11. April 2005 Wer heutzutage Abitur macht, hat mit Blick auf den Arbeitsmarkt das deutliche Gefühl, unbedingt irgend etwas studieren zu sollen.
Aber irgend etwas ist - trotz Facherfindungen wie Gesellschaftskommunikation (Universität der Künste, Berlin) und Kulturwirtschaft (Universitäten Duisburg und Passau) - noch immer kein Studienfach. Was also sollen diejenigen tun, die auf dem Gymnasium keine entschiedene Vorliebe zu einem Gebiet gefaßt haben? Und was all die, die zwar eine solche Vorliebe, beispielsweise für Elektrotechnik oder Französisch besitzen, aber nun erfahren müssen, daß man Elektrotechnik und Französisch an Dutzenden von deutschen Hochschulen studieren kann?
Einfachste Kriterien lassen die Ranglisten vermissen
Eine derzeit beliebte Vorstellung ist: Sie sollen am Kiosk ein Magazin kaufen und sich beraten lassen. Und zwar beraten von Leuten, die sich darauf spezialisiert haben, Ranglisten von Hochschulen und Fächern herzustellen. Seit der Spiegel in den frühen neunziger Jahren damit anfing, später Focus nachzog und schließlich auch der Stern und die Zeit sich vom Bertelsmann-Institut CHE, dem Centrum für Hochschulentwicklung, ein Hochschul-Ranking erstellen ließen, ist die standardisierte Beratung von Studierwilligen ein eigener publizistischer Geschäftszweig geworden. In Tabellenform, mit Punktwerten oder Farbsignalen für unterschiedliche Qualitäten wird den akademischen Anfängern mitgeteilt, was gut für sie wäre, je nachdem, wonach sie streben. Dem Praktiker werden andere Hochschulen nahegelegt als dem Forscher, und wieder andere dem Zielstrebigen, der vor allem schnell studieren will.
Zieht man Sprüche wie Studium nach Maß oder Champions League der Forschung einmal ab, dann ist es das Versprechen der Ranglisten, mehr Rationalität in eine der wichtigsten biographischen Entscheidungen des modernen Lebens zu bringen. Wie rational aber gehen sie dabei selber vor? Wer sich die Rankings näher anschaut, gewinnt bald den Eindruck, daß die Studienzeit ihrer Verfasser schon etwas länger zurückliegt. Einfachste Kriterien verläßlicher Statistik, elementare Logik, vor allem aber eine wirkliche Erfahrung mit den Fächern, über die hier geurteilt wird, lassen die Ranglisten leider vermissen.
Verwunderung über die Zahlen
Nehmen wir beispielsweise die des Focus. Forschung und Lehre des jeweiligen Faches werden von Experten beurteilt; die Publikationsleistung der Hochschullehrer geht mit ein, auch die Fragen, wieviel Drittmittel je Professor eingeworben wurden, wieviel Studierende auf jeden hauptamtlichen Wissenschaftler kommen, wie lange im Durchschnitt studiert wird und wie viele Studenten je Professor zur Promotion geführt werden. Hieraus errechnet sich eine Gesamtpunktzahl, und aus der der Fächer dann auch noch eine der ganzen Universität.
Man darf sich über das Zustandekommen dieser Zahlen wundern. Etwa darüber, daß je Fach etwa 70 Personen, und zwar Dekane von Fachbereichen, außeruniversitäre Forscher und Personalchefs aus Unternehmen darüber befinden, wie es sich zum Beispiel mit der Forschung und Lehre in Passau im Vergleich zu der in Göttingen verhält. Warum gerade Dekane? Und was wissen Personalmanager vom Grundstudium in Architektur oder Biochemie? Erstaunlich ist auch, daß den Hochschulen Aufsätze von Professoren gutgeschrieben werden, die zum Zeitpunkt der Publikation dort unterrichtet haben. Ganz abgesehen davon, daß es sowieso eine je nach Fach anders zu beantwortende Frage ist, was Studenten davon haben, wenn ihre Lehrer viel forschen - was haben sie davon, daß es an ihrer Universität einmal einen Forscher gab, der damals erfolgreich publiziert hat?
