MP3-Verwaltung

Löchrig wie ein iPod

Von Klemens Polatschek

Alles schon da gewesen: Apples Methode, Musikstücke zu katalogisieren

Alles schon da gewesen: Apples Methode, Musikstücke zu katalogisieren

17. Januar 2007 Die kalifornische Firma Apple ist vielleicht der einzige Computerhersteller, der russischen Schriftstellern, italienischen Sportwagenherstellern und argentinischen Fußballern ähnelt, die alle gern, von sich selbst besoffen, zwischen Genie und Wahnsinn pendeln. Vor fünf Jahren erschuf das irrlichternde Unternehmen rund um seinen tragbaren Musik-Spieler iPod einen neuen Markt und dominiert ihn bis heute auf äußerst staunenswerte und höchst lukrative Weise. Es ist klar, dass solch ein Erfolgsprodukt durch vielerlei Patente abgesichert sein muss. Oder etwa nicht? Dem wichtigsten Bedienelement der iPod-Serie, dem runden Klickrad, versagte das amerikanische Patentamt auch nach dem dritten Anlauf von Apple im August 2005 den offiziellen Patentsegen (beantragt unter US20030095096A1).

Andersherum wagten zur selben Zeit gleich mehrere Firmen, mit ihren eigenen Patenten gegen angeblich nachgeahmte Elemente des iPod vorzugehen. Advanced Audio Devices kam mit einer patentierten „Musik-Jukebox“ an. Eine Patentsammelfirma namens Pat-rights hält offenbar Rechte an der Software zur Verwaltung von Musik-Urheberrechten, wie sie der iPod und viele andere Systeme heute einsetzen. Und dann klagte im Mai 2006 noch Creative Technology aus Singapur und gab an, dass der iPod Schutzrechte für Ordnung und Darstellung von Musikstücken verletze. Die Firma Creative ist nun auf diesem Gebiet ein direkter Konkurrent von Apple, und nach dem Namen ihrer Gerätelinie nennt man das ausschlaggebende Patent US6928433 auch kurz „Zen-Patent“. Es etabliert die Rechte an einem Verfahren, Musikdateien anhand der Interpreten, Alben und Genres in verschiedenen hierarchischen Ordnungen darzustellen.

Mindestens drei eigene Klagen

Apple begann damals sofort in den eigenen Patentarchiven zu wühlen und konterte im Abstand von Tagen mit mindestens drei eigenen Klagen, betreffend jeweils mehrere Patente - etwa dafür, dass man Daten auf einem Computer zeigen kann, dafür, dass man sie mit einem tragbaren Gerät bearbeiten kann, dafür, dass man Dateien durch kleine Bildchen (die bekannten Icons) darstellen kann, und dafür, dass man bei Spaghetti durch Beißen feststellt, ob sie schon „al dente“ sind (das letzte ist jetzt dazuerfunden). Nach nur drei Monaten einigten sich die beiden Firmen darauf, dass Apple 100 Millionen Dollar an Creative zahlt und Creative wiederum Zubehör für den iPod anbieten darf.

Selbst das künstlerischste Unternehmen kann auf solche Erfahrungen irgendwann gern verzichten. Apple hat daher sein Mobiltelefon iPhone, das nach riesiger Geheimniskrämerei vor einigen Tagen endlich vorgestellt wurde, durch eine lange Reihe von Patenten abgesichert, manche sprechen von zwei Dutzend, manche von 200. Wie man's nimmt: Jedenfalls hätte ein gewitzter Berichterstatter das iPhone schon im vergangenen September recht präzise beschreiben können, wenn er unter den frisch veröffentlichten Patentanträgen Apples den entscheidenden erkannt hätte: die Nummer WO2006094308 („Multi- functional hand-held device“). Zusammen mit all den anderen Anträgen soll er versuchen, das Gerät mit seinem berührungsempfindlichen Bildschirm vor schneller Nachahmung zu bewahren. Kurz vor Weihnachten erschien allerdings der erste Bericht der europäischen Patentprüfer dazu: Sie fanden gleich mehrere Dokumente aus den letzten Jahren, die der Erteilung eines Patents wohl im Weg stehen.

Nun, dem iPod hat sein löchriger Schutzschild auch nicht geschadet. Es scheint, als müssten die Hersteller heute dem breitestmöglichen Schutz für ihre Geschäftsverfahren und Softwareprodukte um jeden Preis nachrennen - nur damit sich die Konkurrenz nicht die Rechte sichert und um vor Gericht genügend Gegendrohungen aufbauen zu können. Mit Erfolg hat das noch nichts zu tun.

Zur Zen-Klage:
arstechnica.com/news.ars/post/2006 0515-6838.html
Zum iPod:
arstechnica.com/journals/apple.ars/2 005/8/10/922
Zum iPod-Klickrad:
appleinskder.com/article.php?id=1226



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