
Der Impfstoff Pandemrix der Firma Glaxo Smith Kline besteht aus zwei Komponenten, die vor Verabreichung miteinander gemischt werden
19. Oktober 2009 Nach der Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben sich bisher 23.000 Menschen in Deutschland mit dem H1N1-Virus infiziert. Jörg Hacker, Präsident am RKI, rechnet damit, dass es kurzfristig wieder zu einer starken Zunahme der Fallzahlen kommen kann. Die öffentliche Meinung tendiere dazu zu glauben, es handele sich um eine harmlose Erkrankung, stellt Hacker im Interview mit der F.A.Z. fest. Wir hingegen müssen warnend feststellen, dass sich das Virus verändern, gefährlicher werden kann. Die Beimischung von Wirkverstärkern hält Hacker für sinnvoll. Der Impfstoff wirke breiter und erfasse sehr wahrscheinlich auch eventuelle Mutanten des Virus. Versäumnisse bei den Sicherheitsprüfungen sieht Hacker nicht..
Herr Professor Hacker, an der saisonalen Influenza sterben jeden Winter bis zu 10.000 Menschen in Deutschland. Trotzdem lässt sich nur etwa jeder Fünfte impfen. An der Schweinegrippe sind bislang zwei Menschen in Deutschland gestorben. Warum also sollte man sich gegen das augenscheinlich so viel harmlosere Virus H1N1 überhaupt impfen lassen?
Die Situation ist nicht vergleichbar, weil die saisonale Grippe im Winter auftritt mit vielen Infektionsfällen - und dann häufig auch mit vielen Todesfällen. Das H1N1-Virus hingegen hat schon in diesem Sommer zu vielen Fällen geführt. Und es ist auch jetzt aktiv. Wir müssen also Vorsorge für die eigentliche Grippesaison, den Winter, treffen. Insofern ist es richtig, einen Impfstoff früh zu entwickeln und der Bevölkerung anzubieten.
Wie viele Menschen haben sich inzwischen in Deutschland infiziert?
Ungefähr 23.000 - nach unseren Zählungen am Robert Koch-Institut. Es ist nach wie vor sinnvoll, die Einzelfälle so weit wie möglich zu erfassen. Bislang konnten wir damit autochthone Infektionen, die Patienten hier im Land erworben haben, und eingeschleppte, also reiseassoziierte Fälle, miteinander vergleichen.
Sind es aber nicht vermutlich viel mehr Infektionen, weil die Krankheit meist mild verläuft und unerkannt bleibt?
August. Zur Zeit ist das Geschehen weitgehend konstant. Es ist aber zu erwarten, dass es kurzfristig wieder zu einer starken Zunahme der Fallzahlen kommen kann. Dass wir am RKI nicht alle Fälle sehen, ist uns klar. So eine Untererfassung ist aber normal.
Das heißt, die Krankheit ist derzeit als im Grunde harmlos zu bezeichnen?
Es gibt immer wieder Fälle, die schwerer verlaufen. Denken Sie an die beiden Todesfälle in Deutschland - in Europa sind es mittlerweile ungefähr 200.
Müssen wir mit deutlich mehr Todesfällen in Deutschland rechnen?
Wenn es mehr Infektionen in Deutschland gibt, wird es auch mehr schwere Fälle und damit auch mehr Todesfälle geben.
Was läuft schief bei dieser Pandemie, die keiner so recht ernst nehmen mag?

Vor allem Asthmatiker und Diabetiker sollten sich nach Empfehlung des Robert-Koch-Instituts impfen lassen
Es ist schwierig, hier die Balance zu halten. Zum einen gab es, als die ersten Fälle in Mexiko und den Vereinigten Staaten auftraten, durchaus Grund zur Sorge. Gleichzeitig mussten wir damals vor allzu hysterischen Reaktionen warnen. Jetzt tendiert die öffentliche Meinung dazu zu glauben, es handele sich um eine harmlose Erkrankung. Wir hingegen müssen warnend feststellen, dass sich das Virus verändern, gefährlicher werden kann. Keinen Impfstoff herzustellen und alles abzuwiegeln ist einfach keine Alternative.
Hat die Weltgesundheitsorganisation zu früh von einer Pandemie gesprochen?
Das kann man nicht sagen. Die WHO hat bestimmte Parameter, und nach ihrer Definition handelt es sich bei der Neuen Influenza um eine Pandemie, weil es sich um ein neues Virus handelt, das sich massiv auf mindestens zwei Erdteilen von Mensch zu Mensch übertragen hat.
Trügt der Eindruck, oder profitieren die Pharmaunternehmen besonders von der Neuen Influenza?
Irgendjemand muss die Impfstoffe und Medikamente nun mal herstellen. Es ist wichtig, dass es einen Impfstoff gibt und Medikamente gegen die Grippe. Die Neuraminidasehemmer sind ebenfalls unentbehrlich für eine Therapie, auch wenn inzwischen in einigen Staaten erste Resistenzen durch Mutationen gegen eines der beiden gängigen Mittel aufgetreten sind.
Drei Impfstoffe sind für Deutschland im Gespräch, darunter einer allein für die Bundeswehr und die Bundesregierung sowie ein weiterer speziell für Schwangere, der offenbar noch in der Entwicklung ist. Warum gibt es nicht einfach für alle nur einen Impfstoff, der besonders unbedenklich ist?
