Von Nicola von Lutterotti
22. August 2007 Dass entzündliche Prozesse an der Entstehung von Herzinfarkten und anderen arteriosklerotischen Leiden mitwirken, legen etliche Beobachtungen nahe. Welche Mechanismen hierfür im Detail verantwortlich sind, ist indes erst lückenhaft bekannt. Einen wichtigen Mosaikstein des noch unvollständigen Bildes könnten nun Wissenschaftler um die Kardiologen Maren Luchtefeld, Bernhard Schieffer und Helmut Drexler von der Medizinischen Hochschule in Hannover bei Mäusen gefunden haben. Demnach spielt ein in den Leberzellen befindlicher Proteinschalter, ein Rezeptor namens gp130, bei der Ausbildung arteriosklerotischer Gefäßschäden eine wichtige Rolle.
Durch eine Vielzahl von äußeren Einflüssen – etwa Gewebeschäden und Infektionen – stimuliert, kurbelt der Rezeptor die Herstellung mehrerer Entzündungseiweiße an, die ihrerseits über weitere Mittelsmänner“ die entstandenen Defekte zu beheben versuchen. Das von dem Leberprotein gesteuerte Reparatursystem scheint dem Organismus allerdings nicht nur Vorteile zu bringen. Wie die Erkenntnisse der Wissenschaftler vielmehr nahelegen, kann es unter Umständen – möglicherweise wenn es zu oft aktiviert wird – erheblichen Schaden anrichten.
Bedeutsamer Wegbereiter
Denn über seine Helfershelfer alarmiert der Proteinschalter unter anderen die auch als Fresszellen bezeichneten Makrophagen. Diese Entzündungszellen dringen in die Gefäßwände ein, nehmen unter anderem chemisch verändertes Cholesterin in sich auf und entarten mit der Zeit vielfach zu Schaumzellen – eine ganze Kaskade von gefäßschädigenden Reaktionen in Gang bringende Unruhestifter. Die Anreicherung von Makrophagen in der Arterienwand gilt daher auch als einer der bedeutsamsten Wegbereiter der Arteriosklerose.
In ihren jüngsten Untersuchungen haben die Hannoveraner Wissenschaftler mit Mäusen gearbeitet, die aufgrund einer genetischen Veränderung besonders anfällig für Arteriosklerose sind. Bei einigen Tieren hatten sie das gp130-Gen in der Leber ausgeschaltet. Wie die Forscher im Journal of Experimental Medicine“ (Bd. 204, S. 1935) berichten, erlitten diese Nager nach Verzehr fetthaltigen Futters viel geringere arteriosklerotische Gefäßschäden als jene, die über ein intaktes gp130-Gen verfügten.
Weitere Untersuchungen sollen folgen
Zurückführen ließ sich der gesundheitliche Vorsprung auf eine verminderte Invasion von Fresszellen in die Arterienwand. Dass diese die Blutbahnen weniger belagerten, beruhte offenbar auf der Inaktivierung des gp130-Gens, die zu einem Mangel an einem Makrophagen anlockenden Protein in der Gefäßwand führte.
In weiteren Untersuchungen sind die Forscher dann der Frage nachgegangen, ob der dem Mäuserezeptor gp130 entsprechende Proteinschalter des Menschen – das IL6ST – ebenfalls die Gefäßalterung begünstigt. Im Erbgut von Personen, die aus Familien mit hoher Infarktbelastung stammten, fahndeten sie daraufhin nach Abweichungen im IL6ST-Gen. Möglicherweise, so die Überlegung der Wissenschaftler, kommen bestimmte Veränderungen in der betreffenden Erbanlage bei den genetisch belasteten Sippenangehörigen besonders häufig vor.
Bei einer gewissen Spielart des untersuchten Gens schien ein solcher Zusammenhang auch tatsächlich zu bestehen. Weitere Untersuchungen müssen nun aber klären, inwieweit sich die Beobachtungen der Hannoveraner Forscher verallgemeinern lassen und auf welche Weise – wenn überhaupt – die von ihnen als tatverdächtig identifizierte Genvariante das Arterioskleroserisiko beim Menschen erhöht.
Text: F.A.Z.
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