Ärzteausbildung

Von Simulatoren und Simulanten

Von Nicola von Lutterotti

Patientendummys kennen keinen Schmerz

Patientendummys kennen keinen Schmerz

29. Juni 2009 Dass angehende Ärzte nicht jeden Handgriff sofort am lebenden Subjekt ausüben, erscheint, zumal aus Betroffenensicht, wünschenswert. Die ersten Menschen, bei denen Medizinstudenten selber Hand anlegen dürfen, müssen in der Regel auch nicht mehr um ihr Leben fürchten: Sezierkurse nehmen in der medizinischen Lehre nach wie vor einen wichtigen Stellenwert ein.

An Leichen allein lässt sich der Arztberuf freilich nicht erlernen. Und auch die in Vorlesungen und Seminaren vermittelten theoretischen Kenntnisse erzeugen höchstens gebildete Mediziner, nicht jedoch praktisch geschulte Ärzte. Denn der Dienst am Patienten erfordert eine ganze Reihe weiterer Fähigkeiten, darunter technisches Geschick, Teamgeist und kommunikative Gaben. Die Vermittlung solcher Fertigkeiten obliegt traditionsgemäß erfahrenen Kollegen. Angesicht des wachsenden Ärztemangels bleibt diesen für die praktische Lehre aber kaum noch Zeit. Hinzu kommt, dass die Komplexität der Medizin laufend zunimmt, das Erlernen einschlägiger Fähigkeiten daher immer anspruchsvoller wird.

Patientendummys mit realitätsnahen Krankheitssymptomen

Diesen Schwierigkeiten versucht man mit zunehmend ausgefeilten Simulationsmodellen zu begegnen: Operationsphantomen zum Erlernen minimalinvasiver oder auch feinchirurgischer Techniken, virtuellen Operationsabläufen, Patientendummys mit realitätsnahen Krankheitssymptomen und von Schauspielern gemimten Kranken, die den Ärzte-Azubis gehörig zusetzen können. Alles nur Spielerei? Keineswegs, findet Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Zwar seien solche Modelle nicht geeignet, die Praxis am echten Patienten zu ersetzen. Allerdings könnten sie den Lernprozess merklich beschleunigen.

Einen nachweislichen Nutzen bringen Simulationsverfahren in der Schlüssellochchirurgie. Hier ist der Weg zur Exzellenz auch besonders steinig. Als gewöhnungsbedürftig gilt dabei einerseits der unnatürliche Blick auf das Operationsfeld: Im Unterschied zum „offenen“ Vorgehen sieht der Arzt dieses nämlich nicht direkt, sondern nur indirekt auf einem Computerbildschirm. Viel Übung erfordert andererseits die Handhabung der endoskopischen Werkzeuge, langen, starren Stäben, an deren Enden Zangen, Scheren, Nadelhalter und die das Körperinnere abbildende Videokamera angebracht sind. Wie mühevoll die ersten Gehversuche in der Schlüssellochchirurgie sein können, schilderte ein Medizinstudent aus Rostock unlängst in einem Beitrag in „Via medici“ (im Internet unter www.thieme.de): „Unser erster Patient wäre wahrscheinlich hoffnungslos an einer Leberblutung verstorben“, beschreibt der Autor seinen ersten Versuch, einem Operationsphantom auf minimalinvasivem Weg die Gallenblase zu entfernen. Mit ein wenig Übung habe das Nähen zwar sehr viel besser geklappt. In den „Untiefen des Abdomens“ einen Knoten zu knüpfen sei aber nach wie vor zeitaufwendig gewesen.

Trockentraininng für den klinischen Alltag

Dass das minimalinvasive Trockentraining angehende Chirurgen für den klinischen Alltag rüstet, belegen auch die in den „Cochrane Reviews“ (DOI: 10.1002/14651858.CD006575.pub2) veröffentlichten Ergebnisse einer aktuellen Analyse. Nach kritischer Auswertung der Daten von 23 einschlägigen Studien stellen die Verfasser dem „Reality-Training“ hierin ein gutes Zeugnis aus. So gelinge es damit, die Eingriffsdauer zu verkürzen, die Fehlerquote zu verringern und die Genauigkeit der Behandlung zu erhöhen.

Umso erstaunlicher ist es vor diesem Hintergrund, dass solche Praktika in der Medizin bislang keine Pflicht sind. Viele Jungärzte sammeln ihre ersten einschlägigen Erfahrungen daher an echten Patienten, beklagt der Anästhesist Marcus Rall, der an der Universität in Tübingen das renommierte Simulationszentrum Tüpass leitet. Zwar würden Anfänger in aller Regel von erfahrenen Kollegen beaufsichtigt. Diese könnten aber nicht immer verhindern, dass der Ungeübte etwa die Nadel zu tief ins Gewebe sticht, die Wunde schlecht vernäht oder andere Ungeschicklichkeiten begeht. Das Perverse dabei sei, dass das Krankenhaus für solche Missgeschicke sogar meist noch belohnt wird. Denn längere Liegezeiten und die Behandlung von Komplikationen spülen oft zusätzliches Geld in die Klinikkassen. Dem Arzt einen Kunstfehler nachzuweisen, sei zugleich enorm schwierig. Viele Zwischenfälle lassen sich nämlich auch auf andere Ursachen zurückführen, etwa den schlechten Allgemeinzustand des Patienten und begleitende Erkrankungen.

