Von Martina Lenzen-Schulte
21. Juni 2009 Nahezu die Hälfte aller erwachsenen Deutschen leidet an zu hohem Blutdruck. Nach neuesten Schätzungen beziffert sich ihre Zahl sogar auf 37,5 Millionen. Ältere Menschen sind besonders gefährdet. Von drei Personen, die älter als 65 Jahre sind, haben bereits zwei einen zu hohen Blutdruck, ihr Anteil wächst gleichsam mit jedem Lebensjahr.
Die gesundheitlichen Folgen für die Älteren unter den Hochdruckkranken werden viel zu wenig ernst genommen. Die Betroffenen erhalten meist keine und fast immer keine hinreichend wirksame Behandlung, die Ärzte klären sie zudem nicht einmal auf. Das ist das traurige Fazit einer Sitzung, die sich auf dem Internistenkongress in Wiesbaden dem Altershochdruck - der "unterschätzten Katastrophe" - widmete. Zunächst nur spärlich besucht, fanden sich im Verlauf immer mehr Zuhörer im Saal ein.
Laxheit bei älteren Patienten
Zwar wollen einer Befragung zufolge mehr als 90 Prozent der Ärzte den Hochdruck ihrer Patienten senken. Dass dies aber nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist, zeigte der Epidemiologe Ulrich Keil von der Universität Münster daran, dass lediglich die Hälfte von ihnen tatsächlich eine Therapie beginnen mochte, und dies bei einem Blutdruckwert, bei dem eigentlich die Notwendigkeit einer Behandlung völlig außer Zweifel stand. Bei den Älteren ist man dabei besonders lax. Denn während etwa ein zu hoher Blutdruck von Koronarkranken, die jünger als 50 Jahre alt sind, in rund 60 Prozent der Fälle ausreichend behandelt wird, genügt man bei den 70 bis 79 Jahre alten nur in 35 Prozent dem Anspruch auf eine sachgerechte Therapie.
Nicht nur das. Sämtliche Verbesserungen der Hochdrucktherapie, auf die man in Deutschland stolz sein will, sind an den Alten letztlich vorübergegangen. Das belegte Hans-Ulrich Wittchen von der Klinik für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Dresden, der in seiner Studie auf die Daten von 55 000 Patienten aus 3000 Hausarztpraxen zurückgreifen kann. Es zeigte sich zudem, dass 40 Prozent aller älteren Patienten, bei denen man einen Bluthochdruck richtig diagnostiziert hatte und die sogar mehrere Medikamente für dessen Therapie erhielten, nichts von dieser Erkrankung wussten.
Der Faktor Multimorbidität
Eine Erklärung, die für die schlechte Behandlung der älteren Patienten häufig als Ausrede herhalten muss, ist deren Multimorbidität, das Vorliegen mehrerer Erkrankungen. Das nämlich mache die Therapie wegen der vielen Wechsel- und Nebenwirkungen besonders schwierig. Wittchen legte indes in Wiesbaden dar, dass der Faktor Multimorbidität keineswegs überdurchschnittlich oft ein Hindernis für Behandlung darstellte, vielmehr waren es das Alter und der Diabetes. Das heißt: Nicht jenen Patienten, die an vielen verschiedenen Erkrankungen leiden, wird eine wirksame Hochdrucktherapie vorenthalten, sondern denen, die alt sind oder zuckerkrank oder beides.
Selbst das Argument, der Nutzen einer Hochdrucktherapie für betagte Patienten sei nicht erkennbar, kann nicht mehr als Rechtfertigung für den therapeutischen Nihilismus herhalten. Das wurde durch die Ergebnisse der Hyvet-Studie eindrucksvoll widerlegt: Hier hat man für 3845 Patienten im Alter von 80 bis 105 Jahren überzeugend nachweisen können, dass durch Blutdrucksenkung die Schlaganfallrate um 30 Prozent, die Sterblichkeit um 21 Prozent und das Auftreten von Herzversagen um 64 Prozent verringert worden sind. Die Studie wurde wegen dieser überraschend eindeutigen Erfolge sogar vorzeitig abgebrochen, damit auch die mit Placebo behandelte Gruppe die wirksamere Therapie erhalten konnte. Deshalb müsse jeder Patient, der an überhöhtem Blutdruck leide, behandelt werden, egal, wie alt er sei, fasste Martin Wehling, Pharmakologe am Klinikum Mannheim, den Sachstand zusammen.
Ausdauertraining wirkt
Welche Blutdruckmedikamente sich für die älteren Patienten am besten eignen, darüber wurde in Wiesbaden noch diskutiert. Sicher ist indes, dass Bewegung und Sport auch für den älteren Patienten effiziente Blutdrucksenker darstellen, wie Martin Halle, Sportmediziner an der Technischen Universität in München, anhand zahlreicher Beispiele belegte. Das liegt unter anderem daran, dass körperliche Aktivität das allmähliche Steifwerden der Blutgefäße um Jahrzehnte hinauszuschieben vermag. Schon wer sich dreimal in der Woche für zwanzig Minuten einem Ausdauertraining aussetzt - Fahrradfahren, strammem Spazierengehen oder Laufen, ohne zu "schnaufen" -, senkt seinen oberen Blutdruckwert nachweislich um bis zu 10 Millimeter Quecksilber, den unteren um etwa 5.
Es ist nie zu spät, damit zu beginnen. Selbst mehr als 75 Jahre alte Patienten können durch Bewegung ihr Sterblichkeitsrisiko senken. Wie wenig das Einstiegsalter zählt, belegen nicht allein die wissenschaftlichen Studien. Der Inder Fauja Singh lief erst im Alter von 89 Jahren seinen ersten Marathon, drei Jahre später stellte er beim Toronto Waterfront Marathon einen neuen Altersklassenweltrekord auf.
Text: F.A.Z.
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