Nanotechnologie

Mikroriskant?

Von Manfred Lindinger

14. Oktober 2003 Die Nanotechnik, die Technik des Kleinsten, hat Großes vor. In den Vereinigten Staaten, in Japan und in Europa sind die Forschungsmittel für die Nanowissenschaften drastisch erhöht worden. Im sechsten EU-Rahmenprogramm bis 2006 wurden sie mit rund 1,3 Millionen Euro bedacht. Die Initiative "Converging Technologies for the Enhancement of Human Performance" der amerikanischen National Science Foundation, die die Verschmelzung von Nano- und Biotechnik, Kognitionsforschung sowie Informatik vorantreibt, kann mit 2,3 Milliarden Dollar von staatlicher Seite rechnen.

Während aber das amerikanische NBCI-Projekt sich anschickt, einen "verbesserten" Menschen zu erschaffen und dafür vor allem in Europa auf große Kritik stößt, erhofft man sich in Deutschland vor allem Wettbewerbsvorteile für die Wirtschaft. Viele Universitäten streiten bereits hierzulande um neue Forschungs- und Kompetenzzentren. Ambitionierte Politiker haben sich selbst zu Fürsprechern künftiger Standorte erkoren. Einige Wirtschaftsexperten sehen bereits die dritte industrielle Revolution am Horizont. Denn die Technik, die Strukturen und maßgeschneiderte Partikeln von weniger als 100 Nanometern Größe kontrolliert herstellen kann, soll unter anderem schnellere Chips für Computer, effizientere Batterien, effizientere Fähren für Arzneien, hauchdünne Beschichtungen mit vielfältigen Eigenschaften hervorbringen. Die Vorstellungen reichen bis zu der fragwürdigen Vision autonomer intelligenter Nanomaschinen, die sich selbst vermehren können. In vielen Studien wird der Wert "nanotechnisch" hergestellter Produkte auf viele Milliarden Euro geschätzt.

„Nano-Ethik“ wird gefordert

Die Goldgräberstimmung wird jedoch schon jetzt getrübt. Denn der Nanotechnik droht eine ähnlich emotional geführte Debatte wie der Gentechnik. Seit einiger Zeit haben Umweltorganisationen ein neues Betätigungsfeld gefunden, um vor den ökologischen und toxischen Gefahren zu warnen, die von sich selbstreplizierenden Nanorobotern und freigesetzten Nanopartikeln ausgehen könnten. Ein Moratorium, das jegliche Forschung einfriert, bevor nicht bestimmte Risiken der Nanotechnik restlos geklärt sind, fordert beispielsweise die kanadische ETC-Gruppe ("Action Group on Erosion, Technology and Concentration"), die sich seit langem auch vehement gegen die Anwendung der grünen Gentechnik wehrt.

In diesem Sommer hatte sich auch der prominente Gegner der Gentechnik, Prinz Charles, öffentlich gegen die Nanotechnik gewandt. Die ersten Forderungen nach einer "Nano-Ethik" werden laut. Umweltorganisationen, Technikfolge-Experten und Expertenkommissionen fühlen sich auf den Plan gerufen. Dabei herrscht noch weitgehend Uneinigkeit darüber, ob es sich bei der Nanotechnik, die noch den Stand einer Nanowissenschaft hat, tatsächlich um eine so revolutionäre Errungenschaft wie die Kerntechnik seinerseits oder die Gentechnik handelt oder vielmehr um eine klassische Technik.

Nanoteilchen auf Abwegen

Bemängelt wird von den Kritikern, daß noch zu wenig über die Risiken bekannt sei. Ernstzunehmende Kritiker fürchten weniger selbstreplizierende Nanomaschinen, als vielmehr nanometergroße Teilchen, die tatsächlich in den vergangenen zwanzig Jahren vermehrt in der Atemluft zu finden sind, etwa aufgrund der Bedampfung von Autokatalysatoren mit Platinlegierungen. Andere potentielle Quellen für Nanopartikeln sind Antikratz-, Antireflex- und Antihaft-Oberflächen, die ebenfalls auf der Beschichtung von Nanopartikeln beruhen.

Gelangen solche Gegenstände nach dem Gebrauch auf der Müllhalde, könnten wieder neue Partikeln in die Umwelt freigesetzt werden. Diese werden vom Lungengewebe aufgenommen, aber nicht wie Mikropartikeln von den Freßzellen sofort eliminiert. Dadurch können sie über die Blutbahn in die Leber und die Milz gelangen, wo sie bei zu hoher Konzentration Entzündungen hervorrufen. Ähnlich verhält es sich mit den Nanoteilchen, die neuen Sonnencremes beigemischt werden. Ihr Weg führt über die Haut ins Körperinnere.

Machen Nanopartikel krank?

Bislang findet man jedoch kaum wissenschaftliche Arbeiten in den renommierten Fachzeitschriften, die die Toxizität der Nanopartikeln belegen. Als eindeutig unbedenklich erklärt hat man inzwischen die aus reinem Kohlenstoff bestehenden Fullerene und Nanoröhrchen, die zu den wichtigsten Werkstoffen beim Bau von elektronischen oder mechanischen Nanobauteilen geworden sind. Die dünne Datenlage gibt unangenehm viel Raum für undifferenzierte Schreckensszenarien und Ängste, was besonders jene Forscher spüren, die Nanopartikeln bereits für therapeutische oder diagnostische Anwendungen erproben.

In England will nun die Royal Society eine große Studie starten, die der Gefährlichkeit der Nanopartikeln nachgehen und mit Vorurteilen aufräumen soll. Auch hierzulande stehen ähnliche Untersuchungen etwa des Bundesforschungsministeriums und des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag vor dem Abschluß. Über die konkreten Ergebnisse läßt sich nur spekulieren. Eines steht freilich schon fest: Um einen breiten Dialog mit der Bevölkerung, die die Nanoprodukte eines Tages kaufen wird, kommt man nicht herum. Steckt die Nanotechnik noch in den Kinderschuhen, das Zeitalter der globalen Technikfolgen-Abschätzung blüht bereits.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2003, Nr. 239 / Seite N1

 
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