Frage 5

Warum müssen wir die Emissionen halbieren?

Von Malte Meinshausen

06. März 2007 Die Dürren im Sommer werden heute bereits sengender, die Wirbelstürme über dem Atlantik zerstörerischer, und Jahrhundertfluten suchen uns nicht nur einmal im Jahrhundert heim. Dabei liegen die Mitteltemperaturen der Erde erst 0,8 Grad über den Werten, die für eine vom Menschen unbeeinflusste Klimaentwicklung erwartet würden. Von welchem Grad von Erwärmung an wird der Klimawandel existentiell gefährlich? Eine Antwort ist schwierig. Die wissenschaftliche Studie, die besagt, dass gefährlicher Klimawandel erst bei einer durchschnittlichen Erwärmung von zwei Grad Celsius anfängt, wird es wohl nie geben. Ähnlich sinnlos wäre die Aussage, dass Tempo 160 auf Autobahnen gefährlich ist und Tempo 120 nicht.

Der menschgemachte Klimawandel verlangt schon heute seine ersten Opfer. Die Hitzetoten während des europäischen Jahrhundertsommers 2003 gehen sehr wahrscheinlich auf sein Konto, auch die Opfer des Wirbelsturms „Katrina“. Die Frage, wann der Klimawandel für die Weltgemeinschaft als gefährlich eingestuft wird, ist eine Abwägungssache. Hierfür braucht es die Politik, nicht die Wissenschaft.

Fieber der Erde unter zwei Grad

Die Europäische Union verfolgt in ihrer Klimaschutzpolitik das Ziel, das Fieber der Erde auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Zwei Grad über vorindustriellem Niveau bedeuten rund 1,5 Grad über dem Niveau von 1990 - oder 1,2 Grad über dem heutigen. Zwei Grad, das klingt nach mildem Wetter. Aber bei vier bis sieben Grad globaler Abkühlung versank Deutschland unter einer Eisdecke. Das war in der Eiszeit vor rund einundzwanzigtausend Jahren der Fall. Jetzt geht es von der Warmzeit in die Heißzeit.

Der IPCC zufolge kann schon eine Erwärmung um durchschnittlich 1,9 Grad richtig ungemütlich werden. Der kilometerdicke grönländische Eispanzer könnte anfangen zu tauen. Kommt dieses Abschmelzen erst einmal richtig in Gang, lässt es sich über Hunderte von Jahren nicht mehr stoppen - bis es keinen Eisschild mehr gibt. Gleichmäßig auf den Globus verteilt, ließe das Schmelzwasser den Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen. Vor 125.000 Jahren war es schon einmal so warm wie heute. Der Meeresspiegel war damals vier bis sechs Meter höher.

Chance von mindestens 50:50

Um eine Chance von mindestens 50:50 zu haben, die Zwei-Grad-Celsius-Linie noch zu halten, sind große Anstrengungen nötig. Die globalen Treibhausgasemissionen müssten in den nächsten zehn Jahren ihren Sattelpunkt erreichen und dann bis 2050 halbiert werden. Ansonsten wird es durchschnittlich drei oder sogar vier Grad wärmer. Sind solche Emissionsreduktionen realistisch?

Die Antwort ist klar: Nicht, wenn die bisherige Politik in Deutschland, dem angeblichen Weltmeisterland des Klimaschutzes, ein Gradmesser für den politischen Willen weltweit ist: Die deutsche Industrie wehrt sich gegen EU-weite, strenge Kohlendioxidgrenzwerte für alle Autos, die Regierung verschenkt Erlaubnisscheine für Kohlendioxidemissionen. Wir müssen viel ändern, wenn der Klimawandel unser Leben nicht grundlegend ändern soll.

Text: F.A.Z., 02.03.2007, Nr. 52 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z.

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