Von Joachim Müller-Jung
28. April 2004 "Ich bin praktisch reich." So einen Satz aus dem Munde eines lupenreinen Grundlagenforschers zu hören, mutet fast archaisch an. Wie das Echo aus einer fernen Zeit, als die reine Wissenschaft noch Privilileg des Adels und des Klerus war. Mathias Bochtler allerdings, von dem dieser seltene Ausdruck der Glückseligkeit stammt, steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Gegenwart, und das nicht einmal etwa in einer der großen, traditionell liberalen Forschungsnationen dieser Welt, sondern in einem der vielleicht bemitleidenswertesten und als weithin verkrustet geltetenden Forschungsstandorte Europas: Polen.
Wer hier Karriere machen und als Hochschulforscher erfolgreich sein will, das läßt man hier überall mehr oder weniger klar durchblicken, der muß mit dem alten hierarchischen, hermetischen, gerontokratischen und - auch fast fünfzehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus - auf persönlichen Beziehungen aufbauenden System klarkommen.
Forschungszentrum aus dem Bilderbuch
Nicht so ganz offenkundig der dreiunddreißig Jahre alte deutsche Biologe. Er lebt und arbeitet zusammen mit etwa fünfzig anderen fast durchweg jungen Wissenschaftlern in einer Art Forschungsenklave am Rande Warschaus, keine zehn Minuten vom internationalen Flughafen entfernt.
Das "International Institute of Molecular and Cell Biology" trägt seine Weltläufigkeit nicht nur mit dem englischen Titel zur Schau. Es ist ein internationales Forschungszentrum aus dem Bilderbuch, das mit Jacek Kuznicki einen Antreiber an der Spitze hat, der sich und seinen jungen Leuten nach der Gründung vor neun Jahren nicht nur die regelmäßige internationale Evaluation nach höchsten amerikanischen Maßstäben, die obligatorische Drittmittelwerbung und Leistungsnachweise auferlegt hat.
Der Wissenschaftler hat auch den Ehrgeiz, vielversprechende ausländische Talente in den Osten zu locken. Bochtler, der Strukturbiologie betreibt und von der deutschen Max-Planck-Gesellschaft mit den immens teuren Apparaten zur Analyse von Eiweißstrukturen ausgerüstet wurde, leitet dort als Professor eine Arbeitsgruppe mit fast ausschließlich polnischen Nachwuchskräften - so erfolgreich, daß er vor kurzem gleich fünf Anträge auf Fördermittel bewilligt bekommen und damit seinen überraschenden Reichtum begründet hat. "Ein oder zwei hatte ich erwartet. Jetzt habe ich gar nicht die Kapazitäten und Leute, das ganze Geld auszugeben."
Hauptamtliche Fördermittelspezialistin
Wer hätte das gedacht: Daß man also in den neuen Osten der Europäischen Union reisen muß, um reiche, zufriedene Wissenschaftler zu treffen. Zufrieden sind die Mitarbeiter Kuznickis nicht zuletzt auch deshalb, weil sie sich um das Geld erst gar nicht groß kümmern müssen, denn das übernimmt eine eigens als so eine Art Fördermittelspezialistin eingestellte, hauptamtliche Kraft in der Geschäftsleitung.
Seitdem das Institut Ende der neunziger Jahre zum Kreis der "Centre of Excellence" gehört, einer europäischen Kategorie, die mit dem fünften EU-Rahmenprogramm eingeführt worden war, hat diese Brüokratiefachkraft alle Hände voll zu tun. Das Institut finanziert sich zum großen Teil aus Mitteln der Europäischen Union und anderen externen Quellen.
Wie Polen, so sind forschungsökonomisch betrachtet auch die meisten anderen EU-Beitrittsländer schon längst Teil der Union. 1999 hatte deren Kommission mit dem Ziel, die international vernetzte, multidisziplinäre Spitzenforschung dort zu stärken, 34 Institute in den zehn Kandidatenländern in das Exzellenzzentren-Programm aufgenommen. 184 Bewerber hatte es damals gegeben. Aber die Zahl derjenigen Forschungsinstitutionen, die den internationalen Anforderungen genügen, ist in den postsowjetischen Zeiten klein geblieben. Auch in Polen, wie Jacek Kuznicki weiß: "Die anderen Universitätsprofessoren haben natürlich Angst, daß sich die Krankheit der Evaluation ausbreitet."
Schlechte Grundlagen jenseits der wenigen Eliteschmieden
Es gibt sie, diese staunenswerten Forschungsoasen im Osten Europas, Horte einer Generation von leistungswilligen Spitzenkräften, die es auch der Robert-Bosch-Stiftung wert waren, eine stattliche Gruppe deutscher Wissenschaftsjournalisten zur Berichterstattung nach Osten zu schicken. Aber im Dunstkreis dieser neuen Eliten vegetiert in vielen der EU-Beitrittsländer das alte, oft nur notdürftig aufgefrischte Forschungssystem weiter.
