29. November 2006 Eigentlich könnte es mit dem Projekt, das am gestrigen Dienstag abend in der Berliner Staatsoper Unter den Linden seinen Anfang genommen hat, als einem neuen Kapitel der Schlafforschung sein Bewenden haben. Aber Ingo Fietze, der junge Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Charité, will die viermonatige Kooperation mit dem Staatsballett Berlin als Initialprojekt für ein ehrgeiziges politisches Ziel wissen: Es ist doch ein Unding, daß Ernährung und Sport in den Vorsorgekampagnen des Gesundheitsministeriums vorkommen, nicht aber der Schlaf, sagt Fietze im Gespräch, das Thema werde von der Politik bisher ausgeblendet, dabei funktioniert Aufklärung und Prävention hier mit am besten.
Fietze hat zusammen mit Dirk Kowalski von den Freunden und Förderern des Staatsballetts beschlossen, den Schlaf-wach-Rhythmus von 24 Tänzern bis zur nächsten Premiere im März kommenden Jahres mit Aktimetern - armbanduhrähnlichen Bewegungsmeßgeräten - aufzuzeichnen und rund um die Uhr zu dokumentieren. Er will an den jungen Künstlern detailliert zeigen, was man vermuten kann, bisher aber nie stichhaltig bewiesen hat: daß der Mensch zumal bei wechselnden und oft extremen Belastungen eine Reihe der daraus resultierenden Stressfolgen mit gesundem Schlaf auszugleichen vermag.
Kowalski zieht eine Parallele zu Fußballtrainer Klinsmann, der mit seiner psychologischen Rundumbetreuung klargemacht habe, daß es nicht genügt, nur gut zu trainieren. Das gilt nach Ansicht Fietzes ganz allgemein: Aus gutem Grund habe man früher, ohne die Zeit verklären zu wollen, in der DDR den Frauen am Arbeitsplatz einen Ruheraum bereitgestellt. Diese Kultur und Einstellung, mit Nickerchen für Erholung zu sorgen, fehlt, sagt Fietze. Ganz anders als in den Vereinigten Staaten, wo in Einkaufsmalls schon solche Sleeping-Rooms eingerichtet seien.
Für ausreichend Entspannung und Erholung sorgen
Ein Viertel bis ein Drittel der Bundesbürger haben einen sensiblen Schlaf, sind unausgeschlafen und leiden auch darunter. Deshalb, so Fietze, genüge es nicht, wenn die Leute sich nur auf die Waage stellten, sondern es müsse auch für ausreichend Entspannung und Erholung gesorgt werden. Die meisten Menschen benötigen mindestens sechs Stunden, und zwar dann, wenn die Körpertemperatur abzusinken beginnt, alles andere kommt einem Schlafentzugsexperiment gleich. Die exzessive Spiele- und Internet-Surfkultur etwa könnte den Schlaf-Wach-Rhythmus von jungen Leuten ungünstig beeinflussen.
Das Unausgeschlafensein muß der einzelne und die Gesellschaft teuer bezahlen: mit Unfällen und Ausfällen. In den Vereinigten Staaten, wo vor einiger Zeit die Zeitschrift Forbes mit der Schlagzeile Schlaf ist der neue Sex aufmachte, werden die - sukzessive steigenden - direkt und indirekt durch Schlafstörungen verursachten volkswirtschaftlichen Kosten auf fünfzig Milliarden Dollar jährlich geschätzt, die für müdigkeitsbedingte Unfälle in der gleichen Größenordnung. Der Schlaftablettenmarkt beläuft sich dort auf gut zwei Milliarden Dollar jährlich
Die meisten Menschen kommen zu spät
Viele Ausgaben könnten eingespart werden, wenn das Wissen um den gesunden und gestörten Schlaf verbessert würde, sagt Fietze, und in einem Buch gibt er diesem Bewußtsein einen Namen: Der Schlafquotient - in Anlehnung an den Intelligenzquotienten. Auch wenn inzwischen mehr als dreitausend Menschen jährlich in sein Berliner Schlaflabor kommen und auch die anderen etwa dreihundert Schlafambulanzen und -zentren im Land kaum unterbeschäftigt sind, werden die Defizite offenbar immer größer: Die meisten Menschen kommen einfach zu spät. Auch bei den Haus- und Allgemeinärzten herrsche Nachholbedarf. Ein Medizinstudent weiß nach dem Abschluß heute weniger über gesunden Schlaf als mancher unserer Patienten, sagt Fietze, dabei könnten schon mit einem standardisierten Fragebogen, den der Arzt dem Patienten vorlegt, die Schlafdefizite aufgedeckt werden.
Text: jom, F.A.Z., 29.11.2006, Nr. 278 / Seite N2
Bildmaterial: Charité
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