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Hochschulmedizin

Keine Hochleistung auf Rezept

Von Rainer Flöhl

Woran hapert es in der Hochschulmedizin?

Woran hapert es in der Hochschulmedizin?

17. Juli 2007 Die deutsche Hochschulmedizin ist in Bewegung geraten - weniger aus eigenem Antrieb als unter dem Druck wirtschaftlicher, gesellschaftspolitischer und wissenschaftspolitischer Zwecke. Die Forschungselite, vertreten durch den Verband der Universitätsklinika Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften und des Medizinischen Fakultätentags, setzt dabei auf Leistungssteigerungen, wie beim „III. Innovationskongress der Deutschen Hochschulmedizin“ deutlich wurde, der in der vergangenen Woche in Berlin stattfand. Ob sich diese Ziele jedoch erreichen lassen, ist ungewiss. Zum einen fehlt es weiterhin an den eigentlich erforderlichen finanziellen Mitteln. So stehen der Universitätsmedizin in diesem Jahr doch zehn Prozent weniger Gelder zur Verfügung als 2006. Bereits jetzt sind zwei Drittel der Hochschulklinika defizitär. Zum anderen ist die Reformfreudigkeit der Hochschulmedizin, insbesondere der medizinischen Fakultäten, nicht besonders groß. Es mangelt an Elan, und dort, wo tatsächlich Spitzenforschung betrieben wird, geschieht dies oft unter schwierigen Bedingungen.

Dass manche Klinik auch im Vergleich mit der international führenden industriellen Medizintechnik konkurrieren kann, zeigte in Berlin Friedhelm Beyersdorf vom Herz-Kreislauf-Zentrum des Universitätsklinikums Freiburg. Beyersdorf befasste sich mit dem „Mythos Kunstherz - schon Realität oder bleibende Fiktion?“. Bis zum Jahre 2020 werden Herzerkrankungen an erster Stelle der Todesursachenstatistik stehen. Die Fortschritte der Herzmedizin bezeichnete Beyersdorf zwar als beachtlich, aber letztlich benötigten doch viele Kranke ein Transplantat. Immer häufiger wird die Wartezeit auf ein Organ - bis zu vier Jahre - durch ein Kunstherz, manchmal auch ein zweites, überbrückt. Angesichts der mäßigen Erfolge der Gentherapie oder der Stammzellbehandlung wäre ein „richtiges“ Kunstherz erforderlich, doch davon ist man noch weit entfernt. Bislang bleibt das kranke Organ im Organismus, es wird lediglich eine Pumpe zur Unterstützung der Zirkulation eingesetzt. Reine Kunstherzen werden nur selten eingepflanzt.

In Deutschland gute Perspektiven.

Auch “Jarvik 2000“ ist noch nicht ausgereift

Auch "Jarvik 2000" ist noch nicht ausgereift

Doch selbst die Zusatzantriebe wie „Jarvik 2000“ oder „Heart made I“ sind noch längst nicht ausgereift. „Jarvik“ wird elektromagnetisch mit hohen Umdrehungen angetrieben. Das erfordert eine Herabsetzung der Blutgerinnung, da es sonst leicht zu Thrombosen und Embolien kommen kann. „Heart made I“ nutzt zwar schonende biologische Membranen zum Antrieb, diese verschleifen aber schnell. Außerdem kommt es häufiger zu Infektionen. Trotz aller Mängel hat in Freiburg ein Patient sechs Jahre mit solchen Pumpen überlebt.

Erstaunlicherweise sind die Ergebnisse der Transplantation nach einer solchen Vorbehandlung nicht schlechter als bei Patienten, die keine Pumpen erhielten. Beyersdorf führt das darauf zurück, dass die Kreislaufunterstützung die übrigen Organsysteme vor Schäden bewahrt.

Insgesamt sieht der Freiburger Chirurg hier große Fortschritte, aber auch noch erhebliche Schwächen. Deshalb versucht man zum einen, die Oberflächen der Pumpen mit nanotechnischen Verfahren zu verändern, zum anderen erprobt man andere Antriebe, die hohe Drucke vermeiden. Daher sieht Beyersdorf in Deutschland gute Perspektiven. Die Freiburger Gruppe hat gemeinsam mit Wissenschaftlern der TH Aachen erstmals Flussdiagramme, die Aufschluss über Fließgeschwindigkeiten und Turbulenzen in den Geräten geben, aufnehmen können. Dazu verwendete man das vor allem für Kinder und kurzzeitige Anwendungen entwickelte „Medos-Herz“. Es wird ohne Metall gefertigt, so dass sich die Strömung gut mit Magnetresonanz-Verfahren beobachten lässt.

Gefahren für die Hochleistungsmedizin

Mit einem der größten Hindernisse für medizinische Innovationen, den Infektionen, befasste sich in Berlin Konrad Reinhart von der Universität Jena. Die Zahl der Infektionen steigt jährlich um acht Prozent, weil immer ältere und immer hinfälligere Patienten behandelt werden. Besonders bedrohlich ist die Sepsis. In den Universitätskliniken sind 19 Prozent der Patienten auf Intensivstationen betroffen, in den übrigen Krankenhäusern elf Prozent. Die Todesrate liegt bei fünfzig Prozent. Da die Überlebenschancen mit der frühen Erkennung der Infektionen steigen, misst Reinhart einer besseren und schnelleren Diagnostik große Bedeutung bei. Von der genetischen Analyse der Blutproben erhofft er sich in dieser Hinsicht erhebliche Verbesserungen. Wie die Erfahrungen in Jena gezeigt haben, liefert die Genanalyse überzeugende Gefahrenprofile. So gelingt es, Infektionen von sonstigen, etwa operationsbedingten Entzündungen zu erkennen.

Welche Gefahren der Hochleistungsmedizin drohen, verdeutlichte in Berlin der Generalsekretär des Verbandes der Universitätsklinika, Rüdiger Strehl. Er stellte fest, dass die Möglichkeiten der innovativen Hochleistungsmedizin seit Anfang 2007 gravierend beschnitten werden. Die Ausgaben explodierten, die Einnahmen stagnierten. Die Mittel für Investitionen gingen zurück. Hinzu kommen höhere Ausgaben für das ärztliche Personal sowie steigende Energiekosten.

Von Porsche und Mitsubishi lernen

Porsche-Chef Wiedeking weiß, was die Hochschulmedizin noch lernen kann

Porsche-Chef Wiedeking weiß, was die Hochschulmedizin noch lernen kann

Eine weitere Ursache von erheblichen Verlusten ist das neue Vergütungssystem mit Fallpauschalen. Dieses entspricht nicht den Anforderungen der Universitätskliniken, die häufig besonders schwer erkrankte Patienten behandeln. Besonders Unfallchirurgen und die Kinderärzte haben immer wieder schwere Fälle, die die Klinik finanziell ruinieren können. Auch die Transplantationsmedizin ist - finanziell gesehen - ein Risiko.

Zwar sind an dem System der Fallpauschalen bereits Verbesserungen vorgenommen worden, doch das System lernt, wie es in Berlin hieß, zu langsam. Dies gilt, wenn man so will, auch für die gesamte Medizin. Der Vorstandsvorsitzende von Porsche, Wendelin Wiedeking, zeigte auf, was die Hochschulmedizin noch lernen kann. Er berichtete über die Sanierung seines Unternehmens durch Berater des japanischen Automobilherstellers Mitsubishi. Die dabei gemachten Erfahrungen sollten auch anderweitig genutzt werden, was zur Gründung der Firma Porsche Consulting führte. Diese durchleuchtete auch die von Beyersdorf geleitete Abteilung für Herz- und Gefäßchirurgie in Freiburg. Dabei wurden viele Schwachstellen aufgedeckt und entsprechend angegangen, so dass auch bei Notfällen, die jeden Tag vorkommen, nicht mehr der gesamten Betrieb gelähmt ist. Motivation der Mitarbeiter bezeichnete Wiedeking als das vielleicht wichtigste Element der Leistungsbereitschaft. Bei Porsche gibt es deshalb Prämien, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. Dieser Anreiz, beklagte Wiedeking, fehlt in der Medizin völlig.

Text: F.A.Z., 18.07.2007, Nr. 164 / Seite N1
Bildmaterial: ddp, Markus Kaufhold, picture-alliance / dpa/dpaweb

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