Das tatsächliche Studentenleben kommt zu kurz
Auf diese Weise kann man nicht nur beim Focus-Ranking lange weiterfragen. Was sagt der bloße Quotient von Lehrpersonal und Studenten über die Qualität der Betreuung aus? Gibt es nicht Dozenten mit mehr und solche mit weniger Einsatz für ihre Schüler? Und was heißt überhaupt Drittmittel, wenn es um Fächer wie Anglistik oder Philosophie geht? Warum sollte es beispielsweise für einen Abiturienten, der mehr über Literatur wissen will, von Bedeutung sein, ob an seiner Universität ein (bis zu seinem Abschluß garantiert abgelaufenes) Graduiertenkolleg Ars und Scientia existiert? Die Datenbank des CHE verarbeitet für die ratsuchende Jugend auch so entscheidungsrelevante Informationen wie den Anteil ausländischer Studierender und Frauen, den Notendurchschnitt oder die Zahl der von den Professoren angemeldeten Patente. Das ist, als würde die Stiftung Warentest Eieruhren daraufhin testen, ob die Gebrauchsanweisung auf koreanisch erhältlich ist und ob sie auch auf dem Meeresgrund funktionieren.
Das tatsächliche Leben an den Hochschulen kommt in den Tabellen nicht vor. So hängen ausnahmslos alle Rankings dem Glauben an, daß gute Forschung und gute Lehre in den verschiedenen Fächern dasselbe bedeutet. Aber für einen Studenten im Grundstudium der Betriebswirtschaftslehre ist die Betreuungsrelation nahezu irrelevant: Er sitzt ohnehin nur in Massenvorlesungen und lernt nicht den Professor kennen, sondern die Mindeststandards, die überall dieselben sind. Wer hingegen Kunstgeschichte oder Politik studiert, macht sofort Bekanntschaft mit Seminaren, für deren Gelingen die Zahl der Mitstudierenden eine ganz andere Bedeutung hat als für Strafrecht, Allgemeiner Teil in Jurisprudenz.
Zahl der Doktorarbeiten wird falsch interpretiert
Gleiches gilt für die Forschung. Selbst für Studenten, die gerne Wissenschaftler würden, ist der Weg in Fächern wie Chemie oder Mathematik sehr weit. Im Verlauf des Studiums werden sie entsprechend spät an die Forschungsfront herangeführt, entsprechend gleichgültig mag es ihnen sein, ob der Mann am Katheder nach Vorlesungsschluß auf den Nobelpreis hinarbeitet oder nicht. Im Zweifel mag das nur heißen, daß er nicht besonders oft da ist. In den Geisteswissenschaften hingegen ist häufig ganz unklar, was überhaupt als Forschung gilt. Wer an einer maßstabsetzenden Biographie von Petrarca arbeitet, treibt keine Drittmittel ein und mag sogar, was Aufsatzzahlen angeht, ins Hintertreffen geraten. Für Studenten ist das aber vielleicht ein, wiewohl in Zahlen nicht zu belegender Segen, weil der Professor etwas zu erzählen hat.
Mit anderen Worten: Der Versuch, das Geschehen an einer Universität auf Kompakturteile zu bringen, dokumentiert Ahnungslosigkeit. So verbuchen die Rankings Lehr- und Forschungsleistungen von Rechtswissenschaftlern, ohne zu berücksichtigen, daß so gut wie alle Jurastudenten aller Universitäten beim Korrepetitor landen. Für Juristen ist insofern die Zahl der Irish Pubs eines Studienortes ein ebenso gutes Kriterium für ihre Universitätswahl wie die Zahl der Zitationen ihrer Professoren durch andere. Und was sagt schon Anzahl der Publikationen in Fächern, bei denen die Forschungsergebnisse in Bücher eingehen statt in Aufsätze? Wie viele Publikationen hatte Martin Heidegger um 1927, als er einer der besten Lehrer seines Faches war und ein guter Grund, nach Marburg und Freiburg zu gehen? Ähnlich sachfremd heißt es in einem Begleittext zum CHE-Forschungsranking: Promotionen geben einen Hinweis auf die Bedeutung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wo viele Doktorarbeiten entstehen, steigt die Forschungsleistung. Hat der Autor eines solchen Satzes schon einmal Doktorarbeiten in Erziehungswissenschaften oder BWL gelesen? Oder hat er gemerkt, daß die Zahl der Promotionen in vielen Fächern mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt zusammenhängt? Aus der Zahl der Doktorarbeiten je Professor läßt sich ohne weitere Kenntnis von Fach, Person und Forschungsgebiet überhaupt nichts anderes entnehmen als dessen Bereitschaft zur Begutachtung.
