Forschung

Zentren des Aufbruchs

Von Christian Schwägerl

Klangfeldsynthese: Forschung am Fraunhofer-Istitut in Illmenau

Klangfeldsynthese: Forschung am Fraunhofer-Istitut in Illmenau

28. April 2004 Würden die Klischees von Ostdeutschland stimmen, dürfte es Orte wie Ilmenau gar nicht geben. Die kleine Stadt liegt fernab der Wirtschaftszentren im thüringischen Bergland. Hier sollte eigentlich morbide Stimmung herrschen - doch überall sind Zeichen des Aufbruchs zu sehen. Der Campus der Technischen Universität ist eine Baustelle. Hier entsteht ein riesiger Hörsaal, dort ein neues Laborgebäude der Maschinenbauer. Zu den Glanzstücken zählt das Zentrum für Mikro- und Nanotechnologien (ZMN), ein Institut, in dem seit Frühjahr 2002 die Forscher von neun Lehrstühlen zusammenwirken. "Wer Nanoforschung betreiben will, findet hier die interdisziplinäre Atmosphäre und all die teuren Geräte, die dazu notwendig sind", sagt Herwig Döllefeld, der von der Universität Hamburg in die thüringische Provinz gewechselt ist. Der Zulauf sei groß. Soeben werden Labors umgebaut, um zwei neuen Nachwuchsgruppen für Nanobiotechnologie Platz zu bieten. Sie bilden eines von sechs "Zentren für Innovationskompetenz", die sich kürzlich in einem Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums durchgesetzt haben. Jedes Zentrum bekommt bis 2009 bis zu zehn Millionen Euro, um Nachwuchsforscher aus dem In- und Ausland anzuwerben.

Ilmenau ist ein Beleg für jenen Optimismus, den Repräsentanten der Wissenschaft für Ostdeutschland aufbringen: "Investitionen in die Wissenschaft sind die einzige Chance, den Osten wirtschaftlich auf die Beine zu bekommen", sagt Karl Max Einhäupl, der als Vorsitzender des Wissenschaftsrats den vielleicht besten Überblick über die deutsche Forschungslandschaft hat. Erst am Dienstag wurde in Ilmenau ein Fraunhofer-Institut eröffnet, das sich der Digitalen Medientechnologie widmet. Zahlreiche Unternehmen sind im Umkreis der TU entstanden.

Kein Qualitätsunterschied

Vergreisung, Entvölkerung, Verdummung, Geldverschwendung - das sind die harten Schlagwörter der neu aufgeflammten Diskussion um die Zukunft Ostdeutschlands. Weitgehend unbemerkt von denen, die nur Siechtum und Subventionsgräber wahrnehmen, ist aber eine eindrucksvolle Forschungslandschaft entstanden. Bund und Länder haben Fördergelder für Kohle-Rekultivierung und Spaßbäder verschwendet. Wo das Geld aber in Hochschulen und Forschung floß, sind - auch außerhalb der Boomregion Dresden - Zentren der Zuversicht entstanden.

Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), kommt von seinen zahlreichen Dienstreisen in die neuen Bundesländer regelmäßig ermutigt zurück: "Der Osten wird schlechtgeredet; zumindest in der Wissenschaft geht es gut voran", sagt er. "Von der Qualität der Forschung her steht der Osten dem Westen in nichts nach", beteuern Winnacker und Einhäupl unisono. Da sich Großinvestoren nicht massenhaft in den Osten locken lassen, sehen die Forschungs-Repräsentanten keine Alternative dazu, an der Wurzel zu beginnen: Mit guten und gut ausgestatten Forschern sowie den kleinen und mittelgroßen Unternehmen einer Region.

Forschung zieht an

Die Wissenschaft wird damit zugleich zum Schlüssel, die Entvölkerung des Ostens aufzuhalten. Forschung zieht an, was angesichts des demographischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten am dringendsten gebraucht wird: junge, qualifizierte, tatendurstige Menschen. Wenn etwas jene Investoren anlocken kann, die bisher ausgeblieben sind, dann ist es die Nähe zu solchen Menschen. Soeben hat das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" prognostiziert, daß bis 2020 zwischen Usedom und Fichtelgebirge ein menschenleerer Raum entstanden sein wird. Entgegenwirken können die Kommunen in und um diesen Korridor der Alterung nur, wenn sie für junge, qualifizierte Menschen und ihre Familien attraktiv bleiben. Universitäten und Forschungsinstitute tragen dazu schon jetzt massiv bei. Dreißigtausend Einwohner hat Ilmenau. 7500 Studenten und 1300 Angestellte sind an der Universität tätig. Die Arbeitslosenquote liegt bei katastrophalen 19 Prozent - doch man stelle sich vor, was hier ohne die TU passierte.

