Pille

Krebserregend

Von Nicola von Lutterotti

09. August 2005 Als krebserregend hat die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Inhaltsstoffe der "Pille" und der zur Linderung von Wechseljahrsbeschwerden dienenden Hormonersatzpräparate vor wenigen Tagen bezeichnet. Während die schädlichen Auswirkungen einer Hormonersatztherapie schon seit längerem bekannt sind, haben die neuen Warnungen, zumindest was die Gefahren der Verhütungsmittel angeht, doch viele Experten erstaunt. So sollen die Ovulationshemmer nicht nur die Entstehung von bösartigen Wucherungen im Gebärmutterhals begünstigen, sondern auch Brustkrebs und Leberzellkrebs. Zu diesem Ergebnis kommt das aus 21 Wissenschaftlern bestehende Gremium angeblich nach eingehender Analyse der einschlägigen Fachliteratur.

Wie die Experten zugleich einräumen, schützt die Einnahme der Pille zwar vor anderen Tumorleiden, darunter Eierstockkrebs und Karzinomen der Gebärmutterschleimhaut. Alles in allem attestieren sie den hormonhaltigen Mitteln, die sich meist aus einem Östrogen und einem Gestagen zusammensetzen, jedoch eine krebserzeugende Wirkung. Das Geheimnis der Forscher bleibt es vorerst, auf welche Studien sie ihre Aussagen genau stützen. Keinerlei Angaben enthält ihr in der Zeitschrift "Lancet Oncology" (Bd. 6, S. 522) veröffentlichter Bericht zudem über die Höhe der jeweiligen Krebsrisiken. Nähere Angaben soll der Abschlußbericht liefern, der Anfang nächsten Jahres publiziert wird.

Studien liefern keinen Hinweis

Schon vor sechs Jahren hatte sich die Expertengruppe in Lyon, dem Stammsitz der IARC, getroffen, um über die kanzerogenen Einflüsse von oralen Verhütungsmitteln und Hormonersatzpräparaten zu debattieren. Damals fielen ihre Warnungen allerdings etwas weniger eindringlich aus. Daß die Einnahme von Ovulationshemmern der Entstehung eines Mammakarzinoms Vorschub leisten soll, ist heute nur schwer nachvollziehbar. Die meisten Studien liefern keinen Hinweis auf einen solchen Zusammenhang. Selbst nach langjähriger Anwendung der Pille war das Brustkrebsrisiko, wenn überhaupt, höchstens minimal erhöht und auch nur bei bestimmten Gruppen von Frauen. Elmar Stickeler von der Universitätsfrauenklinik in Freiburg kommentierte die Ergebnisse des Expertengremiums entsprechend: Schwangerschaften würden ein viel höheres gesundheitliches Risiko bergen als die Anwendung der Pille.

Noch nicht abschließend beantworten läßt sich ferner, inwieweit die Pille bösartigen Wucherungen im Gebärmutterhals den Weg bereitet. Solche Krebsleiden beruhen fast immer auf Infektionen mit Papillomaviren, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Wie die Experten der WHO anmerken, verstärken die Inhaltsstoffe der Verhütungsmittel die kanzerogenen Eigenschaften dieser Erreger. Inwieweit diese Hypothese zutrifft, ist bislang allerdings noch offen. Denkbar wäre nämlich auch, daß sich Anwenderinnen der "Pille" eher mit dem Virus anstecken, weil sie sexuell aktiver sind als Frauen, die auf die Mittel verzichten.

Da Leberzellkrebs hierzulande selten vorkommt, stellt sich außerdem die Frage, wie relevant in dem Fall eine leichte Erhöhung der Erkrankungsrate überhaupt ist - falls es sich dabei nicht ohnehin um einen Zufallsbefund handelt. Ein Anstieg des Brustkrebsrisikos würde demgegenüber sehr viel schwerer wiegen, zumal rund zehn Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens an einem Mammakarzinom erkranken. Die Äußerungen der Autoren sind insofern kontraproduktiv, als sie Gynäkologen und deren Patientinnen beunruhigen, ohne ihnen Informationen an die Hand zu geben, wie sie Nutzen und Risiken der oralen Schwangerschaftsverhütung besser einschätzen können.



Text: F.A.Z., 10.08.2005, Nr. 184 / Seite N2
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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