Gynäkologie

Das Eva-Prinzip in der Praxis

Von Hildegard Kaulen

25. September 2006 Beim Gynäkologen wird heute vieles nicht mehr behandelt, was früher selbstverständlich war. Brustkrebs wird inzwischen vor allem in Brustzentren behandelt, Eierstockkrebs in Ovarzentren. Bei anderen gynäkologischen Tumoren ist eine ähnliche Entwicklung im Gange. Auch die Schwangerenvorsorge erlebt eine Spezialisierung. Pränataldiagnostik, hochauflösender Ultraschall zum Ausschluß von Fehlbildungen des Kindes oder die Entbindung von Risikoschwangerschaften werden fast nur noch in Spezialeinrichtungen durchgeführt - schon aus haftungsrechtlichen Gründen. Gleichzeitig aber ist die Erwartungshaltung an die Beratungsleistung der Gynäkologen gestiegen.

Viele Frauen sind über ihre Krankheiten weitaus besser informiert als die Generation ihrer Mütter und Großmütter. Sie besorgen sich Daten aus dem Internet und wollen diese mit ihrem Arzt sichten und gewichten. Auch die Altersspanne hat sich in der Frauenheilkunde verändert. Schon 14jährige kommen heute in die Mädchensprechstunde und verlangen nach der Pille, und auch die Altersgynäkologie gewinnt wegen der demographischen Entwicklung an Bedeutung.

„Biographische Medizin“ stärken

Klaus Vetter vom Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln plädierte deshalb als Präsident des 56. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin vor wenigen Tagen für die Stärkung der „biographischen Medizin“ innerhalb der Frauenheilkunde. Dazu gehört zwangsläufig die Verbesserung der Kommunikation. Frauen wollen in den unterschiedlichen Lebensphasen mit Ehrlichkeit und Empathie über Nutzen und Risiken bestimmter Interventionen aufgeklärt und beraten werden, sei es über die Risiken einer Hormonersatztherapie, über den Nutzen des Mammographiescreenings oder über den Wert einer Gebärmutterentfernung.

Wie schwierig eine solche Beratung sein kann und wie wenig Aussagekraft manche Werte haben, erläuterte Ulrich Hoffrage von der Universität Lausanne anhand des Mammographiescreenings. Bei der Beratung über diese Früherkennungsmaßnahme wird meistens über die Senkung der Sterblichkeit gesprochen. Dieser Wert liegt bei 25 Prozent. Ohne Screening werden vier von tausend Frauen innerhalb von zehn Jahren an Brustkrebs sterben, mit dem Screening sind es wegen der besseren Früherkennung nur drei. Dieser Wert ist für eine Frau aber nur dann relevant, wenn sie diejenige ist, die nicht mehr sterben wird. Viel wichtiger ist die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein positiver Mammographiebefund bei ihr tatsächlich auf Brustkrebs schließen läßt, also der Wert für die natürliche Häufigkeit. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine fünfzigjährige Frau, die keinerlei Beschwerden hat und jedes Jahr zur Brustkrebsfrüherkennung gegangen ist, bei einem auffälligen Mammographiebefund tatsächlich Brustkrebs hat, liegt bei siebeneinhalb Prozent. Amerikanische Ärzte hatten diese Wahrscheinlichkeit bei einer Umfrage mit siebzig und achtzig Prozent beziffert, also völlig überschätzt. Bei ihrer Entscheidung hilft den Frauen also nicht der Wert für die Senkung der Sterblichkeit, sondern der Wert für die natürliche Häufigkeit.

Mit richtiger Lebensführung Gesundheit erhalten

Wie eine "biographische Medizin" aussehen kann, läßt sich am Beispiel der Harninkontinenz zeigen. Linda Cardozo vom King's College Hospital in London erläuterte auf dem Gynäkologenkongreß, daß der Verlust der Blasenkontrolle die Frauen meist nicht unvorbereitet trifft. Es ist ein langsamer Prozeß, der sich über Jahre hinzieht und der von vielen Faktoren abhängig ist, nicht nur vom Beckenboden. Auch Lebensstil, Übergewicht und Bewegung spielen eine wichtige Rolle. Die Entstehung der Harninkontinenz kann also durch eine frühzeitige Änderung der Lebensführung verhindert oder zumindest hinausgeschoben werden. Wie häufig die Blasenschwäche bereits ist, machte Heinz Kölbl von der Universitätsfrauenklinik in Mainz deutlich. Einer Umfrage der Women's Health Coalition und der Deutschen Kontinenzgesellschaft zufolge leidet jede fünfte deutsche Frau zwischen 25 und 75 Jahren unter einer Blasenschwäche. Genauso viele haben in der Vergangenheit schon einmal damit zu tun gehabt. Zusammengenommen ist das nahezu die Hälfte der weiblichen Bevölkerung. Die Gynäkologen wollen in Zukunft Präventionsprogramme entwickeln und die Frauen zu einer veränderten Lebensführung anhalten, damit die Harninkontinenz nicht zu einer weiteren Belastungsprobe für das Gesundheitssystem werden soll.

Zum Thema Bustkrebs äußerte sich Gabriel N. Hortobagyi vom Anderson Cancer Center in Houston, Texas. Ihm ging es dabei nicht um den therapeutischen Fortschritt, der in den letzten Jahren zweifelsohne erzielt worden ist, sondern um den Stellenwert als Volkskrankheit. Hortobagyi ist der Ansicht, daß Brustkrebs bald einen ähnlichen Rang haben wird wie die Aidsinfektion: eine chronische Krankheit in den Industrienationen und eine wachsende Todesursache in der Dritten Welt. Der Grund dafür liegt unter anderem in der Natur dieser Erkrankung. Brustkrebs existiert in vielen verschiedenen Formen, die heute nach molekularen Eigenschaften gegliedert und behandelt werden. Die Therapie ist dadurch individualisierter und besser geworden - gleichzeitig aber auch teurer. Viele Länder in Afrika und Asien können diese Kosten nicht aufbringen, was die Last der Erkrankung dort vergrößert, obwohl Brustkrebs in diesen Ländern seltener ist als in den Industrienationen.



Text: F.A.Z., 25.09.2006, Nr. 223 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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