Schon kurz nach dem Systemwandel in Polen sind wie in den meisten anderen osteuropäischen Ländern die Zahlen der Studierwilligen explodiert. Plötzlich hatte jeder Zugang zu den Hochschulen, und viele nutzen diese Gelegenheit schon, um der Arbeitslosigkeit oder den alten dörflichen Strukturen zu entkommen. Doch die Grundlagen für eine Bildungs- und Forschungsrevolution sind fern der wenigen Eliteschmieden schlecht geblieben.
In Tschechien, klagt der Präsident der tschechischen Wissenschaftsstifung, Josef Syka, hat man nach 1990 zwar das System der Wissenschaftsakademien und der universitären Forschungsinstitute erfolgreich "entschlackt" vom kommunistischen Geröll, aber "wir investieren immer noch viel zu wenig in die Bildung". Polen hat sogar seine Forschungsausgaben, gemessen am Bruttoinlandprodukt, seit Anfang der neunziger Jahren um mehr als ein Drittel gesenkt. Die Universitäten sind in der Breite überfordert, von allzu konservativen Kräften mehr verwaltet als geführt, sie sind überfüllt und mit einer miserablen Infrastruktur ausgestattet.
Tschechien kämpft hart dagegen an, aber das soziale Umfeld ist wenig konkurrenzfähig, die Gehälter der Nachwuchskräfte sind niedrig. Und wenn es in diesem System dennoch gelingt, die besten in einem der dreiundreißig neugegründeten Forschungszentren zum international konkurrenzfähigen Spitzenforscher auszubilden, dräut wie in Polen massiv eine ganz andere, viel größere Gefahr: Der sogenannte "Brain drain", die Abwanderung der Eliten, die in Tschechien vor allem aus der Mathematik, den Ingenieurwissenschaften und der klinischen Medizin kommen, suchen ihr Heil im Westen. Die Anbindung an die Europäische Union, da ist man sich in Polen wie in Tschechien einig, dürfte dieses Übel kurzfristig eher beschleunigen denn verhindern.
Ehrgeizige Esten
In Estland, einem der "baltischen Tigerstaaten" mit beneidenswerten Wachstumsquoten, ist die Situation der Universitäten in vieler Hinsicht nicht viel besser, wie der stellvertretende Generalsekretär im estnischen Forschungsministerium zugibt: "Für die Infrastruktur fehlt zehnmal soviel Geld wie zur Verfügung steht." Zwischen 1992 und 1995 hätten tatsächlich auch viele der Studenten und Forscher das Land gen Westen, vor allem in die Vereinigten Staaten, verlassen. Aber diese Entwicklung glaubt die estnische Politik zusammen mit ehrgeizigen Wissenschaftsmanagern wie Jaak Aaviksoo endgültig überwunden zu haben.
Der junge Rektor der Universität Tartu, ein glänzend deutsch sprechender Festkörperphysiker und ehemaliger Stipendiat der Humboldt-Stiftung am Stuttgarter Max-Planck-Institut, will die zweitgrößte Stadt Estlands künftig auf jede Weltkarte der Forschungseliten bringen. "Wir wollen auf einigen Gebieten ersthaft die Nummer eins werden", sagt er, und er hat dabei vor allem die Informationstechnik im Blick, die Genforschung und mit ihr das "Bioingenieurwesen", die Materialforschung, Physik, Neurowissenschaften - "im Grunde alle modernen Wissenschaften".
Kein "Homo sowjeticus"
Was ihn dazu bestärkt hat, angesichts der auch in Estland nicht gerade berückenden finanziellen Situation? "Eine Mischung aus Hightech- und Geschäftskultur", sagt er, die das Land beflügelt habe. Ein Land, in dem man Parkgebühren mit dem Handy bezahlt und das Internetsurfen von Gesetzes wegen kostenlos und fast an jeder Ecke in Internetcafés aus möglich ist. In der beschaulichen Akademikerstadt Tartu in der südlichen, agrarisch geprägten Provinz hat sich in kürzester Zeit ein veritables Konglomerat aus acht Exzellenzzentren - solchen der EU-Kategorie und nationale Zentren - sowie an die fünfzig mehr oder weniger große Hightech-Instituten - hauptsächlich aus den Biotechnik- und Informationssektoren - angesiedelt.
Den "Homo sowjeticus", wie Forschungssekretär Haller den Gegentypus dazu bezeichnet, hat es in Estland so nie gegeben. Von dem Erbe, das man zu erhalten bereit war, gehörte keines in die unrühmliche kommunistische Epoche. Den prunkvollen Festsaal und die Fassade der im Jahre 1672 gegründeten Universität Tartu dagegen hat man renoviert und kräftig aufpoliert. Der offizielle Eintritt in die Europäische Union sollte ein glorioser sein - zumindest nach außen hin.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2004, Nr. 99 / Seite N1
Bildmaterial: dpa