätsklinik Münster sieht sich deshalb nicht zu Unrecht als Vorreiter. Sie will eine große Lücke in der ärztlichen Ausbildung schließen. Dass solche Projekte in vielleicht schon zehn Jahren an allen deutschen Hochschulen zu finden oder sogar fester Bestandteil der medizinischen Lehre sein werden, glaubt Marschall allerdings nicht. „Dafür müsste die Lehre insgesamt viel professioneller werden, und da sind von Seiten der Hochschulen oft nicht der Wille vorhanden, die Einsicht in die Notwendigkeit und auch nicht das Geld.“ Lucia Schmidt

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Burkert

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