Ethik-Debatte

Türöffner

Von Volker Stollorz

23. Mai 2005 Der "koreanische König der Kloner" Woo Suk Hwang vergleicht seine Arbeit gerne mit der Suche nach dem "heimeligen Raum" in einem Haus. Das ersehnte Zimmer liege hinter mindestens acht Türen verborgen. Vergangenes Jahr, als er die ersten menschlichen Stammzellen überhaupt geklont hatte, sei es ihm nur gelungen, die Haustür zu öffnen.

Mit der aktuellen Arbeit habe man nun die Vorhängeschlösser von vier weiteren Türen geknackt, sagte Hwang am Freitag entspannt gegenüber der Presse in Seoul. Er versteht nicht, daß sein Paradies vielen als teuflischer Plan wider Mutter Natur gilt. Dabei drängt sich die Frage auf, ob sich der Mensch Zutritt zu jenem Ort verschaffen, also menschliche Embryonen opfern darf, um "verheerende Krankheiten heilen" zu können, wie Hwang hofft.

Keine „richtigen Antworten“

Es gebe auf solche ethischen Fragen "keine richtigen Antworten", erklärt der Tierarzt. Dennoch habe sein Team nach der weltweiten Kritik im vergangenen Jahr seine Versuche freiwillig unterbrochen. Man habe sich dem "Urteil koreanischer Ethikexperten", der Gemeinschaft also, gebeugt. Die ethische Begutachtung habe dreimal so lange gedauert wie die wissenschaftliche, betont Hwang. Er habe deshalb sogar darüber nachgedacht, die Suche aufzugeben.

Doch dann klonte seine Mannschaft weiter, ab September 2004, noch bevor in Südkorea am 1. Januar 2005 der "Bioethics and Biosafety Act" in Kraft trat. Das neue Gesetz verlangte von Hwangs vielköpfigem Team eine Reihe offizieller Kommissionsstempel. Auch sein Labor mußte eine offizielle Lizenz zum Klonen beantragen.

Die erhielt Hwang bereits am 12. Januar. Unklar ist, nach welchen Regeln und moralischen Grundsätzen seine Arbeit den bioethischen Segen bekam. Zwar hält Hwang reproduktives Klonen für "gefährlich" und akzeptiert dessen Verbot in Korea. Menschliche Embryonen mag er in seinen 31 geklonten "Zellkern-Transfer-Konstrukten" aber ohnehin nicht erkennen. Diese Gebilde besäßen nur eine "vernachlässigbare Chance", sich in die Gebärmutter einer Frau einzunisten, und seien zu "keiner normalen Entwicklung" fähig, behauptet er. In der deutschen Klondiskussion stünde der Professor mit seiner Meinung isoliert da. Mit der britischen Embryonenethik aber befindet sich der Koreaner bei seinen Versuchen durchaus im Einklang.

Woher stammen die Eizellen?

Viel kniffliger, sogar für liberale westliche Ethiker, ist die Frage nach der Herkunft der frischen, für die Forschung gespendeten weiblichen Eizellen. Sie legten den Grundstein für den Klonerfolg der Koreaner. Zwar soll bei der Rekrutierung der Spenderinnen kein Geld geflossen sein. Auch seien alle Eizellspenden freiwillig und nach ausführlicher Aufklärung erfolgt, betont Hwang. Ob ein guter Arzt aber von willigen Frauen in einem altruistischen Akt verlangen darf, sich einer riskanten Hormonkur zu unterziehen: das genau ist die Frage, auf die selbst eine sogenannte informierte Zustimmung der Frauen keine Antwort ist.

Im vergangenen Jahr kam heraus, daß es Mitarbeiterinnen Hwangs waren, die als Eizellspenderinnen für seine Versuche agiert hatten. "Sanfter Zwang" nennen Ethiker diese Form der Abhängigkeit. Wer diesmal die Spenderinnen waren, wird die Welt nie erfahren. Denn jetzt empfahlen die koreanischen Ethikberater, den Frauen Anonymität zuzusichern.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 71

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