29. Mai 2001 Das Thesenpapier vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und dem Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) zur Umgestaltung der öffentlichen Forschungslandschaft in der Wissensgesellschaft sorgt in der Wissenschafts-Szene für Aufregung.
In neun Thesen stellt die Industrie ihr Bild einer marktwirtschaftlich orientierten Wissenschaft dar. Letztlich sollen auch die öffentlichen Mittel gekürzt werden. Genannt werden in diesem Zusammenhang die beiden großen Forschungsorganisationen Helmholtz-Gemeinschaft und Leibniz-Wissenschaftsgemeinschaft. Für die Organisationen soll - geht es nach den Industrieverbänden - die Grundfinanzierung in den nächsten Jahren um zehn Prozent gesenkt werden. Diese Forderungen lösen bei den Forschungsorganisationen Kopfschütteln aus.
Patentanmeldungen verdoppelt
Für Klaus Fleischmann, Geschäftsführer der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungseinrichtungen (siehe Fußnote), sind die Thesen der Industrieverbände oft nicht nachvollziehbar. Was die Effizienz anbelangt, argumentiert er in Zahlen: Von 1992 bis 1998 haben unsere 16 Helmholtz-Zentren ihre Patentanmeldungen verdoppelt. Das Personal haben wir in der gleichen Zeit um teilweise 23 Prozent reduziert. Bei der Forderung der Wirtschaft nach mehr Mitspracherecht verweist er auf die jüngste Geschichte: In den siebziger Jahren wollte in der Industrie doch niemand was von Umweltforschung hören. Wir haben trotzdem auf diesem Gebiet geforscht und haben heute einen wichtigen Industriezweig.
Wir haben hier keine Grüne Wiese
Die in dem Thesenpapier von der Industrie vorgebrachten Forderungen an die öffentlich geförderte Wissenschaft machen Fleischmanns Meinung nach keinen Sinn. Man könne Prinzipien der Wirtschaft, die dort auch schon längst nicht mehr so funktionieren, nicht einfach über den Wissenschaftsapparat stülpen. Die wollen eine ideale Wissenschafts-Landschaft auf der Grünen Wiese, wir haben hier aber keine Grüne Wiese, stellt der Geschäftsführer fest.
Die Leibnitz-Gemeinschaft findet das Thesenpapier ebenfalls weit überzogen. Die Industrie fordert beispielsweise mehr Mitspracherecht bei den öffentlich geförderten Forschungsinstituten. Wo Mitsprache nötig und sinnvoll ist, findet sie doch längst statt, stellt der Pressesprecher der Gemeinschaft, Frank Stäudner, im Interview mit FAZ.NET (siehe Link Interview) fest. Er beklagt, dass oft die mangelnde Beweglichkeit und Phantasie der Industrie den Weg von der Grundlagenforschung in die Anwendung blockiert.
Naturwissenschaftliche und medizinische Forschungen sind Aufgabe der 22.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands. 1970 gründete sich die erste Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF); 1992 kamen aus den neuen Bundesländern die drei jüngsten Mitglieder hinzu; 1995 wurde die AGF in die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren umgewandelt.
Text: @tk
Bildmaterial: dpa