Pharma

Großer klinischer Test der "Pille für den Mann"

Von Andreas Mihm und Carsten Knop

21. Januar 2004 Die Nachricht löst Phantasie aus: Der Berliner Pharmakonzern Schering AG und sein niederländischer Partner Organon, eine Tochter von Akzo Nobel, haben in Europa eine große klinische Studie über die "Pille für den Mann" begonnen. 42 Jahre nach der Markteinführung der "Anti-Baby-Pille" erscheint damit ein hormonelles Verhütungsmittel für den Mann, wenn nicht in greifbarer, so doch in erkennbarer Nähe zu sein.

Die Ergebnisse abgeschlossener Pilotstudien seien vielversprechend, stellte Schering fest. "Mit unserer gemeinsamen Studie machen wir einen großen Schritt vorwärts in der Entwicklung der ersten hormonellen Fertilitätskontrolle für den Mann", sagte Forschungsvorstand Günter Stock, der die Forschungskooperation mit Organon, einem der Wettbewerber auf dem europäischen Anti-Baby-Pillen-Markt, im November 2002 eingegangen war. Auch versuchte er die Aktienmärkte aus der Reserve zu locken mit der Formulierung: "Dieses Projekt könnte das Potential für eine weltweite Vermarktung haben."

Phantasiepotential für die Börse

Die Anleger zeigten sich zumindest interessiert. Im Verlauf des Börsentags legte der Kurs der Schering-Aktie auf Werte um 43,49 Euro zu. Allerdings, so räumt auch der Konzern ein, werde es noch "mindestens fünf bis sieben Jahre" dauern, bis die "Pille für den Mann" marktreif sei. Andererseits ist Schering ein ausgewiesener Experte im Hormongeschäft. Die "Pille" ist seit Jahrzehnten das Brot-und-Butter-Geschäft der Berliner, die auf der Welt zu den führenden Anbietern hormoneller Verhütungsmittel gehören. Ein wirksames und leicht zu benutzendes Verhütungsmittel für den Mann wäre da nicht nur für die moderne Familienplanung ein Gewinn, sondern auch für die Ergebnisrechnung des Spezialitätenkonzerns eine schöne Ergänzung mit entsprechendem Phantasiepotential für die Börse. Jubelstimmung wollte bei Analysten gleichwohl zunächst nicht aufkommen. Einerseits seien dafür die Ergebnisse der klinischen Studien, die jetzt die Phase II erreichen, zu ungewiß. Andererseits gebe es für Schering noch viel Arbeit, um einen Markt für die "Pille für den Mann" überhaupt erst zu erschließen. "In der Gesellschaft wird die Empfängnisverhütung doch noch immer vor allem als Sache der Frau verstanden", sagt Antje Laschweski, Analystin bei der Landesbank Baden-Württemberg. Zudem stelle sich die Frage, welcher Arzt eine solche Pille überhaupt verschreiben solle. "Noch am ehesten wohl der Urologe, denn einen Männerarzt gibt es ja nicht."

Kein anderer großer westlicher Pharmakonzern sei bei der Entwicklung neuer Verhütungsmittel für den Mann so weit wie Schering und Organon, sagte Axel Kamischke, Forscher am Institut für Reproduktionsmedizin an der Universität Münster, was auch Analysten bestätigen. Das Münsteraner Institut ist neben dreizehn anderen an der Schering/Organon-Testreihe beteiligt. "Die anderen großen Unternehmen schauen sich das noch an." Nur in China solle demnächst ein Verhütungsmittel für den Mann auf den Markt kommen. Denn im Vergleich zu europäischen oder schwarzhäutigen Männern sei die männliche Fruchtbarkeit bei Ostasiaten einfacher zu beeinflussen.

Reduktion der Spermien

In Europa muß die "Pille für den Mann"dagegen noch einige Hürden nehmen. Die Herausforderung bestehe darin, eine Verhütungsmethode zu entwickeln, die nicht nur verläßlich, sicher und reversibel sei, sondern vom Anwender auch akzeptiert werde, hieß es bei Schering. Bisher ist das Projekt aber noch weit von der Bequemlichkeit einer täglichen Hormongabe in Form einer "Pille" entfernt.

Denn die "Pille für den Mann" ist ein Kombipräparat aus Hormon-Implantat und einer schmerzhaften Dreimonats-Testosteron-Spritze in den Hintern. Das von Organon entwickelte Implantat gibt weibliche Hormone, das Gestagen Etonogestrel, ab. Die sorgen im männlichen Gehirn dafür, daß Botenstoffe ausschwärmen und eine Reduktion der Spermienproduktion veranlassen. Ziel des gegenwärtigen, bis Ende 2005 laufenden Testprogramms mit 350 Versuchspersonen sei es, die Zahl der Spermien pro Milliliter Samen von 20 Millionen auf weniger als eine Million zu senken, heißt es bei Schering.

Verhütungsdosis im Doppelpack

Weil das Gestagen auch die Produktion des männlichen Hormons Testosteron senkt und das zu unerwünschten Folgen führt (Auswirkungen ergeben sich auf Libido, Potenz, Muskeln, die allgemeine Leistungsbereitschaft und die Knochendichte), muß der Testosteron-Spiegel medikamentös angehoben werden. Da die Leber oral zugeführtes Testosteron aber aussondert, muß es - etwa alle drei Monate - direkt in den Muskel gespritzt werden. Laschewski wiederum sieht das nicht als großes Vermarktungshindernis an, gebe es doch inzwischen Insulinspritzen, deren Stich nicht zu spüren sei.

Zusätzliche Erkenntnisse soll nun die im November in sechs europäischen Ländern und 14 Standorten angelaufene Studie erbringen. Je nach Probandengruppe dauern die Tests 42 oder 44 Wochen. Die Studie sei eine der größten ihrer Art, die jemals zur hormonellen Fertilitätskontrolle beim Mann durchgeführt wurde, erklärt Schering. Weitere Studien sind in Vorbereitung. Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO werden die Berliner Pharmaforscher ein anderes Kombipräparat erproben. Eine spätere Zulassung stehe dabei nicht im Vordergrund, heißt es. Immerhin können sie auch so nutzbringende Erfahrungen gewinnen: Statt auf implantiertes Hormondepot und Spritze zu setzen, würde sich der willige Mann seine Verhütungsdosis im Doppelpack spritzen lassen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2004, Nr. 18 / Seite 18
Bildmaterial: ZB

 
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