Medizin

Im Dienste der Herzbeschwerden

Von Brigitte Roth

Herzinfarkt: Ein Drittel stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus

Herzinfarkt: Ein Drittel stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus

13. Mai 2004 Ärzte und Patienten sprechen oft unterschiedliche Sprachen, wenn sie überhaupt miteinander reden. Denn eine zunehmende Bürokratie läßt dem Doktor immer weniger Zeit, sich um seine Patienten zu kümmern. Der Mitbegründer der Deutschen Herzstiftung, Martin Kaltenbach, redet bereits von einem Mißstand, dem die Herzstiftung entgegenwirken möchte.

Indem die Organisation die Menschen beispielsweise so aufklärt, daß sie zu Fachleuten ihrer Krankheit werden, lernen sie ihren Arzt schneller und besser zu verstehen. "Ein mündiger Patient kann auch besser mit einer Therapie umgehen." Eine Brücke zwischen Wissenschaft, Medizinern und Betroffenen zu schlagen war von Anfang an ein wesentliches Anliegen der Herzstiftung, die an diesem Freitag in der Frankfurter Paulskirche ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert. Durch die Initiative des Kardiologen Kaltenbach wurde die Herzstiftung in Frankfurt gegründet, wo sie auch ihren Sitz hat.

Rechtzeitig diagnostiziert und behandelt

"Damals war Deutschland in der Herzmedizin massiv unterversorgt", sagt Kaltenbach, der bis zu seiner Emeritierung 1993 rund zwanzig Jahre am Universitätsklinikum Frankfurt die Kardiologie leitete. Selbst Schwerkranke hätten oft monatelang auf eine Untersuchung mittels Katheter und weitere Monate auf eine Operation warten müssen. Viele Patienten wurden ins Ausland geschickt, obwohl die deutsche Herzchirurgie ein hohes internationales Ansehen genoß. Andere Patienten starben.

Diesen Mißstand in ganz Deutschland zu beheben war daher eines der ersten Anliegen der Deutschen Herzstiftung. Mit Öffentlichkeitsarbeit versuchte die Organisation, auf die politisch Verantwortlichen einzuwirken. Mit Erfolg. Die Gesundheitsminister der Länder orientierten sich nach Auskunft von Kaltenbach mit ihren Plänen an dem "von uns vorbereiteten Material". Heute könne jeder Herzkranke rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden, weil es genügend Plätze gebe.

Überlebenschancen verbessern

Da heute bei mehr Menschen die Vorboten eines Infarktes erkannt werden, dieser durch Ballondillation oder Bypass-Operationen auch erfolgreicher behandelt wird, sterben längst nicht mehr so viele Menschen an einem Herzinfarkt wie noch in den siebziger Jahren. Die Zahl ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden innerhalb von zwanzig Jahren um rund 12.500 auf 69.274 im Jahr 2002 zurückgegangen. Heutzutage kann man durch schonendere Techniken auch Siebzig- und Achtzigjährige mit einem niedrigen Risiko am Herzen operieren.

Dennoch kann niemand damit zufrieden sein, daß ein Drittel der Patienten noch vor der Einlieferung ins Krankenhaus und zehn bis fünfzehn Prozent innerhalb der ersten 24 Stunden in der Klinik sterben. Um die Überlebenschancen der Infarktpatienten weiter zu verbessern, Diagnose und Therapie zu optimieren, fördert die Deutsche Herzstiftung als jüngstes Projekt eine Studie in Augsburg mit 100.000 Euro.

Prävention im Mittelpunkt

Insgesamt steckte die Organisation seit 1990 rund sechs Millionen Euro in patientennahe wissenschaftliche Untersuchungen. Noch effektiver als jede Therapie ist selbstverständlich die Vorbeugung. Die Prävention, aber auch die Aufklärung über Symptome und richtiges Handeln bei einem Herzinfarkt stehen im Mittelpunkt der Herzwochen, die alle zwei Jahre bundesweit stattfinden. Diese Kampagne ist das wichtigste und größte Projekt der Herzstiftung.

Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) muß seiner Ehefrau Barbara, seit 1987 Schirmherrin der Deutschen Herzstiftung, gut zugehört haben. Als er 1989 bei einem Friseurbesuch in Bonn starke Schmerzen in Unterkiefer und Brustkorb bekam, konnte er die Zeichen sofort richtig deuten. Denn typische Infarktsymptome sind lang anhaltende, starke Brustschmerzen, die in Arme, Schulterblätter, Oberbauch, Hals und eben auch Kiefer ausstrahlen können. Genscher ließ sich umgehend in die Klinik fahren. Das hat ihm das Leben gerettet.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2004, Nr. 112
Bildmaterial: ZB

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

Blättern
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche