Schweinegrippe

Moralische Vorsorge

Von Joachim Müller-Jung

Wer sich nicht impfen lässt, ist eine potentielle Brutstätte für den Erreger

Wer sich nicht impfen lässt, ist eine potentielle Brutstätte für den Erreger

03. November 2009 Das Risiko ist gering, aber Sie könnten sterben. Der Satz stammt von einem Offiziellen der europäischen Pandemiebehörde, genauer: Er stammt aus der frühen Phase der Schweinegrippewelle, als man die Zahl der Infizierten noch sorgfältig registrierte und nicht wie jetzt aufrundete auf tausend oder zehntausend. Heute wird auch längst nicht mehr jeder Verdachtsfall getestet. Denn die H1N1-Welle rollt inzwischen unbarmherzig. Was nicht heißt, dass der Satz damit ungültig geworden ist. Nur lesen wir ihn heute, mit jeder neuen Hiobsbotschaft, genau anders herum: Wir könnten am Virus sterben, auch wenn das Risiko gering ist.

Das Böse rückt also näher. Es wird von der Nebensache wieder zur Hauptsache und verdrängt vielleicht sogar den leidigen Theorienstreit um die Impfstoffgefahren. Tatsächlich aber gilt weiter: Die Haltung zum Virus und zur Impfung ändert sich laufend, mitunter sogar ganz individuell. Selbst die Empfehlungen von Medizinern sind mangels objektiver epidemiologischer Kriterien und der Unberechenbarkeit des Virus nahezu unkalkulierbar. Und so könnte es sein, dass sich die Geschichte des gerade abgelaufenen australischen Winters hier wiederholt: Hohe Infektionszahlen, ein Ansturm auf Intensivstationen – aber unter dem Strich weniger Influenza-Opfer als im Winter davor. Denn für die gewöhnliche saisonale Grippe gilt der Satz vom Sterberisiko schon längst. Nur wurde dieses Risiko eben nie mit einer Pandemiewarnung verknüpft.

Mit Blick auf die nackte Statistik ist die Virusgefahr für eine erdrückende Mehrheit ohnehin immer noch eine sehr virtuelle. Pandemiewarnung hin oder her. Die Gefahr ist nach fast einhelliger Expertenmeinung aber auch deutlich größer als das Risiko schwerer Impfschäden. Damit ist ein wichtiges Entscheidungskriterium in der jetzigen Situation benannt. Die anderen Kriterien, und die tauchen, wie jetzt etwa bei Jörg Hacker, dem obersten deutschen Pandemiewächter, öfter auf, sind eng verknüpft mit der offiziellen Pandemiewarnung.

Das Virus im Nacken

Für viele ist die Pandemie in einem Alarmierungszustand, den sie angesichts der Opferstatistik bisher noch gar nicht als solche anerkennen wollen. Es sterben – glücklicherweise – viel weniger, als es intuitiv dem Range einer Pandemie entspricht. So sind wir buchstäblich gezwungen, die höchste Pandemiewarnstufe weniger als Ausdruck einer unmittelbaren Lebensgefahr denn als moralischen Aufruf zu deuten. Ein Argument, das durch die Äußerungen von Pandemieexperten immer mehr Gewicht bekommt. Offensichtlich war der globale Aufruf, sich vorzusehen, von Anfang an Teil eines historisch einmaligen Schlachtplans. Die moralische Komponente dieses Präventivschlages gegen das Virus kommt nun erst richtig zum Tragen, da uns das Virus buchstäblich im Nacken sitzt.

Virologisch betrachtet, sind diese Argumente unangreifbar. Jeder ungeimpfte Infizierte ist eine Brutstätte für den Erreger. Und je mehr solcher Brutstätten durch die Welt gehen, je mehr also dem Virus die Gelegenheit zur Vermehrung und Ausbreitung gegeben wird, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer ultimativ gefährlichen Mutation. Ein einfacher, unbestechlicher Mechanismus der Evolution. Für die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie war er am Wochenende Grund genug, insbesondere den zahlenmäßig nicht eben wenigen Impfskeptikern unter den Ärzten ins Gewissen zu reden – während diese die Unwägbarkeiten des Impfens ins Feld führen. Die einen Mediziner hauen den anderen die Standesregeln – nicht schaden! – um die Ohren. Eine moralische Keule schlägt die andere.

Solidaritätsappelle

So greift die Lust an der Übertreibung und der Relativierung weiter um sich. Die Wirkung ist fatal. Die Glaubwürdigkeit der Ratgeber hat in diesem Kommunikationschaos schon schwer gelitten. Vielleicht liegt darin sogar die größte Schwäche des Pandemieschlachtplans: dass man ins Blaue hinein gewarnt hat, ohne die Risiken der Risikokommunikation hinreichend zu berücksichtigen. Sicher, das primäre Ziel war es ohnehin nie, die Schweinegrippe auszurotten. Das ist im Falle der Influenza auch völlig illusorisch. Aber das Minimalziel musste von Anfang an die Minimierung der Opferzahlen sein. Und die hängt jetzt, da sich der Erreger ungebremst ausbreitet, erstens von der Gefährlichkeit des Virus ab und zweitens von der Effektivität des Präventivschlages.

Lange stand die Seuchenhygiene dabei im Vordergrund. Man hat darauf gesetzt, dass das Szenario der Pandemie den allgemeinen Impfwillen vor sich hertreibt. Damit ist man hierzulande erstaunlich klar an den Impfskeptikern gescheitert. So wirft man jetzt die moralische Verantwortung für das Gemeinwohl mit in die Waagschale. Wir lernen, dass die Gefährlichkeit des Virus durch unsere kollektive Impfbereitschaft und also die jedes Einzelnen beeinflusst werden kann. Ob dieser Solidaritätsappell allerdings die persönliche Bereitschaft zur Impfung verändert und die Verwirklichung der offiziellen Pläne erleichtert? Ein europäischer Pandemieexperte zitierte vor kurzem Feldmarschall Moltke mit den Worten: „Kein Schlachtplan überlebt je den Kontakt mit dem Feind.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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