01. November 2009 Es ist zwar nur ein kleiner Pieks, trotzdem ist die Furcht vor der Impfspritze riesengroß: Viele Deutschen zögern, sich gegen Influenza impfen zu lassen. Sie fürchten weniger die Schweinegrippe, sondern eher mögliche, unter Umständen gar lebensbedrohliche Nebenwirkungen des Impfserums.
Dieser Angst offenbar entgegenkommend, titelt taz.de Vier Tote nach Schweinegrippen-Impfung online über einem Artikel vom 26. Oktober, um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Fälle sind in Schweden aufgetreten und werden derzeit untersucht. Tatsächlich starben dort bisher fünf Menschen in einem Zeitraum von zwölf Stunden bis zu vier Tagen, nachdem sie ihre Impfdosis erhalten hatten. Aber nicht jede ungewöhnliche Erkrankung oder ein Todesfall muss mit dem Pieks in direkter Verbindung stehen. Selbst die in Schweden beobachtete Häufung muss noch nichts Schlimmes bedeuten.
Ein reiner Zufall ist möglich
Im Fachmagazin The Lancet warnen jetzt auch Mediziner eindringlich davor, derartige Beobachtungen vorschnell in einen kausalen Zusammenhang zu stellen, das Vakzin dafür verantwortlich zu machen und somit unbegründete Ängste zu schüren. Denn es könne reiner Zufall sein, eine zeitliche Koinzidenz, die bei einer Massenimpfung, wie sie derzeit zum Schutz vor der H1N1-Pandemie vorgenommen werde, zu erwarten sei. Das belegen die Ärzte mit ihren aktuellen Hochrechnungen.
Um ein Risiko eines Impfstoffs und echte Nebenwirkungen überhaupt erkennen zu können, stellte sich für sie zuerst die Frage: Wie viele Krankheitsfälle wären normalerweise zu erwarten? Wie sieht das epidemiologische Hintergrundrauschen aus? Auf Basis von Gesundheitsdaten aus verschiedenen Ländern berechnete das internationale Expertenteam deshalb, wie wahrscheinlich vermeintliche Nebeneffekte einer Impfung sind, die in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe auftreten können - ob nun geimpft oder eben nicht.
Schon rein statistisch ist etwa mit den ersten Symptomen von Multiplesklerose zu rechnen oder auch dem Guillian-Barré-Syndrom: Von zehn Millionen Menschen würden erwartungsgemäß 21 Personen daran innerhalb von sechs Wochen erkranken, stellen die renommierten Mediziner aus den Vereinigten Staaten, Kanada, der Schweiz, Großbritannien und Brasilien im Lancet fest. Im gleichen Zeitraum müsste man in einer ebenso großen Gruppe von beinahe sechs plötzlichen Todesfällen ausgehen. Und betrachtet man etwa eine Million Schwangere, könnten 397 dieser Frauen innerhalb eines Tages - hypothetisch - eine spontane Fehlgeburt erleiden. Nach sieben Tagen sind es womöglich 2780, weil es während einer Schwangerschaft leider passieren kann - das lässt sich aus den Faktensammlungen der Datenbanken ablesen.
Falsche Zusammenhänge werden schnell als Fakten gehandelt
All diese nun erstmals berechneten und im Lancet veröffentlichten Fallzahlen sind Schätzwerte - die je nach Land, Alter und Geschlecht noch variieren können. Wenn große Bevölgerkungsgruppen geimpft werden, könnten sie aber real eintreffen und würden dann zufällig geschehen, ohne dass die Impfspritze darauf irgendeinen Einfluss hätte oder gar die Ursache wäre. Ebenso können per Zufall zeitliche und geografische Häufungen auftreten, auch darauf weisen die Mediziner um Steven Black vom Center for Global Health in Cincinnati hin. Sie kritisieren außerdem, dass gerade im Internet falsche Zusammenhänge schnell als Fakten gehandelt werden.
Unter diesen Fehlinterpretationen leidet dann die Akzeptanz der Impfprogramme. Die in Deutschland ist nach wie vor recht gering. Dabei deuten die neuesten Infektionsdaten daraufhin, dass die H1N1-Grippewelle ins Rollen kommt. Der aktuelle Bericht der Arbeitsgemeinschaft des Berliner Robert-Koch-Instituts meldet weiter steigende Zahlen bei den Neuerkrankungen in Deutschland durch den Schweinegrippen-Erreger: In der vorvergangenen Woche kamen mehr als 1600 Patienten hinzu. Darüberhinaus gibt es noch weitere Hinweise, dass schon jetzt eine andere Grippesituation als in einer normalen Saison herrscht: Die Arztkonsultationen aufgrund von akuten Atemwegserkrankungen nehmen im Vergleich zum Vorjahr zu. In Stichproben von diesen Patienten fanden sich, wenn es sich tatsächlich um eine Influenza handelte, nur Grippe-Viren des neuen Typs. Und besonders im Süden Deutschlands sei eine zusätzliche Krankeitslast durch die neue Influenza auf der Bevölkerungsebene nachweisbar, so formuliert es die Arbeitsgemeinschaft Influenza.
In den Vereinigten Staaten, Japan und neun europäischen Ländern wird eine für diese Jahrszeit ungewöhnliche Influenza-Aktivität festgestellt. Weltweit gehen inzwischen mehr als 440.000 Grippe-Erkrankungen und 5700 Todesfälle zu Lasten des Pandemie-Virus H1N1, meldet die Weltgesundheitsorganisation. Während auf der Südhalbkugel - besonders in den gemäßigten Klimaregionen - die Infektionensrate zurückgeht, steigen die Zahlen in der nördlichen Hemisphäre, und hier ist H1N1 für zwei Drittel der Grippeerkrankungen verantwortlich.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP
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