Hirnforschung

Was läuft in diesem Kino?

Von Christian Geyer

04. August 2004 Mit jeder neuen Entdeckung in der Hirnforschung geht weiter, was der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner die "Faszinationsgeschichte des homo cerebralis" nennt. Hagner, von dem im Herbst unter dem Titel "Geniale Gehirne" eine große Monographie über die Geschichte der Elitegehirnforschung erscheint, begreift die Neurowissenschaftler als die "ambitionierte anthropologische Speerspitze" der Naturwissenschaften. Er bemerkt die "epistemische Unruhe", mit der hier eine Revolution des Menschenbildes vorbereitet wird, und warnt entschieden davor, es als medialen Sensationalismus abzutun, wenn "Monat für Monat Magazine und Zeitschriften über das Wunder Gehirn berichten und dabei zwischen Wahrnehmung und Gefühlen, Krankheit, Kreativität und Kriminalität, Gedächtnis und Neurochips kaum ein Thema ausgelassen wird".

Die Schlagseite solcher Berichte liege in ihrer historischen Dekontextualisierung. Jede Entdeckung präsentiert sich hier gern als unerhörte Begebenheit, obwohl die Diskussion über die leitenden Prämissen bis weit ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht. Ohne damit sagen zu wollen "Alles schon einmal dagewesen!", hält Hagner fest: "Was am Beginn des 21. Jahrhunderts passiert: die neuerlichen Diskussionen um die Existenz des freien Willens, die Untersuchung von betenden Franziskanerinnen mittels der funktionellen Magnetresonanztomographie oder die Bemühungen um einen neuen Forschungsbereich namens Neuroökonomie, kann gelassener betrachtet und präziser eingeordnet werden, wenn man es vor dem historischen Hintergrund der kognitiven Hirnforschung beleuchtet."

Findet die Forschung das, was sie sucht?

Unter den Fragen, mit denen sich die Hirnforschung seit ihrer Gründung herumschlägt, gibt es eine, die paradoxerweise offener denn je bleibt: Ist das, was sie herausfindet, überhaupt das, wonach sie sucht? Mit jedem neurowissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt wird diese Frage dringlicher. Überall dort, wo eine über das therapeutische Interesse hinausgehende anthropologische Ambition besteht, wird die Hirnforschung von ihrem erkenntnistheoretischen Klärungsbedarf eingeholt. Was sagen die dreidimensional beobachtbaren Aktivitätsmuster neuronaler Netze über das Bewußtsein aus? Läßt sich mit den verfeinerten bildgebenden Verfahren dem Menschen beim Denken zuschauen? Ist "Stimulus und Repräsentation" die geeignete experimentelle Prämisse, um etwas über die Bildung von Bedeutung zu erfahren? Kann man in einem System von Input und Output abbilden, was wir Erlebnis, Psychisches oder ganz altmodisch Geist nennen? Fragen, die auf massive Validisierungsprobleme der exakten Befunde herauslaufen.

Die suggestive Gleichsetzung von Bedeutung und neuronalem Substrat wird denn auch in der Hirnforschung selbst mit Skepsis betrachtet. Zwar seien semantische Gehalte auf all jene mentalen Repräsentationen (Begriffsbildung, Gedächtnisbilder) angewiesen, die die Hirnforschung sichtbar machen kann. Aber "Bedeutung ist nicht identisch mit mentaler Repräsentation", schreibt der Neurowissenschaftler Gerald Edelman, Nobelpreisträger für Medizin, in seinem dieser Tage auch in deutscher Übersetzung erscheinenden Buch "Das Licht des Geistes. Wie Bewußtsein entsteht". Eine solche Betrachtungsweise habe den Vorteil, "daß sie Bedeutung nicht so auffaßt, als würde eine Punkt-für-Punkt-Entsprechung mit neuronalen Zuständen oder mit Umweltkonstellationen vorliegen". Edelman dreht den Spieß sogar um und leitet aus den experimentellen Befunden die Unmöglichkeit einer derartigen Punkt-für-Punkt-Entsprechung ab: "Es gibt keine direkte Entsprechung zwischen einer bewußten Repräsentation und einem ganz bestimmten Aktivitätsmuster eines Schaltkreises oder einem ganz bestimmten Code. Ein Neuron, das in einem Augenblick an einer Repräsentation beteiligt ist, leistet im nächsten möglicherweise keinen Beitrag mehr dazu. Dasselbe gilt für kontextabhängige Interaktionen mit der Außenwelt."

Wie vertragen sich Labor und Lebenswelt?

Da erinnert man sich gern an Noam Chomsky, der schon immer scharf unterschieden sehen wollte zwischen Fragen, die im Rahmen von Input/Output-Systemen formuliert und nicht formuliert werden können. Repräsentationen fänden in solchen Systemen ihren Platz, nicht aber Bedeutungen. "Der Output kann eine mentale Repräsentation sein, für die wir indirekte Belege finden können", meinte Chomsky Ende der neunziger Jahre in einem Interview über "Sprache und menschliche Natur". Es gebe aber andere Fragen, "von denen wir nicht wissen, wie wir sie überhaupt ernsthaft angehen sollen, wie zum Beispiel Fragen, die mit der Willens- und Entscheidungsfreiheit zu tun haben".

Chomsky stößt zu der zentralen epistemischen Schwierigkeit durch: "Tatsächlich scheinen wir nur insoweit, wie man Probleme in Begriffen von In- und Output formulieren kann, zu wissen, wie man sie auf eine Weise behandeln kann, die halbwegs einer wissenschaftlichen Methodik entspricht." In diesem Sinne mögen sich Beispiele für erfolgreiche nichttriviale psychologische Theorien im Bereich des Sehens oder des Spracherwerbs finden, aber schon als Lerntheorie scheinen neurowissenschaftliche Induktionen die Topoi der Lernpsychologie bloß zu verdoppeln. Unklar bleibt: Wie vertragen sich Labor und Lebenswelt, Vivisektion und Organismus? Ist das Lebende wirklich, wie Nietzsche sagt, nur eine Art des Toten? Es sieht so aus, als stünde die Hirnforschung vor einer paradoxen Aufgabe: mit jedem weiteren Film aus dem Fliegenkopf sich ein wenig mehr von sich selbst zu distanzieren.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2004, Nr. 180 / Seite 31

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