Von Martina Lenzen-Schulte
22. September 2007 In der Medizin dominiert der Mann, auch bei den anatomischen Darstellungen in Lehrbüchern und Atlanten. Dadurch, so klagten Geschlechterforscher schon vor mehr als zehn Jahren im amerikanischen Ärzteblatt, setze sich der männliche Körper als Standard in den Köpfen der Medizinstudenten fest und sorge schon früh für eine Schieflage in der Wahrnehmung. Die jüngsten Beobachtungen, die dies bestätigen, stammen aus der Orthopädie und Unfallchirurgie.
Nach einem Bericht des Bundesausschusses für Qualitätssicherung aus dem Jahr 2006 werden 69 Prozent aller neuen Knieprothesen bei Frauen eingesetzt – sie haben häufiger Arthrose und benötigen daher eher diesen Gelenkersatz. Die Prototypen der künstlichen Kniegelenke wurden indes hauptsächlich aufgrund anatomischer Vermessungen an Männerknien entwickelt. Sie entstammen im Wesentlichen den rund 3000 Datensätzen von Rekruten der amerikanischen Armee.
Ersatz für Unisex-Knieprothesen
Obwohl Paolo Aglietti von der Cornell University in New York schon vor 25 Jahren die entscheidenden Abweichungen zwischen männlichen und weiblichen Kniegelenken dokumentiert hatte, gibt es für Frauen erst seit kurzem eine andere Option als die bisherigen Unisex-Knieprothesen. Auf dem diesjährigen Europäischen Kongress der Orthopäden und Unfallchirurgen in Florenz wurden jene Erkenntnisse vorgestellt, die für die neue, feminine Prothesenkollektion sprechen. Wesentlich befördert wurde die aktuelle Entwicklung spezifisch weiblicher Modelle durch die 3D-Vermessungen von Mohamed Mahfouz an der Universität in Knoxville (Tennessee). Er hat den ersten Knochenatlas herausgegeben, der auch anatomische Unterschiede zwischen Mann und Frau darstellt.
In Florenz erläuterte Mahfouz die Geschlechterdifferenzen beim Kniegelenk. So ist das untere Ende des Oberschenkelknochens mit seinen beiden Verdickungen oder Kondylen bei der Frau seitlich nicht so ausladend wie beim Mann. Kniegelenksprothesen gibt es zwar in acht bis neun verschiedenen Größen. Allerdings steht die seitliche Ausdehnung immer in einem bestimmten – eben männlichen – Verhältnis zu den Ausmaßen von vorne nach hinten. Wählt man mithin eine Prothese, die von der Länge her passen würde, steht sie bei Frauen häufig seitlich über. Nimmt man hingegen eine in der Breite passende Prothese, so ist diese von hinten nach vorne gemessen zu kurz. Frauen seien eben nicht einfach kleinere Männer, hieß es hierzu in Florenz.
Kompliziertes Rollscharnier
Das Kniegelenk ist ein kompliziertes Roll-Scharnier für die Beugung und Streckung, das zusätzlich eine leichte Drehung nach innen und außen erlaubt. Hierfür spielen die Führungswinkel der Knochenrinnen von Oberschenkel, Unterschenkel und Kniescheibe eine große Rolle. Sie verlaufen – wegen der unterschiedlichen Ausgestaltung von männlichem und weiblichem Becken – bei Frauen anders als bei Männern. Zudem ist die Vorderseite des Oberschenkels bei Frauen dünner. Die herkömmlichen Implantate stoßen daher bei Frauen eher an der Hinterseite der Kniescheibe an. Patientinnen berichten nach der Kniegelenkserneuerung häufiger als Männer über ein Fremdkörpergefühl. In zwei Untersuchungen ist man jüngst der Frage nachgegangen, warum rund ein Fünftel aller Patienten nach Kniegelenksersatz unzufrieden ist. Gefragt wurde zum Beispiel nach chronischen Schmerzen und dem Funktionieren des neuen Gelenks. Dabei zeigte sich übereinstimmend, dass Frauen unabhängig von anderen Faktoren deutlich mehr Beschwerden hatten als Männer (Journal of Bone and Joint Surgery“, Bd. 89, S. 893).
Weil die ersten weiblichen Prothesentypen erst seit kurzem auf dem Markt sind, gibt es noch keine Langzeitvergleiche mit den bisherigen Implantaten. Robert Booth vom Pennsylvania Hospital in Philadelphia konnte allerdings in Florenz schon über erste positive Erfahrungen hinsichtlich der Beweglichkeit berichten. Wegen des Überhanges bei den alten Implantaten werden die Bänder und Menisken eher eingeklemmt, wodurch bei Frauen häufig das Beugen und Strecken im Knie behindert ist. Booth stellte fest, dass der Bewegungsumfang bei den geschlechtsspezifischen Implantaten um acht Grad über demjenigen der herkömmlichen Typen liegt.
Die ersten Gender-Knie
Jene Chirurgen, die bereits mit den als Gender-Knee bezeichneten weiblichen Prothesen Erfahrungen sammeln konnten, überzeugt vor allem die Passgenauigkeit schon während der Operation, wie Jochen Blum, der Leiter der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Worms, in einem Gespräch erläuterte. In der größeren Auswahl sieht Blum Vorteile nicht nur für Frauen. In aller Regel verwendet er inzwischen das neue Implantat zwar bei Frauen, mitunter aber auch bei Männern. Ebenso gibt es Blum zufolge Knieformen bei Frauen, für die sich die herkömmlichen, männlichen“ Prothesen eher eignen.
Wählerische Operateure können sich ihre Modelle vermutlich in Zukunft aus einer noch breiteren Palette aussuchen, nicht allein bei Kniegelenken. Inzwischen ist man auch im Hüftgelenk auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen gestoßen, die vor allem im Alter zutage treten, vor allem dann, wenn zusätzlich eine Osteoporose vorliegt. Allerdings bieten hier bereits die traditionellen Modelle eine große anatomische Vielfalt.
Text: mls / F.A.Z. vom 19.09.2007
Bildmaterial: dpa, Jochen Blum / Klinikum Worms