Ähnliche Impulse geben andere Einrichtungen: Achtzehn von insgesamt achtzig Instituten der elitären Max-Planck-Gesellschaft sind in den neuen Bundesländern gegründet worden. Sie versammeln nun prominente Wissenschaftler aus aller Welt, vom Evolutionsforscher Pääbo in Leipzig bis zum Demographen James Vaupel in Rostock. Derzeit wird das Max-Planck-Institut für psychologische Forschung am Standort München aufgelöst und in das neue Institut für Kognitions- und Neuroforschung in Leipzig integriert. Ließen sich keine Spitzenforscher für den Osten gewinnen, wäre der Umzug wohl nicht in die Wege geleitet worden. Mit dem nahen Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg, dem Paradebeispiel gelungener Transformation eines ehemaligen DDR-Instituts, entsteht in der Region ein wichtiges Zentrum für Hirnforschung.

Neue Forschungsstätten in jedem neuen Bundesland

Zahlreiche Forschungsstätten hat auch die Fraunhofer-Gesellschaft eingerichtet, vom Zentrum für Graphische Datenverarbeitung in Rostock bis zum Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz. Mit ihrem anwendungsnahen Schwerpunkt können Fraunhofer-Institute der regionalen Wirtschaft enorm helfen. Wissenschaftsstrategen in strukturschwachen West-Ländern erblassen vor Neid, wenn sie die Landkarte mit Fraunhofer-Standorten betrachten. Schleswig-Holstein hat nur ein solches Institut, Niedersachen zwei, Sachsen aber ganze neun. DFG-Präsident Winnacker kann für jedes ostdeutsche Bundesland gleich mehrere Forschungs-Cluster nennen, wie die Geo- und Umweltwissenschaften in Jena, die Grüne Gentechnik in Sachsen-Anhalt und die Plasmaphysik in Greifswald, wo bis 2010 eine der weltweit wichtigsten Einrichtungen für Fusionsforschung mit dreihundert Arbeitsplätzen entsteht.

Viel zu langsam aber dämmert den ostdeutschen Kommunalpolitikern, welche Schätze die Forschungsinstitute für ihre Städte darstellen. Daß Leipzig als einzige ostdeutsche Großstadt Einwohner dazugewonnen hat, führen die Kommunalpolitiker hauptsächlich auf den Standortfaktor Wissenschaft zurück. Jahre, erzählt Reinhard Hüttl, Professor für Bodenkunde an der TU Cottbus, habe man aber bei der Stadtverwaltung darum kämpfen müssen, daß die Universität auf Straßenschildern auftauche. Inzwischen habe sich das Verhältnis zum Glück erheblich gebessert.

Magnet für Osteuropa

Trotz aller Klagelieder über den Abschwung Ost ist auch Hüttls Optimismus ungebrochen: "Mir macht es Hoffnung, daß dreißig Prozent der Studenten in Cottbus aus dem Ausland kommen, achtzig Nationen sind vertreten." Besonders unter jungen Menschen aus den EU-Beitrittsländern sei die Universität äußerst beliebt - könne es so kurz vor der EU-Erweiterung ein besseres Signal geben? Ähnlich sieht es am Nanozentrum in Ilmenau aus: Viele der jungen Forscher kommen aus Osteuropa: "Die Bedingungen hier sind perfekt", sagt Julian Botiov, ein 26 Jahre alter Forscher aus Bulgarien. Eine "Pförtnerfunktion" hätten ostdeutsche Universitäten wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten. Diese helfe, "die besten Nachwuchsforscher aus Osteuropa zu gewinnen", meint Karl Max Einhäupl vom Wissenschaftsrat.

