Archäologie

Die Insel der Zurückgebliebenen

Von Sonja Kastilan

Die Toteninsel auf dem Ostorfer See bei Schwerin diente in der Jungsteinzeit als Friedhof

Die Toteninsel auf dem Ostorfer See bei Schwerin diente in der Jungsteinzeit als Friedhof

06. September 2009 Um seine Hüften war ein Gürtel geschlungen, reich mit Tierzähnen besetzt. Ein Beil aus Grünstein und Feuersteinklingen führte er mit sich, außerdem 22 trapezförmige Pfeilspitzen. Auch Feuerschlagbesteck und eine Bernsteinperle durften nicht fehlen, als der Jäger seine letzte Reise antrat. Keine 30 Jahre alt - doch jene, die seinen Leichnam, ausgestreckt und auf dem Rücken liegend, ins Erdreich betteten, schätzten ihn offensichtlich und gaben ihm allerlei Werkzeug mit.

Vor knapp fünf Jahrtausenden wurde der Mann auf einer kleinen Insel im Ostorfer See nahe Schwerin bestattet. Tannenwerder, so der offizielle Name, wird im Volksmund „Toteninsel“ genannt, heute und vielleicht schon während der Jungsteinzeit, als man dort einen Friedhof anlegte und innerhalb von vier Jahrhunderten 41 Flachgräber aushob. „Für die Toten einer Jäger- und-Sammler-Gesellschaft“, sagt Thomas Terberger von der Universität in Greifswald. Die Grabbeigaben seien typisch für einen solchen Lebensstil. Als „mesolithisch“ ordnet der Archäologe den Charakter dieser Kultur ein, die nach dem Rückzug der Eismassen wieder Land gewinnen und sich zwischen Alt- und Jungsteinzeit gen Norden ausbreiten konnte. Diese frühen Europäer konnten Paläogenetiker der Universität Mainz nun mittels Erbgutanalysen genauer typisieren.

Kontakt mit den Fortschrittspionieren

Im Rahmen einer internationalen Studie zur neolithischen Revolution in Mitteleuropa, dem Beginn der Landwirtschaft vor 7500 Jahren, hatte das Team um Barbara Bramanti und Joachim Burger unter anderen sieben Skelettreste aus Ostorf untersucht. Sie erwiesen sich als Zeugen historischer Umwälzungen, nicht nur eines neuen Lebensstils. Und die Frage lautete: Ließen sich die Jäger auf den Wandel ein, oder blieben sie auf bewährten Pfaden?

Zwischen 15.400 und 4300 Jahre alt waren die Gebeine von insgesamt 45 Jägern und Bauern, deren DNA im Mainzer Spurenlabor mit der nötigen Sorgfalt aus dem Knochenmaterial gelöst und sequenziert werden konnte. Fünf Jahre Laborarbeit, deren Ergebnis Science jetzt online präsentiert. „Knochenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes, um aufschlussreiche Daten zu erhalten und Kontaminationen mit moderner DNA möglichst auszuschließen“, sagt Bramanti. Die Palaeogenetiker erfassten nicht nur den entscheidenden Zeitraum des kulturellen Umbruchs, sondern auch ein geografisch weites Gebiet, denn ihre Proben stammten von wichtigen Fundstätten in Litauen, Polen, Russland oder Ungarn; Deutschland war zum Beispiel mit dem Hohlen Felsen und der Falkensteiner Höhle vertreten sowie mit Flomborn, Derenburg, Schwetzingen und eben Ostorf.

Beim Vergleich des mütterlich vererbten, mitochondrialen Genoms (mtDNA) zeichnen die Daten ein recht einheitliches Bild: „Europas Jäger und Sammler waren nicht die Vorfahren unserer frühen Bauern“, sagt Joachim Burger auf Basis der Genanalyse. Offenbar seien Letztere aus dem Südosten eingewandert, hätten sich dann hier niedergelassen und neben ihrer Agrarwirtschaft die Töpferkunst der Linearbandkeramik eingeführt. Die Alteingesessenen wiederum verschwanden nicht einfach, sie pflegten Kontakt mit den Fortschrittspionieren, blieben jedoch ihren Wurzeln treu. Das gilt für wohl ganz Mitteleuropa, und das frühe Ostorf macht da keine Ausnahme.

Bein- und Hüftknochen von starker Mobilität

Als die Steinzeitjäger auf der Insel im See ihre letzte Ruhe fanden, war ringsherum längst eine neue Ära angebrochen: das Neolithikum, die Jungsteinzeit. „Inmitten der ,Trichterbecher-Leute', die als Feldbauern und Viehhalter weite Teile des Landes bewohnten, waren unsere ,Ostorfer Leute' eine zurückgebliebene Gruppe.“ Derart scharf formulierte es bereits Ewald Schuldt mit den Worten seiner Zeit, nach den Ausgrabungen auf Tannenwerder im Jahr 1961. Er hatte vor allem Utensilien für Jagd und Fischfang gefunden. „Belege einer mesolithischen Lebensweise in einer fortschrittlicheren Zeit“, erklärt Thomas Terberger das Nebeneinander zweier Kulturen mit unterschiedlichen Wirtschaftsformen und Bestattungsriten. Während die einen umherzogen, zum Fischen gingen, Wildschweine und Rotwild erlegten, bestellten die anderen Getreidefelder, domestizierten Ziegen und die ersten Rinder. Die einen vergruben ihre Toten, die anderen bauten ihnen Steinmonumente. Vermutlich tauschten Jäger und Siedler Güter, beide benutzten beispielsweise Tongefäße. Teilten sie aber auch das Bett?

Eher nicht. „Gerade anfangs herrschten vermutlich Heiratsschranken“, interpretiert Joachim Burger seine Daten aus Mitteleuropa: „Es existierte ein kultureller Austausch, aber kein genetischer. Erst wesentlich später erscheinen Merkmale der Jäger-Sammler-Kultur im Erbgut von bäuerlichen Gemeinschaften.“ Die mtDNA der in Mainz untersuchten Jäger gehört vorwiegend zur sogenannten U5-Linie, während die Bauersleute ein anderes Erbe aufweisen, das meist als N1a, J, HV oder T2 klassifiziert wird. „Unsere Studie zeigt, dass keine genetische Kontinuität zwischen diesen beiden Gruppen besteht“, erklärt Barbara Bramanti. Die ursprünglichen Jäger verwandelten sich demnach nicht plötzlich in Farmer, sondern zugezogene Siedler brachten diese Kultur und sesshafte Lebensweise mit, sie lebten parallel zu den Jagdgesellschaften.

„Das waren keine Bauern, sondern Paddler“, sagt Thomas Terberger über die Ostorfer von einst. Ihre Armknochen weisen die modifizierten Muskelansatzstellen auf, wie sie für Kajakfahrer oder Kanuten typisch sind. Und zwar bei Männern wie Frauen. Das jedenfalls entdeckten Mainzer Anthropologen vor kurzem bei einer morphologischen Untersuchung. Die Kiefer verrieten ihnen, dass die Jäger und Sammler das frugale Mahl intensiv kauen mussten. Sie verzehrten Fleisch und Rohkost, aber kaum Kohlenhydrate. Trotzdem konnte ihre mesolithische Diät sie nicht vor Karies bewahren. Auch zeigen die bei Ostorf geborgenen Skelette Abnutzungsspuren auf; die veränderten Bein- und Hüftknochen zeugen von starker Mobilität. Ähnliche Merkmale sind heute bei Marathon- und Langstreckenläufern zu beobachten.

Nur vereinzelt zu Intimitäten gekommen

Für die Forschung ist das 1877 entdeckte Gräberfeld auf Tannenwerder ein Glücksfall. „Die Knochen sind so gut erhalten, dass daraus DNA gewonnen werden konnte, obwohl sie seit ihrer Bergung nicht im Kühlschrank, sondern über Jahrzehnte im Magazin lagerten“, sagt Terberger. Neben der Molekulargenetik kommen derzeit weitere Methoden zum Einsatz, von denen die Ausgräber 1903 oder selbst 1961 nicht mal träumen konnten. „Gemeinsam mit Kollegen in Aarhus und in Frankfurt starteten wir vor ein paar Jahren eine systematische Re-Analyse der Funde“, sagt Terberger. Die ersten Ergebnisse werden demnächst in den Berichten der Römisch-Germanischen Kommission veröffentlicht.

Mit Hilfe des interdisziplinären Ansatzes und neuer Isotopenuntersuchungen lassen sich die Datierung verbessern und Fehlerquellen beseitigen: „Die Stickstoff- und Kohlenstoffwerte der Knochen bezeugen eine Ernährung, die auf Jagd und Fischfang basiert. Aber diese Werte beeinflussten bisher die Altersangaben, die wir jetzt korrigieren können“, erklärt Terberger. Die Hauptphase der Toteninsel begann demnach erst vor etwa 5300 Jahren, als die neolithische Revolution Mitteleuropa schon überrollt hatte.

Tannenwerder ist nicht das einzige Beispiel für ein Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen, stellten die Mainzer Paläogenetiker fest. In manchen Gesellschaften haben sich solche strikten Schranken bis heute erhalten (siehe „Milch ja, Ehe nein“). Andere Forscher sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. „Es sind faszinierende Resultate, die sich mit meinen decken“, freut sich Ron Pinhasi vom University College im irischen Cork über die Mainzer Gen-Analysen. Pinhasi hatte die gleiche Fragestellung mit einem morphologischen Ansatz verfolgt, zahlreiche Schädel der beiden Gruppen untersucht und die Daten Ende August in PLoS One veröffentlicht. „Entlang des Weges, den die fortschrittlichen Neolithiker von Südosten nach Mitteleuropa nahmen, findet sich kein Hinweis auf eine starke Vermischung der einwandernden Siedler mit den heimischen Jägergemeinschaften.“ Zwar lasse sich ein Genfluss zur Zeit der Migration nicht völlig ausschließen. Wenn es aber zu Intimitäten gekommen sei, dann nur vereinzelt.

Enger Kontakt zu den benachbarten Bauern

Pinhasi und Burger sind davon überzeugt, dass ihre Daten und Computersimulationen einen alten Streit der Archäologie entscheiden: „Die Ideen sprangen nicht über, sondern es kamen Menschen und führten sie ein.“ Woher, das sollen weitere Untersuchungen zeigen. Die bisherigen mt-DNA-Daten weisen auf Südosteuropa hin, wo Burger und sein Kooperationspartner Mark Thomas auch den genetischen Ursprung unserer heutigen Milchverträglichkeit vermuten: im Karpatenbecken. Aber dort muss die Reise nicht ihren Anfang genommen haben: „Unsere frühen Bauern könnten aus Westanatolien stammen, oder sogar aus östlicheren Gebieten.“

Als Ahnen der modernen Europäer kommen allerdings weder die Jäger noch die Schöpfer der Linearband-Keramik in Frage. Zumindest nicht allein: „Theoretisch sind im Neolithikum nahezu alle mitochondrialen Linien vertreten, die heute bei uns existieren“, sagt Burger. Aber sie stehen in einem Verhältnis zueinander, das man nur mit anderen Einflüssen erklären könnte, beispielsweise späteren Migrationswellen.

Und auch Tannenwerder gibt den Paläogenetikern immer noch ein paar Rätsel auf. Der dort mit Bernstein und Beil bestattete Jäger birgt Hinweise, dass man einen durchaus engen Kontakt zu den benachbarten Bauern pflegte.

Text: F.A.S.

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