16. Juni 2006 Freitagnachmittag, Feierabend - und ab ins Wochenende. So ist das noch immer ziemlich normal in Deutschland, und bei der Nationalmannschaft ist es nicht anders. Aber dort hat es so etwas seit der ersten Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft 1934 noch nicht gegeben. Nach dem zweiten Sieg im zweiten Vorrundenspiel und dem vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale hat der Bundestrainer die Lieblinge der Nation erst einmal nach Hause geschickt. Nach einer fünfundsiebzigminütigen Fitness-Einheit im benachbarten Tennisklub will Klinsmann seine Spieler erst wieder um 18 Uhr an diesem Samstag auf dem Trainingsplatz sehen.
Bis dahin haben seine Jungs Freigang, wie Klinsmann sagt. Das klingt sehr nach einer Maßnahme im deutschen Strafvollzug, und vielleicht stammt das Wort auch tatsächlich aus dem Unterbewußtsein des Bundestrainers, der als Spieler die vielwöchigen Trainingslager mit der Nationalmannschaft selbst wie Freiheitsberaubung empfand. Die Spieler brauchen ihren Freiraum, sagte Klinsmann zur ungewöhnlichen Entscheidung, das Schloßhotel Grunewald zur zeitweiligen Räumung freizugeben. Macht, was ihr wollt, sagte er ihnen zum Abschied. Aber den Fußball-Traditionalisten in Deutschland sei zur Beruhigung mitgeteilt: Klinsmann fliegt nicht nach Kalifornien. Er bleibt im Hotel.
Eine Generation, die weiß, was sie will
Die meisten Spieler nutzten den Kurzurlaub von der Weltmeisterschaft jedoch umgehend zum Heimflug zu ihren Familien, manche aber blieben (zum Teil mit Frauen oder Freundinnen) wie der Bundestrainer und sein Stab lieber in Berlin. Erwachsenen Leuten kann man ruhig Freigang geben. Wir wissen, daß sie nicht nachts um zwei oder drei Uhr in einer Berliner Disco rumhängen werden, sagte Klinsmann. Das ist eine Generation, die weiß, was sie will. Auch von einer Belohnung für den begeisternden Auftritt gegen Polen wollte der Bundestrainer nicht sprechen, sondern von einer ohnehin geplanten Maßnahme während des Turniers.
Mit seinem Assistenten Joachim Löw und Chefscout Urs Siegenthaler plante der Bundestrainer beim Videostudium unterdessen schon den dritten und letzten Auftritt in der Gruppe A am Dienstag in Berlin gegen Tabellenführer Ecuador. Bei uns im Trainerstab gehen die Gedanken schon zum Ecuador-Spiel, sagte Klinsmann. Aber eigentlich gehen sie schon bis zum Achtelfinale und darüber hinaus. Der erste Platz liegt uns am Herzen, sagt er. Denn der anglophile Bundestrainer machte keinen Hehl daraus, daß er den Engländern im Achtelfinale am liebsten aus dem Weg gehen würde.
Auf Rotation und Experimente verzichten
Klinsmann kündigte an, gegen Ecuador auf Rotation und Experimente zu verzichten. Auch die mit Gelb vorbelasteten Michael Ballack und Christoph Metzelder sollen von Beginn an zum Einsatz kommen. Beide wären bei einer weiteren Verwarnung ebenso wie David Odonkor im Achtelfinale gesperrt. Wir werden das Spiel sehr ernst nehmen. Wir wollen unseren Rhythmus beibehalten. Deshalb wird auch Ballack spielen, sagte Klinsmann - gleichgültig wer dann auf sein Team warte. Auf dem Papier ist England die stärkste Mannschaft. Wenn wir denen aus dem Weg gehen könnten, wäre es uns lieber, sagte auch Manager Oliver Bierhoff.
Vor allem aber will die Nationalmannschaft gegen Ecuador durch einen dritten Sieg im dritten Spiel die Begeisterung in Deutschland weiter aufrechterhalten. Wir wollten, daß die Mannschaft eine Identität aufbaut, daß sie für etwas steht. Das ist uns bisher gelungen, wenn man die Bilder von den feiernden Fans sieht. Diesen Weg wollen wir weitergehen, sagte der Bundestrainer. Er nutzte am Donnerstag abend daher auch die Chance, um mit Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke den möglichen Achtelfinalgegner Schweden im Berliner Olympiastadion beim 1:0 gegen Paraguay selbst zu begutachten. Eine kleine Zusatzschicht vor dem Wochenende - für den Bundestrainer Klinsmann kein Problem: Ich gehe in der Arbeit auf.
Text: hor., F.A.Z., 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa
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12:02@ Hans Wurst: Sie sagen es ja selber
11:51McChristal ist schon ganz.......
11:47Der Prozess mag legal sein - doch ist er legitim ?
11:42Nachkriegsdenken hämmt noch immer das effektive Handeln Deutschlands!