Von Nicola von Lutterotti
22. März 2005 Daß die Einnahme von Acetylsalicylsäure Patienten mit erhöhtem Infarktrisiko vor Herzanfällen schützt, legen die Ergebnisse zahlreicher Studien nahe. Weniger gut erforscht war bislang, inwieweit der unter dem Namen Aspirin bekannte Entzündungs- und Gerinnungshemmer auch gesunde Menschen vor akuten Verschlüssen der Herzschlagadern bewahrt.
Wenig Aufmerksamkeit hat dabei vor allem das weibliche Geschlecht erhalten, zumal dessen Anfälligkeit für Infarkte lange unterschätzt wurde. Dabei stellen arteriosklerotisch bedingte Gefäßschäden und ihre Folgen, etwa Herzinfarkt und Gehirnschlag, mittlerweile auch bei Frauen die häufigste Todesursache dar. Grund genug für amerikanische Wissenschaftler um Paul Ridker von der Harvard Medical School in Boston, gesunde Frauen mittleren Alters über einen längeren Zeitraum hinweg mit Acetylsalicylsäure zu behandeln. Die Forscher interessierten sich dabei für die Frage, inwieweit eine solche Therapie Herzattacken und Schlaganfällen vorzubeugen vermag. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sind nun in der Online-Ausgabe des "New England Journal of Medicine" veröffentlicht worden.
Weniger Schlaganfälle
An der Studie beteiligten sich knapp 40.000 berufstätige Frauen, die zu Beginn der Untersuchung mindestens 45 Jahre alt waren. Nach den Regeln des Zufalls erhielt eine Hälfte der Teilnehmerinnen jeden zweiten Tag 100 Milligramm Acetylsalicylsäure, die andere Hälfte entsprechend ein wirkungsloses Scheinpräparat.
Zehn Jahre später zogen die Ärzte dann Bilanz. Zu jenem Zeitpunkt hatten von den mit dem Gerinnungshemmer behandelten Frauen insgesamt 477 einen schweren, teilweise tödlichen Herzanfall oder Gehirnschlag erlitten; im anderen Kollektiv waren es demgegenüber 522 und damit rund zehn Prozent mehr. Dieser Unterschied beruhte in erster Linie auf einer geringeren Zahl an Schlaganfällen bei den Patienten, die regelmäßig Acetylsalicylsäure eingenommen hatten. Das Medikament konnte offenbar nur der Entstehung von Schlaganfällen vorbeugen, nicht hingegen jener von Herzinfarkten. Wie nicht anders zu erwarten, erhöhte es zudem die Gefahr von teilweise schweren Blutungen. Beschwerden im Magen und Darm, eine häufige Nebenwirkung der Behandlung mit Acetylsalicylsäure, kamen andererseits in beiden Gruppen gleich häufig vor. Die gute Verträglichkeit des Gerinnungshemmers führen die amerikanischen Forscher darauf zurück, daß nur geringe Mengen verwendet wurden.
Potentiell schädlich
Weshalb eine Therapie mit Acetylsalicylsäure Frauen eher vor Schlaganfällen schützt, während sie Männer in erster Linie vor Herzinfarkten bewahrt, geht aus der Studie nicht hervor. Dafür zeigen die Ergebnisse der amerikanischen Untersuchung wieder einmal, daß erwünschte Wirkungen von Arzneimitteln häufig mit unerwünschten erkauft werden müssen. Inwieweit es sich rechtfertigen läßt, gesunde Menschen langfristig mit potentiell schädlichen Medikamenten zu behandeln, ist fraglich. Dies um so mehr, als der Nutzen einer solchen Therapie in der vorliegenden Untersuchung nicht besonders ausgeprägt war. Mit gesundheitsfördernden Maßnahmen, etwa mehr Bewegung, kann man jedenfalls mehr erreichen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2005, Nr. 69 / Seite N1
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb