Krebsrisiko

Diabetiker sind nicht nur zuckerkrank

Von Martina Lenzen-Schulte

18. Dezember 2007 Spezialisten für Diabetes sehen ihre Aufgabe darin, sich um den Blutzuckerspiegel ihrer Patienten zu kümmern. Noch, sollte man hinzufügen, denn bald müssen sie sich wohl zusätzlich als Krebstherapeuten betätigen. Der Zusammenhang zwischen der Zuckerkrankheit und einem erhöhten Krebsrisiko ist nämlich inzwischen so klar, dass daraus schon erste Handlungsanweisungen für einen anderen Umgang mit Diabetikern gezogen werden. Das war unlängst auf der Fachtagung „Insulin und Krebs“ zu hören, die Ernst Chantelau von der Medizinischen Universitätsklinik der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf veranstaltet hatte. Welche Folgerungen sich aus den Erkenntnissen ergeben können, erläuterte Jutta Berster, Diabetologin am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München, am Beispiel des Darmkrebses. Typ-II-Diabetiker - das sind gut 90 Prozent aller Zuckerkranken - haben ein auf das Dreifache erhöhtes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken.

Wenn ein Diabetes diagnostiziert wird, sollte vor jeder Einstellung des Blutzuckerspiegels eine Darmspiegelung vorgenommen werden - unabhängig vom Alter des Patienten. Zudem sollten Diabetiker in kürzeren Abständen überwacht werden, als das bei der Suche nach Darmkrebs üblicherweise vorgesehen ist. Bei den Empfehlungen handelt es sich um einen ersten Vorstoß, die Fachwelt für diese Risiken der Zuckerkrankheit sensibel zu machen. Tägliche Praxis ist diese Vorgehensweise zwar noch nicht. Aber in der Fachwelt werde zunehmend anerkannt, dass man einen Diabetiker als möglichen künftigen Krebspatienten sehen müsse, sagte Frau Berster in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Dass es gute Gründe für eine solche Einschätzung gibt, bewiesen zahlreiche neuere Erkenntnisse, die in Düsseldorf vorgestellt wurden. Fehlernährung, mangelnde Bewegung und Übergewicht sind in aller Regel die Ursache dafür, dass die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin ins Blut abgibt, um den überschüssigen Zucker etwa in Muskeln und in die Leber einzuschleusen. Das ereignet sich gut ein Jahrzehnt vor der eigentlichen Diagnose eines Diabetes.

Wachstumsfaktor Insulin

Da die Organe zunehmend weniger auf Insulin reagieren, weist das Blut dieser noch symptomfreien Personen über Jahre hinweg eine ständig erhöhte Konzentration des Hormons auf. Insulin könne aber ein machtvoller Wachstumsfaktor sein - auch wenn es leider fälschlich in den Lehrbüchern nicht unter diesem Titel geführt werde, wie Zvi Laron von der Universität Tel Aviv sagte. Hinzu kommt, dass Insulin einen weiteren Motor der Zellteilung aktiviert, den Insulin-like growth factor oder IGF. Es fördert dessen Wirkung nicht nur dadurch, dass es seine Produktion steigert. Vielmehr besetzt es auch zunehmend die Bindungsproteine, die sonst für die Blockade des IGF sorgen. Infolgedessen steht eine größere Menge frei zur Verfügung und kann seine krebsfördernde Wirkung ausüben. Doch damit nicht genug. Der Endokrinologe Francesco Frasca von der Universitätsklinik in Catania in Italien präsentierte die Ergebnisse seiner ausgeklügelten Versuchsanordnungen, die es ihm ermöglichten, auf molekularer Ebene die unheilige Allianz zwischen Insulin und IGF sichtbar zu machen.

Die unterschiedlichen Bindungsstellen für Insulin und IGF vermögen sich nämlich so zu wandeln, dass das Insulin selbst an diesen Rezeptoren plötzlich nicht mehr den Stoffwechseldompteur spielt, sondern vornehmlich zur Triebkraft der Zellvermehrung mutiert. Die Folge davon ist, dass dann seine das Tumorwachstum fördernden Eigenschaften überwiegen. Wie Paola Pisani von der Universität Oxford auf der Düsseldorfer Tagung ausführte, ist inzwischen aufgrund epidemiologischer Untersuchungen offenbar gesichert, dass eine chronisch erhöhte Insulinkonzentration im Blut das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs erhöht. Leberkrebs, Brust- und Gebärmuttertumoren sowie Darmkrebs kommen bei Diabetikern häufiger vor. Gerade das Beispiel von Tumoren an den Geschlechtsorganen lässt erkennen, dass hierbei auch die Wechselwirkung von Fettgewebe, Insulin und Geschlechtshormonen eine große, noch längst nicht aufgeklärte Rolle spielt. Übergewicht allein ist ebenfalls ein Risikofaktor.

Auch Übergewicht begünstigt Krebs

In einer Untersuchung an 900.000 Amerikanern wurde deutlich, dass jene mit dem größten Übergewicht ein um 50 bis 60 Prozent höheres Risiko aufweisen, an Krebs zu sterben, als jene mit Normalgewicht. Auch aus der Wirkung bestimmter Medikamente lassen sich inzwischen Hinweise auf eine „Achse des Bösen“ zwischen Insulin, Diabetes und Krebs ableiten. So wurde bereits vereinzelt dokumentiert, dass Chemotherapien bei diabeteskranken Tumorpatienten nicht nur die Krebskrankheit, sondern auch den Stoffwechsel günstig beeinflussen. Umgekehrt erforscht man derzeit, ob jene Substanzen, die eigentlich dafür bekannt sind, den Zuckerstoffwechsel zu regulieren, auch bedeutsame Signale für Tumorzellen aussenden. Da verwundert es nicht, dass Wissenschaftler in dieser Hinsicht die verschiedenen Varianten von Insulin unter die Lupe nehmen, die zur Behandlung des Diabetes verwendet werden. Ihre Aufmerksamkeit gilt schon lange den Insulinanaloga - für die man das Insulinmolekül künstlich abgeändert hat. Diese Substanzen sind zum Teil eng mit dem IGF verwandt.

Das nährt den Verdacht, sie könnten das Zellwachstum in besonderem Ausmaß fördern. Am Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf hat eine Forschergruppe um Jürgen Eckel nachgewiesen, dass es offenbar Unterschiede zwischen den Substanzen gibt, was deren Fähigkeit betrifft, die Zellteilung und das Wachstum anzuregen. Für die Tests verwendete man gesunde Bindegewebs- und Muskelzellen. Hierbei wurde nicht nur deutlich, dass sich die Gruppe der Analoga einer einheitlichen Bewertung entzieht - manche fördern die Zellteilung übermäßig und stoppen den Zelltod, andere eher weniger. Überraschend war vor allem, dass die Bindungsstellen für IGF offenbar auch von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich von den künstlichen Insulinen angeregt werden. Es könnte also für jeden Diabetiker gleichsam ein individuelles Risiko dafür geben, wie stark die Therapie das Zellwachstum anzuregen vermag. Womöglich lässt sich daraus ein Weg ableiten, unter jenen Zuckerkranken, die auf Insulinbehandlung angewiesen sind, Risikopatienten zu identifizieren, um sie mit erwiesen unverdächtigen Medikamenten zu therapieren.



Text: F.A.Z., 12.12.2007, Nr. 289 / Seite N2
Bildmaterial: dpa

 
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