27. Deutscher Krebskongreß

Mehr Gene und Chips, weniger Gift aus der Gießkanne

Von Joachim Müller-Jung

Genchips könnten bald den Erfolg einer Chemotherapie ermitteln

Genchips könnten bald den Erfolg einer Chemotherapie ermitteln

31. März 2006 Schon lange nicht mehr kann die Entwicklung neuer Antikrebsmittel Schritt halten mit der Geschwindigkeit der Sequenzierroboter in den Genomforschungsfabriken. Die Arzneiforschung geht ihre eigenen Wege, und sie hat ihren eigenen Rhythmus. Und dennoch hinterlassen Genom- und Proteomforschung zusammen mit der Bioinformatik, die die Informationslawine aus den molekularbiologischen Labors sammelt und integriert, immer tiefere Spuren in der Krebsmedizin. Auf dem Krebskongreß in Berlin zeichnete sich in vielen Veranstaltungen und an immer neuen Beispielen ab, daß die sogenannte individualisierte, die molekular maßgeschneiderte Therapie an vielen Fronten konkrete Formen annimmt - wenn auch noch längst nicht im Klinikalltag.

Der Gentest wird also künftig zu einer der ersten Routinemaßnahmen für den Krebspatienten werden. Und er könnte für den einen oder anderen mit der ersten bitteren Enttäuschung in der Behandlungsodyssee enden. Der „Mammachip“, den der Genetiker Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zum erstenmal in Berlin präsentierte, ermittelt noch vor jedem chirurgischen Eingriff zur Entfernung eines Brustkrebsknotens jene 25 bis 30 Prozent der Patientinnen, die von der modernsten Behandlung - einer Kombinationstherapie bestehend aus Gemcitabine, Docetaxel und Doxorubicin - überhaupt profitieren. Während diese Minderheit nicht selten vollständig geheilt werden kann, wenn die Dreifachtherapie vor der Entfernung des Tumors angewendet wird, hat sie bei der Mehrheit eben nicht diese Wirkung.

Charakteristisches Genexpressionsmuster

Im Gegenteil: Statt zu entlasten, belastet sie den Körper und schwächt die Patientinnen. Lichter hat nun zusammen mit einer Gruppe um Andreas Schneeweiß von der Universitätsfrauenklinik in Heidelberg an bisher hundert metastasefreien Patientinnen einen Genchip getestet, der Sonden von mehr als zwanzigtausend - und inzwischen von nahezu allen bekannten dreißigtausend - Gensequenzen des Menschen enthält. Der Chip ermittelt, sobald er mit dem Biopsiematerial aus dem Brustknoten in Kontakt gebracht wird, welche Gene in dem verdächtigen Gewebe wie stark aktiviert sind. Durch den Vergleich der Frauen, die auf die Dreifachtherapie ansprechen, mit solchen, bei denen später kein Therapiefortschritt festgestellt wurde, haben die Wissenschaftler inzwischen aus der im Computer ermittelten Kombination von etwa 500 Genen eine „Signatur“ erhalten, die Auskunft über die Erfolgsaussichten der Chemotherapie gibt. Und zwar nicht nur darüber, ob die Patientin auf die Arzneimittel anspricht, sondern ob tatsächlich Aussicht auf eine vollständige Rückbildung der Geschwulst besteht.

Ob das Ziel, eine mehr als neunzigprozentige Sicherheit bei der Zuordnung der Patientinnen zu erzielen, erreichbar ist, soll in einer vor kurzem begonnenen Studie in Zusammenarbeit mit anderen Kliniken überprüft werden. 260 Brustkrebspatientinnen sollen daran teilnehmen. Ein Instrument wie der „Mammachip“ zur Ermittlung eines charakteristischen Genexpressionsmusters wurde auch an der Charite in Berlin von dem Pathologen Manfred Dietel getestet. Bei 52 Patientinnen mit Eierstockkrebs konnte man damit immerhin in 78 Prozent der Fälle eine richtige Prognose der Wirksamkeit der Therapie abgeben. Das ist allerdings noch zuwenig, darin waren sich die Fachleute mit Dietel einig.

Nicht nur eine Frage der Medikamentensicherheit

Mehr Sicherheit durch mehr kontrollierte Studien mahnte auch der Dresdner Hämatologe Gerhard Ehninger an, als in einem entsprechenden Symposion über die Aussagekraft der molekularen Medizin diskutiert wurde. Standards gibt es bisher weder für die experimentellen Genchips noch für die zahlreichen anderen molekularen Marker, die als Wegweiser für die individuelle Therapie auserkoren sind.

Weglassen will also gut begründet sein - nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, daß eine achtwöchige, moderne Kombinationstherapie mittlerweile mehr als zwanzigtausend Euro kostet, wo früher für bestimmte klassische Chemotherapien über fünf Wochen kaum mehr als hundert Euro aufzuwenden waren, wie Arndt Hartmann vortrug. Die Zukunft der molekularen Medizin, das wurde damit mehr als deutlich, ist längst nicht mehr nur eine Frage der Lebensqualität und Medikamentensicherheit.

Text: F.A.Z., 29.03.2006, Nr. 75 / Seite N2
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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