Schwangerschaften

Der Tod der Mütter

Von Martina Lenzen-Schulte

Ausgebildete Helfer und Hebammen senken die Sterblichkeit der Mütter

Ausgebildete Helfer und Hebammen senken die Sterblichkeit der Mütter

24. November 2007 Vor zwanzig Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation die Initiative „Safe Motherhood“ ins Leben gerufen, um die hohe Müttersterblichkeit in vielen Regionen der Welt zu verringern. An der Misere hat sich indes nicht viel geändert. Auf einer Konferenz in London mit dem Titel „Women Deliver“ wurde jedenfalls kürzlich eine erschütternde Bilanz vorgelegt. Das britische Medizinjournal „Lancet“ hat das zum Anlass genommen, dem Drama der weltweiten Müttersterblichkeit ein ganzes Heft zu widmen (Bd. 370, Nr. 9595).

Für rund 50 Millionen Frauen in den Entwicklungsländern bedeuten Schwangerschaft und Geburt letztlich Krankheit und Tod, wie aus einem Beitrag von Kenneth Hill vom Harvard-Zentrum für Populationsstudien in Cambridge (Massachusetts) hervorgeht. Mehr als 500.000 Frauen sterben jedes Jahr, während sie schwanger sind oder gebären, fast alle in Entwicklungsländern. Rund die Hälfte der Todesfälle ereignet sich in den Regionen südlich der Sahara, dort übersteht eine unter 16 Schwangeren die Geburt ihres Kindes nicht. Damit beginnt auch das Drama für die Kinder. Denn für jene Neugeborenen, deren Mütter bei der Geburt sterben, vervielfacht sich die Gefahr, den zweiten Geburtstag nicht mehr zu erleben.

Müttersterblichkeit um 75 Prozent verringern

Zwar dokumentiert das Heft Beispiele von Afghanistan über Ruanda bis Ecuador, wo lokale Initiativen die Situation verbessern helfen. Global gesehen sind es jedoch immer noch Tropfen auf einen heißen Stein. Lynn Freedman von der Columbia University in New York fasst jene flächendeckenden Basisstrategien zusammen, von denen sich die Experten derzeit den größten Erfolg versprechen. Zu den Faktoren, die geeignet sind, die Sterblichkeit der Mütter zu senken, zählen ausgebildete Helfer - Hebammen zum Beispiel, die die Gebärenden mit geübter Hand unterstützen. Weiterhin benötigen die Frauen Medikamente, etwa zur Einleitung einer Geburt, Blutersatz, Saugglockenassistenz und vor allem auch die Möglichkeit, im Notfall ein Zentrum zu erreichen, in dem ein Kaiserschnitt vorgenommen werden kann. Das könne, so rechnet Thoraya Ahmed Obaid vom United Nations Population Fund vor, die Müttersterblichkeit um 75 Prozent verringern.

Die Mär von jenen zähen, unverwüstlichen und noch nicht verweichlichten Bäuerinnen, die wo auch immer auf der Welt ihre Kinder mal eben am Feldrand zur Welt bringen und gleich wieder klaglos weiterarbeiten, sollte sich endlich überlebt haben. Wenn hierzulande der wachsende Gebrauch technisch-medizinischer Hilfsmittel in der Geburtshilfe immer häufiger beklagt, ja mitunter der Ruf nach einer Geburt ohne jegliche Assistenz laut wird, es gar heißt, dadurch würde der Gebärvorgang angstbesetzter und „gefährlicher“, so klingt das angesichts der weltweiten Müttermisere eher zynisch, bestenfalls ist es medizinisch naiv. Jede Frau, die sich nämlich hierzulande für eine Hausgeburt entscheiden mag, kann trotzdem auf den Notarzt und die rasche Einlieferung in eine Klinik vertrauen, wenn eine Geburtskomplikation eintritt.

Rund 20 Millionen „unsichere“ Schwangerschaftsabbrüche

Wenn Experten der Vereinten Nationen eine Rate von etwa fünf bis 15 Prozent Kaiserschnittentbindungen empfehlen, ist das kein Freibrief für die in der westlichen Welt immer populärer werdenden Entbindungen im Operationssaal. Der Anteil der Kaiserschnitte liegt in vielen Ländern mit hoher Müttersterblichkeit unter drei Prozent. Das bedeutet, dass Frauen sterben müssen, weil das Kind im Mutterleib eine ungünstige Position eingenommen hat. Gebären ist zweifellos ein natürlicher Vorgang, gesundheitlich unbedenklich ist er deshalb noch lange nicht. Auch Schwangerschaftsabbrüche, die von Laien mit mangelhaften Kenntnissen unter medizinisch unzureichenden Bedingungen vorgenommen werden, tragen erheblich zur Müttersterblichkeit bei.

Rund die Hälfte der jährlich mehr als 40 Millionen willentlich herbeigeführten Abbrüche ist in diesem Sinne „unsicher“. Die Forderungen nach der Verbesserung der medizinischen Versorgung während Schwangerschaft und Geburt oder beim Schwangerschaftsabbruch machen nur einen Teil des Maßnahmenkataloges aus, der die Müttersterblichkeit senken soll. Zugang zu Verhütungsmaßnahmen sowie Erziehung und Aufklärung der jungen Frauen zur Familienplanung zählen ebenso dazu. Inzwischen hat sich auch die Argumentation verändert, denn die Sterbeziffern allein haben offenbar nicht genügend aufgewühlt. Man hebt jetzt nicht mehr auf Mitleid und emotionale Betroffenheit ab.

Nicht mehr zögern

Aus den Erfolgen der Aids-Initiativen hat man gelernt, dass mit dem Verweis auf den sozioökonomischen Wert - hier eben der Mütter - oder den kapitalen Verlust an Produktivkräften - bei hoher Müttersterblichkeit - eher internationale Finanzmittel lockerzumachen sind. Folglich sollte schon der Konferenztitel im doppeldeutigen „Deliver“ darauf verweisen, dass Frauen der Gesellschaft nicht nur Kinder liefern, sondern auch viele andere materielle und immaterielle Güter. Dann muss es wohl heißen: Man sollte nicht mehr zögern, in dieses Wertpapier zu investieren.

Text: F.A.Z., 21.11.2007
Bildmaterial: AFP

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