23. Mai 2005
Professor Zhou, hat Sie der schnelle Fortschritt von Hwang überrascht?
Nein, nachdem Hwang schon im vergangenen Jahr aus geklonten Embryonen eine Stammzellinie gewinnen konnte, habe ich mit dieser Entwicklung gerechnet.
Ist das der Durchbruch für das therapeutische Klonen?
Sicher ist das ein wichtiger Schritt. Aber viel wichtiger als technische Durchbrüche beim Klonen ist die Untersuchung, ob sich diese Stammzellinien normal verhalten und ob sie für den therapeutischen Einsatz sicher genug sind. Hier fehlen bisher entscheidende Fortschritte.
Hwang hat mit Gerald Schatten, Klonforscher an der Universität Pittsburgh, zusammengearbeitet, der wie Sie versucht, Affen zu klonen. Fürchten Sie nun Konkurrenz aus Südkorea?
Ich mag den Wettstreit. Aber Hwang dürfte auch von Schatten profitiert haben, man kann seine Handschrift in der Anlage der Experimente, der technischen Durchführung und sogar in der Sprache der Veröffentlichung erkennen.
Warum ist es überhaupt sinnvoll, Rhesusaffen zu klonen?
Zunächst einmal ist es eine wissenschaftliche Herausforderung. Außerdem ist der Affe neben Maus und Mensch bisher die einzige Spezies, von der embryonale Stammzellen gezüchtet werden können. Damit sind Affen das beste Modell, um das therapeutische Klonen zu erforschen. Außerdem könnten geklonte Affen für die medizinische und pharmazeutische Forschung sehr wichtig werden.
Müssen sich europäische Wissenschaftler vor der asiatischen Konkurrenz fürchten, oder ist Hwang ein Ausnahmeforscher?
Das ist er ganz sicher. Aber ich sehe keinen Grund für europäische Forscher, Angst vor dem Fortschritt in Asien zu haben. Wissenschaft lebt nicht nur von der Konkurrenz, sondern auch von der Kooperation. Hwang Woo Suk arbeitet beispielsweise mit amerikanischen Forschern zusammen, ich kooperiere mit Jean-Paul Renard in Frankreich. Und viele amerikanische und europäische Wissenschaftler sind inzwischen sogar nach Singapur und Südkorea umgezogen, um mit asiatischen Wissenschaftlern Stammzellforschung zu betreiben.
Südkorea und Singapur sind längst keine Entwicklungsländer mehr, anders als China. Hat die chinesische Wissenschaft noch Aufholbedarf?
Ja, denn in den meisten Disziplinen hat China noch keinen internationalen Level erreicht, dazu gehört auch die Klonforschung. Die chinesische Regierung strengt sich an, eine innovative Forschungsstruktur zu etablieren. Aber im Vergleich zu Korea und Singapur ist unser Problem vor allem die Finanzierung. An den Universitäten entstehen zwar neue Gebäude, und die Ausstattung ist oft besser als im Ausland. Aber das ist immer noch die Ausnahme. Die Grundlagenforschung ist kaum entwickelt. Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen, um ein System aufzubauen, das Nobelpreise hervorbringt.
Es heißt, die führende Position der Tigerstaaten in der Klon- und Stammzellforschung sei nur möglich aufgrund laxer Bioethik-Gesetze.
Es ist sicher zu früh, von einer führenden Position Chinas, Koreas oder Singapurs zu sprechen. Aber es stimmt: Die Stammzellforschung und ihre therapeutische Anwendung profitiert von den wenigen Beschränkungen. Zumal in diesen Ländern ausdrücklich zur Klon- und Stammzellforschung ermutigt wird.
Legen Hwangs Experimente nicht auch nahe, daß nun auch das reproduktive Klonen von Menschen möglich ist?
Ich habe immer geglaubt, daß das Klonen von Menschen technisch möglich ist, ob es nun gesetzlich erlaubt oder verboten ist.
Die Fragen stellte Sascha Karberg
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 71
Bildmaterial: F.A.Z.-R. Friebe