Krebstherapie

Doppelschlag gegen Brustkrebs

Von Hildegard Kaulen

08. Dezember 2005 In den zurückliegenden fünfzehn Jahren ist die Sterblichkeit durch Brustkrebs in den Vereinigten Staaten um ein Drittel gesunken. Als Erklärung für den Erfolg kommen zwei Entwicklungen in Frage. Zum einen ist das die Einführung des Mammographie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs, zum anderen die Verbesserung der Chemo- und Hormontherapie, zu der auch die Behandlung mit Tamoxifen gehört.

Das National Cancer Institute in Bethesda hat jetzt sieben führende Arbeitsgruppen damit beauftragt, den Einfluß beider Entwicklungen zu gewichten. Durch den Verzicht auf eine einheitliche Vorgehensweise bei der Auswertung sollte eine systematische Verzerrung der Ergebnisse durch methodische Schwächen vermieden werden.

Einfluß in wechselseitiger Abhängigkeit entfaltet

Wie Donald Berry vom Anderson Cancer Center in Houston im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 353, S. 1784) berichtet, konnten alle sieben Arbeitsgruppen zeigen, daß das Mammographie-Screening und die verbesserte Hormon- und Chemotherapie in nahezu gleichem Umfang zur Senkung der Sterblichkeit beigetragen haben. Der Anteil des Screenings beträgt durchschnittlich 15 Prozent, derjenige der Hormon- und Chemotherapie 19 Prozent. Zusammen reduzieren beide Maßnahmen die Sterblichkeit um 25 bis 38 Prozent. Das entspricht ungefähr dem aus der Statistik der Todesursachen errechneten Wert.

Nach Ansicht von Berry sind noch zwei weitere Erkenntnisse wichtig. So wurde deutlich, daß die beiden Maßnahmen ihren Einfluß in wechselseitiger Abhängigkeit entfalten. Zudem läßt sich ihr Einfluß nicht einfach addieren. Daß Screening und Behandlung ineinandergreifen, liegt auf der Hand. Die Früherkennung bleibt wertlos, wenn auf die Entdeckung des Tumors nicht mit einer angemessenen Behandlung reagiert wird. Andererseits sind Hormon- und Chemotherapie um so wirkungsvoller, je frühzeitiger sie angewendet werden.

Schleppender Aufbau des deutschen Mammographie-Screening

Die Ergebnisse sind auch für Deutschland von Bedeutung. Hierzulande ist die Brustkrebssterblichkeit höher als jene, die in den Vereinigten Staaten vom National Cancer Institute ermittelt wurde. Sie läßt sich, wie die Auswertung zeigt, durch ein flächendeckendes, qualitätsgesichertes Mammographie-Screening senken. Eine solche Reihenuntersuchung kommt in Deutschland aber nur langsam voran. Bis Ende dieses Jahres werden acht Screening-Einheiten den Betrieb aufgenommen haben. Im kommenden Jahr sollen 63 und im übernächsten Jahr die restlichen 18 der geplanten Einrichtungen an den Start gehen.

Hinderlich ist zudem, daß es in Deutschland zwei Stufen der Zertifizierung für Brustkrebszentren gibt, in denen die Frauen weiterbehandelt werden: Eine Zertifizierung mit geringeren Anforderungen, die regional oder lokal zur Anwendung kommt, und eine für überregionale Zentren, die den strengen Standards der Gesellschaft für Brustkunde entspricht.

Schwierigkeiten in Schweden

Beim Mammographie-Screening werden offensichtlich auch viele Geschwulste ohne klinische Bedeutung entdeckt, was Ärzte und Patienten vor etliche Schwierigkeiten stellt. Darauf haben Hakan Jonsson und seine Kollegen von der Universität Umea in Schweden im „International Journal of Cancer“ (Bd. 117, S. 842) hingewiesen. In Schweden werden seit zehn Jahren flächendeckend Mammographien vorgenommen. Die Anfänge des Screenings reichen sogar zwanzig Jahre zurück.

Ohne neue Ursachen für Brustkrebs - solche sind jedenfalls bisher nicht bekanntgeworden - müßte die Zahl der Neuerkrankungen mit oder ohne Screening gleich sein. In Wirklichkeit ist sie aber mit Screening höher. In allen Altersgruppen, außer bei den über siebzigjährigen Schwedinnen, weichen die Werte für die erwartete und die aus den Mammographien ermittelte Erkrankungsrate erheblich voneinander ab. Am größten ist die Diskrepanz bei Frauen zwischen 50 und 59 Jahren. Das erste Screening, bei dem bekanntermaßen mehr Tumoren als bei späteren Untersuchungen entdeckt werden, hat man bei dieser Erhebung nicht berücksichtigt, um die Zahlen nicht zu verfälschen.

Latente, klinisch unbedeutende Geschwulste können derzeit aber noch nicht zweifelsfrei von aggressiven Formen unterschieden werden. Eine ähnliche Situation gibt es auch beim Prostatakarzinom, weshalb Überbehandlung bei diesem Krebsleiden weit verbreitet ist. Durch das Mammographie-Screening könnte es beim Brustkrebs ebenfalls zu einer solchen Entwicklung kommen.



Text: F.A.Z., 09.12.2005, Nr. 287 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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