13. Februar 2006 Mehr als 80.000 Tote forderte im vergangenen Oktober das Beben in Kaschmir. Es war die größte Naturkatastrophe in der Geschichte Pakistans. Opferzahlen in dieser Größenordnung sind für Erdbeben nichts Ungewöhnliches, was auch daran liegt, daß sie kaum vorhersagbar sind. Paradoxerweise liegen einige der größten Städte der Welt in stark erdbebengefährdeten Gebieten.
Als kritische Zone gilt der Süden Kaliforniens mit den Metropolen San Francisco und Los Angeles. Dort reiben sich die nordamerikanische und die pazifische Erdplatte an der San-Andreas-Spalte. Gerade mal hundert Jahre ist es her, daß San Francisco nach einem schweren Beben neu aufgebaut werden mußte: Im Morgengrauen des 18. April 1906 schwankte dort der Boden so stark, daß zahlreiche Gebäude einstürzten und Gasleitungen barsten. Die folgenden Brände legten die Innenstadt in Schutt und Asche. Über 3000 Menschen starben, 225.000 wurden obdachlos.
Immer in Übung für die Katastrophe
Noch stärker gefährdet ist Japan, vor allem der Großraum Tokio mit seinen 33 Millionen Einwohnern. Darunter stoßen mit der pazifischen, der eurasischen und der philippinischen gleich drei Erdplatten zusammen. Über hundert kleinere Erschütterungen pro Jahr sind keine Seltenheit. Schon von Kindesbeinen an werden die Einwohner mit Übungen auf die jederzeit mögliche große Katastrophe vorbereitet. Die trat zuletzt im September 1923 ein: Das sogenannte Kanto-Beben zerstörte große Teile von Tokio und dem benachbarten Yokohama. 140.000 Menschen kamen damals ums Leben.
Gerade die Tatsache, daß das Kanto-Beben nun schon geraume Zeit zurückliegt, bereitet den Experten Sorgen. Denn je länger die Pause ist, desto wahrscheinlicher ist das nächste schwere Beben. Tokio ist eine riesige Erdbeben-Zielscheibe, sagt Janos Bogardi von den Vereinten Nationen. Die Frage ist nicht, ob das große Beben kommt, sondern wann. Zur Beunruhigung trug im vergangenen Jahr auch das Ergebnis einer internationalen Forschergruppe bei: Sie stellte fest, daß der Erdbebenherd unter Tokio wesentlich dichter unter der Oberfläche liegt als zuvor angenommen (Science v. 15. Juli 2005).
Höchstgefährdete Stadt auf dem Planeten
Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft führt Tokio in einem Naturgefahren-Risikoindex folgerichtig als einsamen Spitzenreiter. Tokio kommt bei einem Produkt aus den Faktoren Gefährdung, Schadensanfälligkeit und vorhandene Werte auf die Punktzahl 710. Erst weit dahinter folgt San Francisco mit 167. Bei Tokio handelt es sich gleichzeitig um die größte Wertekonzentration und die höchstgefährdete Stadt auf dem Planeten, sagt Peter Höppe von der Münchener Rück. Was die Schadensanfälligkeit, zum Beispiel die Unsicherheit von Bauwerken, betrifft, gibt es allerdings Städte in wesentlich schlechterem Zustand. Ein Erdbeben in Iran oder in Kaschmir verursacht wegen baulicher Mängel viel höhere Schäden als ein Beben mit der gleichen Stärke in Japan oder Kalifornien, sagt Janos Bogardi.
Das schwere Beben vom Dezember 2003 in der iranischen Stadt Bam ist ein Beispiel dafür, wie Naturkatastrophen möglicherweise in Zukunft verstärkt Standortentscheidungen beeinflussen werden. Aufgrund der über 30.000 Toten gibt es im Nationalen Sicherheitsrat Irans Überlegungen, zumindest Teile der ebenfalls stark erdbebengefährdeten Hauptstadt Teheran in geologisch ruhigere Regionen zu verlegen.
Text: F.A.S. vom 12.2.2006
Bildmaterial: Satellitenfoto: University of Maryland, Global Landcover Facility (GLCF) / Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
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