Von Nicola von Lutterotti
26. Januar 2005 Beinahe einer James-Bond-Story gleicht der Bericht englischer und schweizerischer Wissenschaftler, die mit dem Spürsinn von Geheimagenten verdeckten Forschungsaktivitäten des Tabakkonzerns Philip Morris auf die Schliche gekommen sind. Viele Jahre lang haben Vertreter der Tabakindustrie demnach öffentlich behauptet, ihnen seien keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die schädlichen Folgen von Zigarettenrauch bekannt. Diese Aussage haben Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und seine beiden Schweizer Kollegen, Pascal Diethelm von OxyRomandie und Jean-Charles Rielle von Cipret-Geneve, unlängst in der Zeitschrift "Lancet" Lügen gestraft.
In akribischer Kleinarbeit haben die Autoren alle internen Dokumente und Notizen, die Philip Morris und einige weitere Tabakkonzerne im Zuge eines Schlichtungsverfahrens offenlegen mußten, durchstöbert. Wie ihre Spurensuche ergab, hatte Philip Morris mehr als drei Jahrzehnte lang die gesundheitlichen Auswirkungen von Tabakrauch untersucht, die dabei gewonnenen Erkenntnisse allerdings größtenteils verschwiegen. Nur wenige Eingeweihte wußten von den heimlichen Forschungen des Tabakherstellers. Diese wurden - offenbar aus Sicherheitsgründen - zudem nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Deutschland vorgenommen. Bei der beauftragten Forschungseinrichtung handelte es sich um ein Kölner Unternehmen namens Imbifo (Institut für Industrielle und Biologische Forschung GmbH), das Philip Morris im Jahr 1970 erworben und später einer Schweizer Tochtergesellschaft abgetreten haben soll.
Folgen des Passivrauchens
Weshalb jedoch soviel Heimlichtuerei? McKee und seine Kollegen sind überzeugt, daß Philip Morris die Erkenntnisse seiner Forschung zu eigenen Zwecken nutzen und nicht Konkurrenten und Gegnern in die Hände spielen wollte. Auch war dem Konzern offenbar daran gelegen, die schädlichen Folgen des Tabakrauchs anderen Einflußfaktoren anzulasten, etwa dem Konsum von grünem Tee. Diesen hatten Wissenschaftler des Kölner Instituts in einer älteren Untersuchung mit der Entstehung von Lungenkrebs in Verbindung gebracht .
Darüber hinaus beschäftigte man sich in Köln intensiv mit den gesundheitlichen Konsequenzen des passiven Rauchens. In den Untersuchungen erwies sich der Qualm, ob aus den Glimmstengeln direkt oder schon ausgeatmet, offenbar durchweg als extrem giftig. Das geht unter anderem aus einem Bericht hervor, den Mitarbeiter des Instituts an Philip Morris gerichtet haben sollen. Darin sei im Detail beschrieben worden, so die Verfasser des kritischen Berichts, welchen Einfluß Tabakrauch auf den Gesundheitszustand von Ratten ausübt. Passivrauchen hatte demzufolge noch schädlichere Folgen als das aktive Rauchen. Jedenfalls führte es zu größeren Schädigungen der Geruchszellen in der Nase. Auch die Organentwicklung, die Atmung und die Nahrungsaufnahme wurden beim Passivrauchen offenbar noch stärker beeinträchtigt.
Wie McKee und seine Mitstreiter schreiben, haben die Forscher von Imbifo mehr als 800 wissenschaftliche Arbeiten über die Auswirkungen von passivem Rauchen verfaßt. Ihre einschlägigen Erkenntnisse seien indes nicht oder nur bruchstückhaft veröffentlicht worden. Distanziert mutet vor diesem Hintergrund eine Pressemitteilung von Philip Morris an (www.pmusa.com/en/health_issues/secondhand_smoke.asp).
Demnach seien "Gesundheitsbeamte zu dem Schluß gekommen, daß Passivrauchen krank macht". Die Vorwürfe der Lancet-Autoren wies die Altria-Gruppe, zur der auch Philip Morris gehört, im übrigen als "verzerrt und irreführend" zurück.
Gefahren des Rauchens heruntergespielt
Auch die Ergebnisse einer weiteren Untersuchung werfen ein schlechtes Licht auf die Tabakindustrie ("Lancet", Online-Ausgabe vom 14. Januar). Wissenschaftler um Asaf Bitton von der Universität in San Francisco sind darin der Frage nachgegangen, inwieweit die Hersteller von Tabakwaren die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens herunterzuspielen versuchen. Ihr Augenmerk richteten die amerikanischen Forscher dabei auf ein Gen, das in etlichen Untersuchungen mit der Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht worden ist. Die Rede ist von dem Tumorsuppressor-Gen p53, einem normalerweise vor Krebs bewahrenden Erbfaktor. Wie ungezählte Studien gezeigt haben, führt Zigarettenrauch zu funktionellen Schäden in dieser schützenden Erbanlage. Solche Mutationen tragen wesentlich dazu bei, daß das Zellwachstum außer Kontrolle gerät und somit bösartige Tumore entstehen können. Für die Tabakindustrie arbeitende Wissenschaftler haben aber offenbar versucht, diesen Zusammenhang zu widerlegen. Das geht jedenfalls aus den Nachforschungen von Bitton und seinen Kollegen hervor. Einige Autoren, die an der Publikation der zweifelhaften Untersuchungsergebnisse beteiligt waren, sollen ihre Verbindungen zur Tabakindustrie zudem verschwiegen haben. Ähnlich bedeckt hielten sich offenbar auch die Herausgeber jener Fachjournale, in denen die fragwürdigen Arbeiten gedruckt wurden. Die neuen Erkenntnisse zeigen einmal mehr, wie wichtig es ist, Interessenkonflikte in der Forschung rigoros offenzulegen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21
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