07. April 2006 Die Entscheidung ist verständlich, der Zeitpunkt ihrer Bekanntgabe ist es nicht. Daß Jürgen Klinsmann sich einen Tag vor dem Bundesliga-Gipfeltreffen zwischen Werder Bremen und dem FC Bayern München dazu entschlossen hat, Jens Lehmann zum Nationaltorwart Nummer eins zu befördern und den langjährigen Platzhirschen Oliver Kahn zum zweiten Mann zu degradieren, kann nicht anders als instinktlos bewertet werden.
Als wäre er nicht selbst ein sensibler Spitzensportler gewesen, befrachtete Klinsmann den in letzter Zeit ohnehin erkennbar seelisch belasteten und körperlich leidenden Münchner Nationaltorwart mit einer weiteren Bürde. Ein solches Procedere gehört sich nicht, wenn auch im Profifußball noch so etwas wie die Gesetzmäßigkeiten des Fair-play gelten sollen. Klinsmanns Vorgehen wird - dazu gehört keine Phantasie - noch die entsprechend wuchtige Reaktion der Bayern zur Folge haben.
Kahn als jederzeit hilfsbereiter Stellvertreter?
Es spricht sehr für den Sportsmann Oliver Kahn, daß er seine große Laufbahn als Nationalspieler nach der Zurückversetzung durch den Bundestrainer nicht prompt beendet hat. Zwar ist noch nicht heraus, ob der gestürzte "Titan" tatsächlich als zweiter Torwart der deutschen Mannschaft die WM bereichern wird, doch unmöglich erscheint dieses Szenario nach Kahns Erklärung vom Freitag nicht mehr. Nähme er den Posten hinter dem derzeit famosen Lehmann an und ein, ihm wären viele Verbeugungen aus der gesamten Sportszene sicher.
Der zu seiner besten Zeit nahezu unantastbar anmutende Athlet, der nahezu fanatisch seine Ziele, überall der Beste und möglichst immer der Sieger zu sein, verfolgt hat, in der Demutsrolle des jederzeit hilfsbereiten Stellvertreters? Käme es so, Kahn hätte ein bewundernswertes Zeichen gesetzt und wäre, wie immer das Abenteuer Weltmeisterschaft für die Deutschen und ihren amerikanisch geprägten Trainer Klinsmann ausgeht, ein großer Gewinner des Turniers.
An Klinsmann bleiben Kratzspuren haften
Lehmann hat seine Chance mit beiden Händen ergriffen und muß nun seine im Augenblick auf höchstem Niveau stabile Verfassung bis zur WM konservieren. Da der 36 Jahre alte Essener zwar ein ähnlich schwieriger Charakter wie der extrovertierte Kahn ist, gleichzeitig aber aus eigener Erfahrung die Karriereleiden eines Torhüters kennt, wird er am Ziel seiner Mission gewiß nicht überheblich werden und sich für den Sieg eines Duells im Hochglanzformat in der Pose des Triumphators feiern lassen. Dazu ist der eher introvertierte Lehmann viel zu intelligent - eine Gottesgabe, die er mit Kahn teilt.
An Jürgen Klinsmann bleiben weitere Kratzspuren haften. Mag er sich in seiner Erklärung dafür, die ursprünglich Anfang Mai erwartete Entscheidung in der T-Frage vorgezogen zu haben, auf den nicht zuletzt von den Bayern erheblich intensivierten öffentlichen Druck berufen haben, so wirkte sein Agieren in den entscheidenden Stunden doch eher wie das eines Getriebenen. Letztlich ist Klinsmann von seinem Weg abgewichen, hat dazu einen denkbar ungeeigneten Moment gewählt, Kahn aus dem Kasten zu nehmen, und muß nun versuchen, die aus seinem Richterspruch auf verschiedenen Ebenen wachsende Unruhe so bald wie möglich zu dämpfen.
Souveränität sieht anders aus als das Handeln dieses Trainer-Neulings, der in letzter Zeit ein paar Fehler zuviel beging. So kann denn bei der in zwei Monaten beginnenden WM, die sich für das Gastgeberland zuletzt nicht gerade mit grandiosen Schlagzeilen ankündigt, tatsächlich alles nur noch besser werden. Daran zu glauben, fällt indes im Augenblick überaus schwer.
Text: F.A.Z. vom 8. April 2006
Bildmaterial: AP
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