Ignoranz gegenüber der aufblühenden Forschungslandschaft im Osten herrscht aber nicht nur in manchen Stadtverwaltungen, sondern selbst im dafür zuständigen Aufbauministerium von Manfred Stolpe (SPD). Als Stolpe kürzlich ankündigte, die Ost-Fördermittel künftig in "clustern" innovativer Regionen zu konzentrieren, wußte er offenbar nicht, daß dieser Prozeß bereits seit 1996 läuft. "Innoregio" heißt das entsprechende Programm von Forschungsministerin Bulmahn (SPD).

Kooperationen im „Musicon Valley“

Mit schlanken 256 Millionen Euro, eingeplant für den Zeitraum 1996 bis 2006, sind die "cluster" entstanden, um die Kräfte von Forschern, Unternehmern, Banken und Beamten in den Regionen zu bündeln. Die "Maritime Allianz" in Mecklenburg-Vorpommern etwa eint ganze hundert Akteure hinter dem Ziel, die Schiffsindustrie der Region zu modernisieren. In Mittel-Thüringen wird im Projekt "Bautronic" daran geforscht, rechnergesteuerte Gebäude zu entwickeln. In der "BioHyTec"-Region um Potsdam und Luckenwalde werden Biochips für Medizin und Nahrungsindustrie entwickelt. Das Vogtland hat sich auf seine Kompetenzen im Musikinstrumentenbau besonnen. Forscher und Firmen kooperieren im "Musicon Valley".

Nicht alle Inno-Regionen sind gleich erfolgreich. Vielerorts sind Wissenschaftler als Existenzgründer gescheitert, geht wertvolle Energie in komplizierten Abstimmungsprozessen verloren, gerät das Ziel aus den Augen. Doch zumindest haben sich die Regionen klargemacht, wo ihre Stärken liegen. Wer mehr für den Osten tun will, weiß, wo er ansetzen kann. Als Bulmahn am vergangenen Donnerstag mit den Präsidenten der Forschungsgesellschaften zusammensaß, war man sich einig, daß die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland dramatisch ist, aber ebenso darin, daß die bestehenden Förderinstrumente für die Wissenschaft funktionieren. "Niemand kann erwarten, daß Forschungsinstitute binnen wenigen Jahren ganze Regionen aus ihrer wirtschaftlichen Misere befreien", sagt DFG-Präsident Winnacker. Ohne eine vitale Forschung aber sei der Weg ganz verstellt.

Künstliche Trennlinien

Die DFG geht für den Osten nun in die Offensive. Von Mitte des Jahres an werden sich erstmals kleine und mittlere Unternehmen in Ostdeutschland um Fördermittel bewerben können, sofern sie mit Universitäten zusammenarbeiten und exzellente Forschung betreiben. Winnacker will sich zudem dafür einsetzen, daß die Bundesregierung Steueranreize für Großunternehmen schafft, damit sie ihre Forschungsabteilungen in den Osten verlagern. EU-Fördermittel für die Infrastruktur, fordert er, sollten nicht nur in Straßen fließen, sondern auch in die Wissenschaft. Dringend nötig sei ein Abbau von Bürokratie. Gleich drei Biotech-Zentren gebe es in einem Radius von sechzig Kilometern in Halle, Jena und Leipzig. Daß sie auf drei Bundesländer und damit drei Bürokratien verteilt seien, schaffe riesige Hürden für die nötige Kooperation.

Die neu aufgeflammte Debatte um die besten Wege, den Osten aus seiner wirtschaftlichen Misere zu befreien, birgt für die Universitäten und Forschungseinrichtungen eine große Chance. Sie können sich als Keimzelle des Aufschwungs und als Therapeutikum gegen den Bevölkerungsschwund profilieren. Zugleich aber ist der demographische Wandel eine große Gefahr für das junge Pflänzchen Ost-Forschung: Angesichts eines dramatischen Geburtenrückgangs sind die Landesregierungen in der Versuchung, weiter bei Hochschul- und Forschungsausgaben zu sparen, mit der Begründung, daß von 2007 an die jungen Menschen fehlen werden. Der Cottbusser Forscher Hüttl fordert antizyklisches Denken: "Wer jetzt an der Wissenschaft spart, gräbt sich sein Grab", sagt er.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2004, Nr. 99 / Seite N1
Bildmaterial: dpa

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