Von Nicola von Lutterotti

Übrprüfung der Positionierung der Elektroden eines Hirnschrittmachers, wie er Parkinsonpatienten implantiert wird
17. Juni 2009 Menschen, die während des Nachtschlafs ihre Träume aktiv ausleben, tragen offenbar ein deutlich erhöhtes Risiko, an einem Parkinson-Syndrom zu erkranken. Diesen seit langem gehegten Verdacht konnten kanadische Schlafforscher nun in einer langjährigen Untersuchung, an der rund hundert anfänglich gesunde Betroffene mitgewirkt haben, bestätigen.
Während nächtlicher Traumphasen, insbesondere dem durch rasche Augenbewegungen gekennzeichneten Rem-Schlaf (Rapid-Eye-Movement“), der bis zu einem Fünftel des Schlafes einnimmt, kann man sich üblicherweise nicht rühren – und das aus gutem Grund. Andernfalls würde man nämlich leicht zu Schaden kommen, etwa wenn man im Kampf gegen fiktive Angreifer wild um sich schlägt oder beim Versuch, diesen zu entfliehen, aus dem Bett fällt.
Eine deutliche Korrelation
Das Ausbleiben der Muskelerschlaffung während des Traumschlafs stellt freilich nicht nur für den Betroffenen selbst eine Bedrohung dar, sondern mindestens ebenso sehr für die danebenliegende Person. In einer einschlägigen Untersuchung hatten 32 Prozent der traumaktiven Patienten sich selbst verletzt, aber doppelt so viele ihre Bettnachbarn.
Die Teilnehmer der kanadischen Studie, vorwiegend Männer mittleren bis höheren Alters, waren alle wegen aggressiver Verhaltensweisen während des Traumschlafs in ärztlicher Behandlung, wiesen zu Beginn jedoch keine neurologischen Defizite auf. In den darauffolgenden 12 Jahren wurde dann bei knapp 30 Prozent von ihnen eine Parkinsonsche Krankheit oder ein anderes, mit ähnlichen Bewegungsstörungen einhergehendes neurogeneratives Leiden, die alle unter dem Sammelbegriff Parkinson-Syndrom zusammengefasst werden, festgestellt.
Wie die Autoren der Studie, unter ihnen der Neurologe Ron Postuma vom Zentrum für Schafforschung der McGill Universität in Montreal (Quebec), in der Fachzeitschrift Neurology“ (Bd. 72, S. 1296) berichteten, entwickelten sich die neurologischen Ausfälle im Durchschnitt fünf Jahre nach der Diagnose der Schlafstörung. Je länger das abnorme Schlafverhalten zudem andauerte, desto wahrscheinlicher kam es zur Ausbildung eines Parkinson-Syndroms. Den Hochrechnungen der Forscher zufolge betrug die Erkrankungsgefahr nach fünf Jahren rund zwanzig Prozent, nach zehn Jahren etwa vierzig Prozent und nach zwölf Jahren bereits mehr als 50 Prozent.
Höherer Männeranteil
In anderen Untersuchungen wiesen Patienten mit bewegungsintensiven Träumen teilweise ein noch höheres Risiko für neurodegenerative Leiden auf. Die meisten dieser Studien überblicken allerdings einen sehr viel kürzeren Zeitraum als das kanadische Projekt. Auch verfügen sie größtenteils über geringere Teilnehmerzahlen und weniger strenge Kriterien, was die Diagnose neurologischer Defizite anbelangt. Darauf verweisen Thomas Britton und Ray Chaudhuri von der Abteilung für Neurologie am King’s College in London. Für die britischen Neurologen handelt es sich bei der Studie von Postuma und Kollegen daher um den ersten konsequenten Versuch, die gesundheitlichen Folgen abnormer Verhaltensweisen während des Rem-Schlafs aufzuklären.
Wie oft solche Schlafstörungen auftreten, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Bei Patienten mit bereits manifesten Parkinsonsymptomen schätzt man ihre Häufigkeit auf 30 bis 50 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung dürfte der Anteil an Betroffenen im Bereich von einem Prozent liegen, vermutet Thomas Pollmächer vom Zentrum für psychische Gesundheit am Klinikum in Ingolstadt. Wie der Schlafforscher zudem anmerkt, sind fast neunzig Prozent der bewegungsaktiven Träumer männlichen Geschlechts. Die Parkinsonkrankheit kommt bei Männern zwar häufiger vor als bei Frauen, doch ist hier das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bei weitem nicht so groß.
Viele Faktoren von Bedeutung
Offen ist zum jetzigen Zeitpunkt außerdem, ob Verhaltensstörungen während des Rem-Schlafs immer Vorboten eines schleichenden Untergangs von Hirngewebe sind, also alle Betroffenen früher oder später neurologische Ausfälle erleiden. Diese Frage müsste dringend geklärt werden, meint der englische Neurologe Britton. Gelänge es, Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko frühzeitig zu identifizieren, könne man den Ausbruch des Leidens möglicherweise hinauszögern, ja vielleicht sogar ganz verhindern.
Gibt es aber überhaupt Mittel und Wege, neurodegenerative Krankheiten wie die Parkinsonkrankheit abzuwenden? Eine Antwort auf diese Frage setzt voraus, dass man die Krankheitsursachen kennt, wie die Parkinsonforscherin Marina Emborg von der Universität in Wisconsin (Madison) und weitere Forscher in den Frontiers in Bioscience“ (Bd. 14, S. 1642) feststellen. Faktoren, die einem Parkinson-Syndrom den Weg ebnen, gibt es demnach viele. Hierzu zählen einerseits der genetische Hintergrund und altersbedingte Degenerationsprozesse, andererseits aber auch etliche Umwelteinflüsse, etwa Kopfverletzungen, ein Typ-2-Diabetes (Alterszucker“) oder häufiger Kontakt mit bestimmten Pestiziden und Unkrautvertilgungsmitteln. Darüber hinaus listen die Wissenschaftler eine Reihe von Faktoren auf, die der Entstehung einer Parkinsonkrankheit vorbeugen.
Nachweislich Schutzwirkung besitzt demzufolge körperliche Aktivität, also Sport, möglicherweise aber auch der Verzehr bestimmter Lebensmittel. Vorteilhaft scheinen in dieser Hinsicht vor allem Nahrungsstoffe zu sein, die über antioxidative – die Angriffe aggressiver Sauerstoffradikale abwehrende – Eigenschaften verfügen. Ob diese mehrheitlich im Tierversuch gewonnenen Erkenntnisse allerdings auch für den Menschen zutreffen, muss in künftigen Studien noch geklärt werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Forschungszentrum Jülich