Weil mehrere Firmen die Impfstoffe entwickelt haben und sie nun herstellen. Die EU-Kommission hat bisher drei Impfstoffe zugelassen. Alle sind nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts wirksam und verträglich. Und auch die Anwendung bei Schwangeren ist bei allen drei Impfstoffen von der Zulassung abgedeckt.
Aber viele machen sich Sorgen wegen der Zusammensetzung der Impfstoffe. Warum sind bei einigen Zusatzstoffe und Konservierungsstoffe beigemischt, die zum Beispiel Quecksilber enthalten?
Die Konservierungsstoffe sind notwendig, weil diese Impfstoffe in Zehner-Packungen auf den Markt kommen und man dafür sorgen muss, dass geöffnete Packungen nicht verderben. Thiomersal, eine Quecksilberverbindung, stellt kein gesundheitliches Problem dar. Die Menge pro Impfstoffdosis ist weit geringer als die, die selbst eine Schwangere pro Woche über die Nahrung aufnehmen darf. Für die Wirkverstärker, die Adjuvantien, die als Stoffe in der Natur vorkommen, liegen gleichfalls schon umfangreiche Daten vor, aus klinischen Studien und über die weltweite Anwendung eines saisonalen Grippeimpfstoffs. Sie sind aus zwei Gründen sinnvoll: Der Impfstoff wirkt breiter und erfasst sehr wahrscheinlich auch eventuelle Mutanten des Virus. Zudem braucht man deutlich weniger Antigen. Man kann zum Beispiel bei einem Impfstoff mit Wirkverstärker viermal soviel Impfstoffdosen herstellen. Das ist nicht unwesentlich, denn die Produktionskapazitäten sind limitiert. Und weltweit wird Impfstoff dringend benötigt.
Aber der amerikanische Schweinegrippe-Impfstoff kommt ohne Zusätze aus.
Das ist richtig, dafür wird aber auch viel mehr Antigen benötigt - es kann also weniger Impfstoff hergestellt werden.
Zudem wird in Amerika ein Nasenspray-Impfstoff eingesetzt, der angeblich gleich an der richtigen Stelle - in der Nase - seine Wirkung entfaltet.
Ja. Allerdings ist das ein abgeschwächter Lebendimpfstoff, der nicht für alle Patienten - wie Schwangere oder Immungeschädigte - geeignet ist. In der EU ist er nicht zugelassen.
Stimmt es, dass die neuen Impfstoffe potentiell gefährlicher sind als der saisonale Grippeimpfstoff, da die sonst üblichen Sicherheitsprüfungen für die Zulassung übersprungen worden sind?
Das sehe ich nicht. Es gibt Musterzulassungen für die Impfstoffe, und dafür wurden auch klinische Tests mit mehreren tausend Teilnehmern durchgeführt. Das Paul-Ehrlich-Institut berichtet, dass adjuvantierte Impfstoffe zwar eine höhere Reaktogenität in Bezug auf die lokale Verträglichkeit im Vergleich zu nicht adjuvantierten Impfstoffen haben. Im Vergleich zu dem zugelassenen Ganzvirusimpfstoff sind die Reaktionen aber vergleichbar. Die Tests verliefen sogar besser als erhofft. Möglicherweise reicht nun in einigen Altersgruppen eine Impfdosis für eine Immunisierung gegen das Virus aus. Bislang sind wir generell von zwei Impfungen ausgegangen.
Würden Sie also letztlich jedem die Impfung empfehlen?
Zunächst sollten sich - wie von WHO und Ständiger Impfkommission empfohlen - bestimmte Gruppen impfen lassen: vor allem chronisch Kranke, wie Asthmatiker oder Diabetiker. Darüber hinaus kann aber auch jeder andere von der Impfung profitieren, wie die Ständige Impfkommission sehr richtig geschrieben hat. Bei Schwangeren sollte individuell entschieden werden.
Grundsätzlich ist der Impfstoff für Schwangere aber unbedenklich?
Es gibt keine klinischen Studien mit Schwangeren - aus ethischen Gründen. Allerdings wissen wir insbesondere aus den Vereinigten Staaten, dass Schwangere den saisonalen nicht-adjuvantierten Impfstoff gut vertragen. Daher hat die Ständige Impfkommission gesagt, dass ein Impfstoff, der keine Adjuvantien enthält, verwendet werden sollte. Doch Schwangere, die einer erhöhten Gefahr ausgesetzt sind, zum Beispiel durch eine Grunderkrankung, sollten durchaus auf den schon jetzt bereitstehenden Impfstoff zurückgreifen. Denn zugelassen ist er für Schwangere. Und alle Daten, die erhoben wurden, weisen nicht auf ein Risiko hin.
Was, wenn die Pandemie letztlich keine war? Fürchten Sie nicht, dass die Bevölkerung Maßnahmen gegen ein womöglich weitaus gefährlicheres Virus in der Zukunft überhaupt nicht mehr ernst nehmen könnte?
Das denke ich nicht. International ist gemeinsam und koordiniert reagiert worden. Wir haben in Deutschland seit dem ersten Auftreten des neuen Virus ausführlich und sachlich informiert, auch darüber, was wir nicht wissen. Und es ist durchaus möglich, dass sich die Schweinegrippe hierzulande auch darum nicht so fulminant entwickelt hat, weil erfolgreich Maßnahmen gegen sie ergriffen wurden.
Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa