22. März 2004 Das schneeweiße Packeis im Nordosten Kanadas wird sich ab Dienstag an zehntausenden Stellen blutrot färben: Im St.-Lorenz-Golf und vor Neufundland beginnt dann erneut das Robbenschlachten, eine der weltweit größten Massentötungen von Wildtieren.
Hunderte Fischer ziehen mit Gewehren, Knüppeln und Bootshaken los. Bis Mitte Mai werden sie 350.000 Sattelrobben und Klappmützen zur Gewinnung von Fell und Öl töten. Das ist keine Jagd, sagt Rebecca Aldworth vom Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW). Das ist ein Massaker. Die meisten Robben, die sie umbringen, sind kaum vier Wochen alt. Mehrere Tierschutz- und Umweltorganisationen appellierten an Regierungen in Europa und Asien, den Import von Robbenfellen zu verbieten.
Qualvoller Tod der Robben
Tierschützer beklagen vor allem das inhumane Töten. Tausende Robben würden entgegen Auflagen der kanadischen Regierung bei lebendigem Leib gehäutet. Unzählige werden im Wasser angeschossen und nicht gefunden. Sie verenden qualvoll, sagt Aldworth. Die wenigen Kontrollen können solche Grausamkeiten kaum verhindern.
Seit Urzeiten ziehen die Meeressäuger vor dem Winter aus der Randregion der Arktis in die etwas wärmeren Packeisgebiete vor Neufundland und im St.-Lorenz-Golf. Dort bringen sie Ende Februar ihre Babys zur Welt. Die Jungrobben sind eine leichte Beute, denn sie können noch nicht oder nur an der Wasseroberfläche schwimmen.
Protestaktionen ohne große Wirkung
Aufsehenerregende Protestaktionen, an denen sich einst Stars wie Brigitte Bardot beteiligten, hatten Einschränkungen der Jagd bewirkt. Kanada untersagte die Tötung von Whitecoats, wie die Sattelrobben genannt werden, ehe sie 12 Tage nach der Geburt ihr weißes Fell abstreifen und der silbergraue Pelz zum Vorschein kommt. 1987 wurde das kommerzielle Schlachten weitgehend verboten.
Doch wenige Jahre später begann im Fischereiministerium in Ottawa das Umdenken. Die Schlachtquoten wurden soweit erhöht, daß in den Jahren 2003 bis 2005 insgesamt mehr als eine Millionen Robben getötet werden dürfen - 975.000 Sattelrobben und 30.000 der selteneren Klappmützen. Die Fischindustrie und die Vereinigung der Robbenjäger setzten sich mit dem Argument durch, daß die niedlichen Tierchen mit den dunklen Kulleraugen nichts anderes seien als junge Seewölfe des Eises.
Robben bringen Umsatzplus für Fischindustrie
Robben seien schuld an der Dezimierung der Fischbestände vor Kanada, am Zusammenbruch der Kabeljaufischerei in den 90er Jahren und dem Verlust von Arbeitsplätzen, sagt Ken Campbell, ein Sprecher der kanadischen Fischindustrie. Dank der Robbenjagd konnte die angeschlagene Branche 2003 zusätzlich rund 15 Millionen Dollar (12,3 Millionen Euro) durch den Export von Fellen nach Norwegen, Dänemark und China verdienen.
Tierschützer räumen ein, daß die Lage vieler Fischer mies ist. Schuld daran seien aber nicht die Robben sondern eine rigorose Überfischung durch kanadische und ausländische Trawlerflotten. Als hier die ersten Europäer landeten, gab es Kabeljau in Massen und rund 30 Millionen Robben, sagt Paul Watson von der Organisation Sea Shepherd.
Heute gebe es nach einem Rückgang wieder mehr als 5 Millionen Sattelrobben, rechnet das Fischereiministerium vor. Der IFAW spricht von weniger als 4 Millionen und einer Gefährdung des Bestands, wenn die Schlachtquoten nicht verringert werden.
Emotionsgeladener Kampf
Im Kampf um die Robben wird auf beiden Seiten mit Emotionen gearbeitet. Der IFAW, der jetzt Reporter aus mehreren Ländern mit Hubschraubern aufs Packeis bringt, kalkuliert das Entsetzen mit ein, daß Bilder des Abschlachtens auslösen. Auf den PR-Videos des Robbenjägerverbandes sieht man Fischerfamilien wie die von Wilfried Aylward. Robben sind niedlich, sagt er. Meine drei Kinder sind auch niedlich. Ich muß Geld verdienen, damit sie etwas zu essen haben.
Text: dpa
Bildmaterial: dpa