Der Leser wird mit irrelevanten Informationen überschüttet
Da solche Scheinobjektivität blind gegenüber dem ist, was Studenten an einer Universität erwartet, nämlich nichts Typisches, sondern etwas Individuelles, gehen in die Rankings auch Studierendenurteile ein. Doch die Durchschnittssubjektivität ist genauso aufschlußarm. Wenn es über ein Fach wie die Germanistik heißt, weniger als 20 Prozent seiner Studenten schafften den Abschluß, mag sich der tabellenlesende Abiturient fragen, was er auf das Urteil von Leuten geben soll, von denen nur jeder Fünfte dabeibleibt. Wie viele Gründe gibt es wohl, mit der Lehre in einem Fach unzufrieden zu sein? Und warum wechseln Studenten, die ihrer Universität schlechte Noten geben, nicht einfach an eine andere?
Rankings überschütten den Leser also mit irrelevanten, uninterpretierbaren oder dringend interpretationsbedürftigen Informationen. Niemand kann sagen, was es heißt, wenn irgendwo das Studium der Verfahrenstechnik im Durchschnitt 1,4 Semester länger dauert als in Kaiserslautern? Oder wie es kommt, daß beim Spiegel die schlechteste Hochschule der Spitzengruppe in Chemie nur 2 Punkte vor der besten der Schlußgruppe liegt, aber derselbe Abstand bei der Betriebswirtschaftslehre ganze 20 Punkte beträgt. Neigen Betriebswirte zu Extremen? Wenn die Germanistik der Universität Göttingen zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität München beim CHE zu den Absteigern bei den Forschungsgeldern zählt, ist dort gerade ein Sonderforschungsbereich ausgelaufen, oder ist ein Professor, der über drei Editionen gebietet, wegberufen worden? Was aber soll ein Student daraus schließen, daß sein Lehrer nach Dienstschluß Gottsched ediert? Und würde er es überhaupt merken, wenn der Gottsched-Editor nach seiner Wegberufung durch einen Gottsched-Nichteditor ersetzt würde?
Nützliche Empfehlungen werden nicht gegeben
Mit anderen Worten: Die Rankings sind nicht bloß methodisch eine Kuriosität und ein Fall für die Soziologie des Pseudowissens. Sie gehen auch völlig an dem vorbei, was für Orientierung suchende Abiturienten und Studenten von Bedeutung ist. Und sie tun das, weil sie sich an die Stelle des gesunden Menschenverstandes setzen wollen. Der nämlich würde den Abiturienten sagen, daß es keine optimale Studien- und Studienortwahl gibt, schon gar keine aus zweiter Hand. Weil studieren nämlich etwas anderes ist als eine Elektrozahnbürste kaufen. Am Erfolg des Studiums ist man selbst beteiligt, man kann ihn nicht eben mal buchen. Das gilt auch für die Studienwahl.
Auf die einfache Empfehlung, daß es für geistes- und sozialwissenschaftlich interessierte Jugendliche nützlich sein könnte, den einen oder anderen Text der Professoren zu lesen, die sie sich zum Lehrer wählen, kommen die Tabellenmacher nicht. Hinfahren, sich in Vorlesungen und Seminare zu setzen, die Websites der Fachbereiche zu besuchen, den Professor per E-Mail zu fragen, was für sein Fach und seine Hochschule spricht, oder einen Absolventen, auf dessen Urteil man auch sonst etwas gibt - es gibt viele Methoden, um etwas über ein Studium und einen Ort herauszufinden. Das Lesen von Rankings gehört nicht dazu.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 65
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Technavia (ZB)