Klinsmann im Pressegespräch

„Fühle mich leer und ausgebrannt“

Emotionaler Rücktritt

Emotionaler Rücktritt

12. Juli 2006 Jürgen Klinsmann im Pressegespräch über die Gründe für seinen Rücktritt vom Amt des Bundestrainers, den Zeitpunkt seiner Entscheidung, seine Zukunft und die Qualitäten seines Nachfolgers Joachim Löw.

Jürgen Klinsmann, aus welchen Gründen haben Sie Ihren Vertrag als Bundestrainer nicht verlängert?

Es ist alles andere als eine einfache Entscheidung für mich gewesen, aber eine, die ich treffen mußte. Nach den zwei Jahren intensiver Arbeit, die sehr viel Kraft gekostet hat, fühle ich mich leer und ausgebrannt. Ich hätte nicht mehr die Energie und die Power gehabt, diese Arbeit so wie ich mir das vorstelle weiterzuführen. Ich wünsche mir jetzt nur noch, wieder mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen und in die Normalität zurückzukehren.

Wann ist Ihr Entschluß gereift, nicht als Bundestrainer weiterzumachen?

Nach der Halbfinalniederlage gegen Italien sind mir solche Gedanken erstmals durch den Kopf geschossen. Dann mußten wir uns aber noch einmal neu motivieren, um einen würdigen Abschluß im Spiel um Platz drei zu schaffen, was uns ja in beeindruckender Weise gelungen ist. Danach war mir aber klar, daß ich nicht weitermachen kann, das hat mir ein Blick in den Spiegel verraten.

Inwieweit hat denn Ihre Ehefrau Debbie Ihre Entscheidung beeinflußt?

Sie hat mir die Entscheidung ganz alleine überlassen und mir volle Rückendeckung versichert. Aber ich wollte einfach nicht mehr und freue mich darauf, jetzt mal ein halbes Jahr nichts zu machen. Ich werde die vergangenen zwei Jahre für mich persönlich aufarbeiten, meinen Akku wieder aufladen.

Ist auszuschließen, daß Sie in Kürze bei einem anderen Verband, zum Beispiel dem der Vereinigten Staaten, einen neuen Job antreten?

Ja, ich werde in nächster Zeit keinen neuen Job annehmen. Da besteht bei mir überhaupt kein Interesse und es gibt in dieser Hinsicht auch gar keine Kontakte.

Was sagen Sie Ihrer Mannschaft und auch den Millionen Deutschen, die sie Sie im wahrsten Sinne des Wortes angefleht haben, weiterzumachen?

Einen Teil der Spieler habe ich bereits am Dienstag über meine Entscheidung informiert, mit allen anderen werde ich ebenfalls persönlich sprechen. Die Spieler wissen, daß das Projekt, das wir auf den Weg gebracht haben, nicht von einer Person abhängig ist. Sie hatten mir auch immer wieder in Gesprächen während der WM versichert, daß im Falle meines Ausscheidens Jogi Löw der richtige Mann sei, um diesen Weg fortzusetzen. Zudem wissen die Spieler, daß ich nach wie vor Tag und Nacht für sie da bin. Denn unser Ziel vor zwei Jahren war ja nicht nur, sie sportlich weiterzubringen, sondern auch als Persönlichkeit. Und bei den vielen Fans kann ich einfach nur um Verständnis bitten, daß sie meine Entscheidung respektieren. Es hätte wenig Sinn gemacht, weiterzumachen, obwohl man genau fühlt, daß man dazu im Moment nicht in der Lage ist. Ich muß mich bei unseren Fans aber noch einmal bedanken, denn sie haben maßgeblich dazu beigetragen, daß wir die schönste WM aller Zeiten erlebt haben und ein Bild von Deutschland in die Welt getragen wurde, das schöner nicht sein konnte.

Was geben Sie den Fans zum Abschied mit auf den Weg?

Das Wichtigste ist, daß durch Joachim Löw gewährleistet, daß die neue Spielphilosophie weitergeführt, ja sogar noch ausgebaut und verfeinert wird. Zudem wird diese junge Mannschaft ihren Weg weitergehen und noch viel Erfolge haben, gerade unseren jungen Wilden können noch mächtig zulegen.

Sie selbst haben Joachim Löw als Ihren Nachfolger ins Gespräch gebracht. Was spricht für ihn?

Zunächst muß ich noch mal sagen, daß ich Jogi Löw nie als Assistenten gesehen habe. Er war immer mein gleichwertiger Partner. Er hat zudem seine eigenen Arbeitsbereiche, für die er die volle Verantwortung hatte, ob es im taktischen Bereich war oder in der Spielvor- und nachbereitung. Ich war eigentlich mehr ein Supervisor, der alles zusammen gehalten hat. Von daher ist es ein logischer Schritt, daß Jogi diese Aufgabe fortführt. Er ist die beste Lösung.

Text: sid
Bildmaterial: dpa

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