17. Januar 2004 Es ist kein Zufall, daß die Bundesregierung mit ihrem Vorschlag einer Elite-Universität genau die entgegengesetzte Absicht verfolgt wie die Kultusminister. Sie setzen auf Wettbewerb, auf unterschiedliche Schwerpunkte und Qualität in der Fläche. Berlin will die Elite (woher soll sie kommen?) an einem Ort, vermutlich Berlin, unter direkter Kuratel des Bundesforschungsministeriums versammeln. Damit wäre nicht nur der bisher schwerste Eingriff in die Länderhoheit verbunden.
Das viel gewichtigere Argument gegen eine deutsche Elite-Universität leitet sich unmittelbar aus den Erfahrungen benachbarter Länder mit Universitäten und Elite-Hochschulen ab. Die französischen Grandes Ecoles haben beneidenswert begabte Studenten und Dozenten, führen aber dazu, daß die Universitäten bis auf wenige Ausnahmen zu einer mittelmäßigen Massenveranstaltung werden. Eine Auswahl der Studienbewerber ist bis auf naturwissenschaftliche oder technische Studiengänge weitgehend verpönt.
Aus anderen Ländern lernen
Mit viel Geist und Geld eine Elite-Universität zu etablieren ist allemal einfacher, als das wissenschaftliche Niveau an den Universitäten anzuheben und wissenschaftliche Exzellenz zu fördern. Statt dessen kürzt das Bundesbildungsministerium die Forschungsgelder, hungert den Hochschulbau aus, schreckt den wissenschaftlichen Nachwuchs mit Juniorprofessuren ab und verbietet den Hochschulen, Studiengebühren zu erheben. Selbst die von der SPD propagierte Elite-Hochschule soll ohne Gebühren auskommen. Auch hier läßt sich aus anderen Ländern lernen. Weder Frankreich noch Großbritannien, auch nicht die Vereinigten Staaten können auf Studiengebühren an Elite-Hochschulen verzichten.
Es ist einigermaßen zynisch, daß ausgerechnet die SPD, die am lautesten von Hochschulautonomie sprach, einen derart massiven staatlichen Eingriff in die Hochschullandschaft nicht scheut. Für das wachsende Bewußtsein für leistungsgerechte Besoldung und die Evaluation ganzer Fachbereiche wäre eine Elite-Hochschule ruinös, weil sie den Anreiz für Qualitätsverbesserung nimmt. Deutschland braucht wissenschaftliche Eliten, aber nicht eine Elite-Universität, sondern viele international konkurrenzfähige Universitäten mit Spitzenfakultäten.
Text: oll., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2004