Von Volker Stollorz
02. November 2009 Es geschah vor 100 Jahren häufiger, dass wissenschaftliche Durchbrüche zuerst in Zeitungen vermeldet wurden. Ungewöhnlich ist jedoch, wenn eine medizinische Sensation nachweislich zu einem früheren Zeitpunkt in der Tageszeitung steht, als ihre Veröffentlichung eigentlich datiert wird.
In den meisten Lexika steht, dass Paul Ehrlich seine im Labor entdeckte Arznei Salvarsan“ der staunenden Weltöffentlichkeit erstmals am 19. April 1910 auf dem Internationalen Kongress für Innere Medizin in Wiesbaden präsentierte, dem damaligen Mekka für Ärzte. Doch die Leser der Frankfurter Zeitung erfuhren bereits am 2. November 1909 in wenigen Zeilen alles Wichtige über Ein neues Mittel gegen die Syphilis?“. Die Nachricht über einen Vortrag des Geheimrats Paul Ehrlich, gehalten am 1. November, dürfte Leser elektrisiert haben – trotz Fragezeichen. Denn Syphilis war damals ein schrecklicher Begleiter der Fleischeslust, und die Medizin war gegen die häufige Geschlechtskrankheit machtlos.
Treponema pallidum im Visier
Außerdem war Ehrlich kein Unbekannter – ein Jahr zuvor hatte er den Nobelpreis für Medizin erhalten. Er gehörte wie Robert Koch und Emil von Behring zu den berühmtesten Gelehrten im Kaiserreich. Als Bakterienjäger und Erfinder von Therapien gegen Infektionskrankheiten hatten sie Ruhm und Ehre erworben. Ehrlichs Vortrag schien dem leider anonymen Reporter also zu Recht eine Meldung wert. Ob er selber ahnte, dass er als früher Augenzeuge eine der Sternstunden der Medizingeschichte beschrieb? Immerhin hatte Ehrlich über seine Tierversuche an Kaninchen bei einer Fortbildung an renommiertem Ort gesprochen. Schon die vorläufigen Ergebnisse waren eine echte Sensation, von der hier in der Meldung exklusiv und in aller Vorsicht berichtet wird.
In historischen Erzählungen über den Weg zur Salvarsan-Entdeckung liest man, dass sich Ehrlich 1909 auf die Suche nach einem Arzneimittel gemacht hatte, das sehr gezielt gegen Treponema pallidum wirken sollte, den Syphilis-Erreger. Zuvor hatte er drei Jahre lang in einer von einer jüdischen Stifterin finanzierten Forschungsstätte in Frankfurt vergeblich versucht, ein wirksames und verträgliches Mittel gegen die Schlafkrankheit auf der Basis von Farbstoffen zu entwickeln. Ehrlich hatte dabei eine aus heutiger Sicht geniale Suchstrategie angewandt: Durch immer neue Synthesen ließ er biologisch aktive Farbstoffe chemisch so lange variieren, bis diese im Tierversuch Zellen von Erregern zwar attackierten, zugleich aber körpereigene Gewebe verschonten. Kollegen hatten Ehrlichs Suche nach den magischen Zauberkugeln“ zwar belächelt. Aber seit der Syphilis-Erreger 1905 entdeckt worden war, träumte Ehrlich davon, seine Versuche einer Chemiotherapie“ auf die Lustseuche auszudehnen.
Ein zögernder Entdecker
Das Geschick von Sahachiro Hata brachte dabei den Durchbruch. Daher ist es vermutlich kein Zufall, dass der blutjunge Japaner in der Zeitungsmeldung als Geburtshelfer der Entdecker erwähnt wird. Hata war 1906 nach Deutschland gereist, um von den berühmten Bakterienjägern Robert Koch und Emil von Behring zu lernen. Anfang 1909 heuerte Hata am Georg-Speyer-Haus für Experimentelle Therapie“ in Frankfurt an, um dort zusammen mit Ehrlich an dem neuen Syphilis-Projekt zu forschen. In wenigen Monaten etablierte der Biologe ein Versuchsmodell, bei dem Kaninchen im Auge oder am Hodensack mit Syphilis-Erregern infiziert wurden. So konnten die Forscher die für die Lustseuche typischen Schleimhaut-Geschwüre auslösen. In einem nächsten Schritt sollten diese mit zuvor im Labor hergestellten Chemikalien zum Verschwinden gebracht werden. Nach Tests mit Hunderten von Substanzen muss Hata mit dem Präparat 606 im Juni 1909 einen Volltreffer gelandet haben. In wenigen Tagen“, vermeldete die Frankfurter Zeitung Monate später, seien die Geschwüre mit Hilfe eines neuen von Ehrlich gefundenen Mittels“ zur Ausheilung“ gebracht worden.
Medizinhistorisch verblüffend ist noch ein weiterer in der Meldung versteckter Hinweis. Ehrlich zögerte offenbar lange, öffentlich über erste Versuche mit Salvarsan an Menschen zu sprechen. So mahnt er in Berlin: An eine Verwendung des neuen Mittels zur Behandlung der menschlichen Syphilis könne nicht eher gedacht werden“, bis nicht weitere sehr sorgfältige Versuche in Krankenhäusern zu näheren Aufschlüssen geführt hätten“. Im Wort weitere“ versteckt sich die Botschaft, dass es erste Tests gab – schon im Juni 1909 hatte er die Substanz 606 zur Therapie syphilitischer Fieberschübe patentieren lassen.
Es folgten endlose Kontroversen
Ehrlich verteilte die arsenhaltige Substanz 606 zunächst heimlich an Ärzte seines Vertrauens. Salvarsan wurde offenbar im September 1909 zunächst in Uchtspringe, später dann auch in Magdeburg an ersten syphilitischen Paralytikern“ getestet, also kurz vor der Zeitungsmeldung über den Berliner Vortrag. Die frühen Erfolge müssen die Vertrauten Ehrlichs so sehr begeistert haben, dass sich der Gelehrte im April 1910 dann auf die Weltbühne wagte. Der Rest ist Medizingeschichte: Ende des Jahres waren weltweit bereits 20 000 Patienten behandelt worden, eine für damalige Verhältnisse rasche Diffusion medizinischen Wissens in die Praxis.
Doch trotz aller Vorsicht des Entdeckers zeigten sich bald die Kehrseiten der Salvarsan-Therapie. Patienten entwickelten zum Teil toxische Effekte, und schwere Syphilis konnte die Arznei nicht heilen. Nach dem ersten Jubel verstrickte sich der Gelehrte in scheinbar endlose Kontroversen. Nach einem Enthüllungsbericht im Frankfurter Blatt Der Freigeist kam es 1914 sogar zu einem berüchtigten Prozess. Frankfurter Prostituierte hatten sich gegenüber einem Reporter darüber beschwert, dass Ärzte in einem Spital ihnen das gefährliche Syphilis-Mittel ohne ihre Zustimmung verabreicht hätten. Um seine wissenschaftliche Ehre zu retten, verteidigte Ehrlich in dem Prozess die Unbedenklichkeit seines Syphilis-Mittels. Die Richter waren am Ende so von der Wirkung der Arznei überzeugt, dass sie nicht die Ärzte, sondern den Reporter zu einem Jahr Gefängnis verurteilten. Ehrlich fühlte sich trotzdem verfolgt. Der enttäuschte Gelehrte soll über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erfreut gewesen sein – da er selbst endlich aus den Schlagzeilen verschwinde. Bald darauf erlitt er einen Herzinfarkt, und im August 1915 starb er in Bad Homburg an einem zweiten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: www.paul-ehrlich.de