Gesundheit

Organspende in der Offensive

Von Joachim Müller-Jung

Viele kranke Menschen können sich freuen: Immer mehr Organe werden gespendet

Viele kranke Menschen können sich freuen: Immer mehr Organe werden gespendet

26. Januar 2007 Ist das nun die Wende im Kampf gegen den Organmangel? Nach einer langen Zeit der Stagnation und zuletzt vier Jahren, in denen die Zahl der verpflanzten Organe hirntoter Spender wenigstens langsam, aber stetig gestiegen war, ist im Jahr 2006 erstmals die „Schallmauer“ von mehr als viertausend Transplantationen im Land überschritten worden. Das geht aus der neuesten Statistik der für die Koordination des Organersatzes zuständigen Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Neu-Isenburg hervor.

Tatsächlich sind in Deutschland noch nie so viele kranke Menschen durch die Transplantation von Organen und Geweben toter Spender gerettet worden wie im abgelaufenen Jahr. 1259 Menschen spendeten nach dem Tod ihre Organe, knapp drei Prozent mehr als im Jahr davor. Dabei handelte es sich bei den 4032 übertragenen Ersatzorganen zum überwiegenden Teil um Nieren (2254), Lebern (971), Herzen (412), Lungen (253) und Bauchspeicheldrüsen (141).

„Anderthalb Jahre Wartezeit akzeptabel“

Wenn man die Zahlen des Jahres 2006 mit dem Durchschnitt der drei Jahre davor vergleicht, kommt man auf eine in Europa derzeit nahezu beispiellose Steigerungsrate bei den postmortalen Organspenden. Sie beträgt gut siebeneinhalb Prozent. Eine Entwicklung, die der medizinische Vorstand der DSO, der Freiburger Chirurg Günter Kirste, vor allem als das Ergebnis intensiver Aufklärungsarbeit in den Kliniken betrachtet: „Wir können inzwischen deutlich mehr auf die Unterstützung der Krankenhäuser bauen als früher.“

Trotzdem herrscht noch lange keine Zufriedenheit. Denn noch immer müssen Dialysepatienten durchschnittlich fünf bis sechs Jahre auf ein passendes Organ warten, viele von ihnen vergeblich: Jeden Tag sterben nach wie vor im Schnitt drei Patienten von der Warteliste, und die führt immer noch mehr als 12 000 Personen, die einer Transplantation bedürfen. „Ein bis anderthalb Jahre Wartezeit wäre für einen Nierenpatienten akzeptabel“, sagt Kirste. Was darüber hinausgeht, belastet den ohnehin schwerkranken Patienten zusätzlich und senkt letztlich auf lange Sicht die Erfolgsaussichten der Transplantation.

Achtzig Prozent „theoretische“ Zustimmung

Mit statistisch gesehen 15,3 Organspendern pro einer Million Bundesbürgern steht man inzwischen zwar besser da als manche anderen Nationen, aber es gibt eben auch Länder wie die Vereinigten Staaten oder Spanien, die mit annähernd doppelt so hohen Spenderraten den Deutschen nach wie vor weit voraus sind. Denkbar wären hierzulande sogar weit höhere Zahlen als die gegenwärtigen, meint Kirste.

Auf den Intensivstationen sterben viele potentielle Spender, ohne dass über eine Organentnahme nachgedacht oder miteinander geredet wird. „Medizinisch gesehen ist es möglich, den Anteil der Spenderorgane auf vierzig bis fünfzig pro Million Einwohner zu bringen, daran erinnern wir die Klinikärzte.“

Und was die Akzeptanz betrifft, sprechen die Umfragen von mehr als achtzig Prozent „theoretischer“ Zustimmung zur Organspende in der Bevölkerung. Bei den von der DSO initiierten Befragungen in den Kliniken ergab sich eine Zustimmung von immerhin noch zwei Dritteln.

Überzeugungsarbeit bei den Ärzten

Den Krankenhäusern, und zwar insbesondere solchen mit chirurgischen und neurochirurgischen Abteilungen, galt die besondere Aufmerksamkeit der übers Land verteilten sechzig DSO-Koordinatoren. Dort hat man sogenannte „Qualitätszirkel“ angeregt - regelmäßige Treffen der Klinikärzte mit den Koordinatoren, die dann wie in der Frankfurter Universitätsklinik gemeinsam die Akten der auf Intensivstationen gestorbenen Patienten prüfen und nach Fällen suchen, in denen eine Transplantation vielleicht möglich gewesen wäre. Für diese Aufgabe - die Überzeugungsarbeit bei den Ärzten - sind nicht zuletzt auch die Koordinatoren selbst durch Kommunikationstraining geschult worden.

Hessen und Nordrhein-Westfalen gelten Kirste auch in anderer Hinsicht als Vorbild: „Hier bekommen wir jetzt politische Unterstützung von den Landesregierungen, die es so früher nicht gab“, sagt der Vorstand der DSO. Das persönliche Engagement der Politiker mit Auftritten in Kliniken schlage sich auf das Ansehen der Organspende und damit auf die Spendenbereitschaft nieder.

Abschaffung der geltenden Widerspruchslösung

Bezahlt machen sich in dieser Hinsicht auch die medizinischen Fortschritte. Die chirurgischen Techniken der Übertragung sind in den meisten spezialisierten Transplantationszentren inzwischen Routine, die verpflanzten Organe bleiben wegen der verbesserten Immunsupression Jahre, in vielen Fällen Jahrzehnte, funktionsfähig, und auch was Krankenhausplätze und Klinikpersonal angeht, sieht Kirste keine Defizite mehr.

Schon gar nicht, betont er, bedürfe es derzeit einer Änderung des Transplantationsgesetzes mit der immer wieder auch von herausragenden Medizinern ins Spiel gebrachten Abschaffung der geltenden Widerspruchslösung: In Ländern, in denen man automatisch von der Spendenbereitschaft jedes Bürgers ausgeht und die Zustimmungslösung längst etabliert ist, seien die Transplantationszahlen nicht wesentlich besser.

„Schicksale sprechen lassen

Eklatanten Nachholbedarf sieht die Deutsche Stiftung Organtransplantation indes in der Aufklärung. „Das ist neben der Erhöhung der Melderaten in den Kliniken die zweite entscheidende Stellschraube“, sagt Kirste. Er kündigte für dieses Jahr eine neue Öffentlichkeitskampagne an, wie sie in anderen Ländern, etwa in den Vereinigten Staaten, mit „durchschlagendem Erfolg“ unter dem Label „Donate Life“ - schenke Leben - gestartet worden war.

Dann soll es hierzulande nicht mehr darum gehen, nur von der Zufriedenheit und dem wohltuenden Gefühl zu berichten, Inhaber eines Organspenderausweises zu sein. Vielmehr sollen Geschichten von den Betroffenen im Mittelpunkt stehen, autorisierte Zitate beispielsweise aus Briefen von Organempfängern und den Hinterbliebenen der Spender, die wegen der vorgeschriebenen Anonymität in Deutschland über die DSO als Vermittlungsstelle ausgetauscht werden. Organspende sei allzu lange nur mit dem Sterben in Verbindung gebracht worden, sagt Kirste. Sie bedeute vor allem aber auch Leben: „Dafür wollen wir jetzt Schicksale sprechen lassen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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