Die Hürden der Kommunikation

Das Erlernen spezifischer Handgriffe ist freilich nur eine Seite der ärztlichen Medaille. Auf der anderen Seite steht die Versorgung des Patienten als ganzheitliches Individuum: Die Symptome kranker Menschen richtig zu interpretieren und, zumal in Notsituationen, sachgerecht zu agieren, stellt eine mindestens ebenso große medizinische Herausforderung dar. Ein erstes Gespür für die Komplexität menschlicher Erkrankungen erhalten Medizinstudenten am Tüpass beim Umgang mit künstlichen Kranken. Technisch hochkomplex, verfügen die Patientendummys über eine Vielzahl von menschenartigen Körperfunktionen, darunter Blutdruck, Herztöne, Puls und Atemgeräusche. Mit der vom Ausbilder entliehenen Stimme können sie außerdem kommunizieren und reagieren. Das Spektrum an Krankheiten, die der Kursleiter den Kunstwesen anzuheften vermag, ist beinahe grenzenlos. Es umfasst unter anderem Herzinfarkte, Asthmaanfälle, Herzflimmern und krankhafte Herzgeräusche, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Zu den wichtigsten Zielen des Simulationstrainings gehöre, betont Rall in einem Gespräch, die Teamarbeit zu fördern. Einzelne Ärzte könnten noch so fähig sein: Erteilen sie keine klaren Anweisungen oder sprechen sie ihre Partner nicht klar und deutlich an, stehe der Erfolg der Behandlung auf dem Spiel. So gingen rund siebzig Prozent aller Fehlschläge in der Medizin auf Kommunikationsfehler und andere menschliche Unzulänglichkeiten zurück. Den Verantwortlichen hinterher Vorhaltungen zu machen, erzeuge aber wenig Einsicht, weiß der Anästhesist aus Erfahrung. Als sehr viel wirkungsvoller habe es sich erwiesen, den Betreffenden das eigene Verhalten direkt vor Augen zu führen. Das Simulationstraining sei hierfür insofern geeignet, als man die Teams bei der Arbeit filmen und die Aufzeichnungen anschließend gemeinsam auswerten kann.

Zuhören lernen

Zu wenig Beachtung findet im Medizinstudium darüber hinaus auch das Gespräch mit dem Patienten - und das, obwohl kommunikative Fähigkeiten im klinischen Alltag eine maßgebliche Rolle spielen. Eine sachgerechte Patientenversorgung setzt nämlich voraus, dass der Arzt dem Kranken aufmerksam zuhört, dessen Sorgen und Nöte ernst nimmt und zudem in der Lage ist, unangenehme Nachrichten schonend zu überbringen. Um Medizinstudenten frühzeitig auf solche Herausforderungen vorzubereiten, sind einige Universitäten dazu übergegangen, eigens geschulte Schauspieler als Scheinpatienten zu engagieren. Dass etwa der gelbgesichtige Alkoholiker, die tablettensüchtige Künstlerin oder auch die Frau mit den unerklärlichen Durchfällen lediglich simulieren, scheint die Wirkung des Trainings nicht zu schmälern. Etliche einschlägige Berichte bescheinigen den Simulantenpraktika jedenfalls große Lernerfolge. Denn die Schauspieler sollen die Erkrankungen so gut mimen, dass die Studenten die Schweinwelt als äußerst real, ja mitunter als enorm stressreich empfinden („Deutsches Ärzteblatt“, Bd. 104 und Bd. 105).

Die löblichen Bemühungen einzelner Zentren können freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die praktische Seite des Arztberufs in der medizinischen Lehre nach wie vor ein Mauerblümchendasein fristet. Wie Hardy Schumacher von der Klink für Gefäßchirurgie am Klinikum in Hanau hervorhebt, setzt zwar mittlerweile ein Umdenken ein. Dennoch könne man hierzulande weiterhin Facharzt werden, ohne eine praktische Prüfung abzulegen. In der Luftfahrt, einem ähnlich risikoreichen Industriezweig wie der Medizin, seien solche Zustände unvorstellbar. Von der vielfach zitierten Medizinerdevise „Jeder darf seinen eigenen Friedhof füllen, bis er sein Handwerk beherrscht“ komme man allerdings langsam ab. Dass es weiterhin viel zu tun gibt, findet auch Rall. Nicht gelten lassen will der Anästhesist den häufig vorgebrachten Einwand, Simulationsmodelle seien zu teuer und könnten daher nicht allen Studierenden gleichermaßen angeboten werden. Was viele außer Acht ließen: Die Kosten für die Behandlung von Komplikationen, die auf das Konto von ungeübten Ärzten gehen, sind um ein Vielfaches höher.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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