Von Reinhard Wandtner
22. März 2007 Bei moralisch schwierigen Entscheidungen können Emotionen zur bestimmenden Kraft werden. Das schließen amerikanische Forscher aus Untersuchungen, in die sie unter anderen Patienten mit einer Schädigung im unteren mittleren Teil der Stirnhirnrinde einbezogen hatten. Beeinträchtigt war eine Struktur, die für die Entstehung von Emotionen, insbesondere sozialer Art, zuständig zu sein scheint. Wie die Forscher um Antonio Damasio von der University of Iowa herausfanden, neigten diese Probanden zu emotionslos-nüchternen Urteilen, wenn man sie mit einer moralisch heiklen Frage konfrontierte.
Sollten die Versuchspersonen etwa entscheiden, ob ein Mensch getötet werden darf, wenn dadurch das Leben mehrerer anderer Menschen gerettet wird, gerieten sie weniger in einen Zwiespalt als gesunde Probanden oder solche mit anderen Hirnschädigungen. Sie neigten dazu, eiskalt den Nutzen zu bewerten, und gaben daher vergleichsweise bereitwillig an, der Einzelne sei zu opfern.
Das geht aus einem Bericht in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Nature hervor. Nach Ansicht der amerikanischen Forscher stellt der ventromediale präfrontale Kortex - so die genaue Bezeichnung der Hirnregion - das Substrat für intuitiv-affektive Abläufe dar, die normalerweise zusammen mit bewusst-rationalen Mechanismen zu moralischen Urteilen führen.
Keine falschen Schlüsse ziehen
Hirnforscher haben in der Vergangenheit immer wieder lernen müssen, dass sich bestimmte Funktionen praktisch nie einer einzigen Hirnregion zuordnen lassen. Außerdem können Ausfälle in einem Hirngebiet oft erstaunlich gut durch eine gesteigerte Aktivität in anderen Regionen ausgeglichen werden.
Für den Psychologen Matthias Brand von der Universität Bielefeld, der ebenfalls Entscheidungsprozesse und Emotionsverarbeitung erforscht, sind das Gründe, vor einer Überinterpretation der neuen Befunde zu warnen. An solch komplexen Prozessen wie moralischen Urteilen seien Netzwerke aus verschiedenen Hirnstrukturen beteiligt. Daher sei vorstellbar, dass Patienten mit anderen Hirnschädigungen, etwa des Mandelkerns, ebensolche Schwierigkeiten haben. Zudem urteilten die von der Gruppe um Damasio untersuchten Patienten nicht alle in gleicher Weise.
So bedeutend die neuen Ergebnisse für die Hirnforschung seien - sie dürften nicht zu dem Schluss verleiten, jeder Mensch, bei dem der untere mittlere Teil der Stirnhirnrinde geschädigt sei, könne kein normales moralisches Urteil mehr fällen. Ebenso abwegig wäre es, wie Brand sagt, ein dem allgemeinen Empfinden widerstrebendes Urteil zwingend auf eine Hirnschädigung zurückzuführen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa