Zukunft des deutschen Fußballs

Klinsmanns Ruckrede und das Schweigen der Bundesliga

Von Michael Horeni, Berlin

“Das alles können deutsche Fußballer!“: Jürgen Klinsmann

"Das alles können deutsche Fußballer!": Jürgen Klinsmann

29. Juni 2006 Furcht ist sicher keine hervorstechende Eigenschaft im Charakter von Jürgen Klinsmann. Aber es gibt sie. In den Tagen vor dem Viertelfinale gegen Argentinien ist sie wieder lebendig geworden. Es ist die Furcht vor dem Ende eines großen Traums. Seines Traums. Er hat es als Spieler schon zweimal erlebt, wenn alle Hoffnung in einem einzigen Spiel zerstört wird und die ganze Arbeit von vielen Monaten plötzlich nichts mehr wert ist.

Es waren die düstersten Momente seiner Karriere. Das Ende im WM-Viertelfinale, ein Albtraum. Klinsmann hat das schon zweimal durchgemacht. „Der totale Schock, für alle. Du stehst extrem unter Druck, unter Vollstrom. Die Emotionen gehen hoch. Jeder, der reinkommt, läßt Dampf ab. Da wird auf den Schiedsrichter und alles geflucht. Das ist, als ob die Welt einstürzt“, sagte Klinsmann in Erinnerung an die letzten Minuten seiner Karriere 1998. Er war wie in Trance, und in der Kabine hat er geheult.

Es geht auch um Klinsmanns Ehre

Vier Jahre zuvor in den Vereinigten Staaten war es noch schlimmer. Den WM-Titel „einfach weggeschmissen“, wie er sagt. Klinsmann hat Monate gebraucht, um sich von dem Schlag zu erholen. Deswegen hat er vor einer Woche das vielzitierte Wort von der „Katastrophe“ benutzt, die ein Ausscheiden im Viertelfinale für die Fußball-Nation auch heute bedeute. Er findet die Wortwahl mittlerweile ein bißchen überzogen. Aber das Wort von der Katastrophe drückt aus, was er damals empfand und was er heute wieder fürchtet. Eine unbeschreibliche Leere. „Allein schon deshalb darf nicht Schluß sein im Viertelfinale“, hat er nun in einem Interview mit der „Zeit“ gesagt.

Aber es gibt noch eine andere Furcht, die den Bundestrainer in das Duell mit Argentinien begleitet, und diese Furcht ist für den deutschen Fußball von nicht geringer Bedeutung. Es geht in diesem Spiel auch um Klinsmanns Erbe, ob sich seine Vorstellungen durchsetzen. Noch sieht er, „wie zerbrechlich die ganze Sache ist“. Die verhaltenen Reaktionen aus der Bundesliga auf die sportlichen Erfolge, am Dienstag in dieser Zeitung dokumentiert, bestätigen Klinsmanns Skepsis.

„Wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen“

„Wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ginge die Diskussion wieder los: Wäre es nicht besser gewesen, abzuwarten? Erst mal hinten dichtzumachen? Auf Konter zu lauern? Deshalb ist es auch so wichtig, daß wir weiterkommen, noch weiter, bis zum Endspiel. Vor allem, damit dieser Prozeß das einzig entscheidende Gütesiegel bekommt: den Erfolg. Und wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen“, sagt der Bundestrainer. „Obwohl jeder sieht, daß das, was wir tun, was Mourinho bei Chelsea tut, Rijkaard in Barcelona, Wenger bei Arsenal, daß das für das Fortkommen des deutschen Fußballs alternativlos ist - richtiger wäre zu sagen: für das Aufholen des deutschen Fußballs alternativlos ist. Alle wissen das.“

Klinsmann kämpft für seine Vorstellungen von selbstverantwortlichen Spielern, Teamgeist, Eigenmotivation und konsequentem Leistungsdenken. Er tat das jahrelang auch als Kapitän der Nationalmannschaft. Der EM-Titel 1996 war ein Anfang, aber mit dem jämmerlichen Ausscheiden zwei Jahren später beim 0:3 im WM-Viertelfinale gegen Kroatien versanken auch die Ideen Klinsmanns. Danach bestimmte wieder das „System Matthäus“, diese unheilvolle Mischung aus Populismus und Boulevardmacht, den deutschen Fußball. Am Ende aber über das Fußball-Establishment mit seinen Vorstellungen zu siegen, dies war wohl nicht zuletzt eine Triebfeder von Klinsmann für den Bundestrainerjob. Das Gefühl, daß er in Deutschland noch was zu erledigen habe, ist in diesen Tagen so stark wie lange nicht.

Ball annehmen, passen, bum, bum

Das Schweigen der Liga wundert ihn nicht. Das Establishment freut sich zwar über die gute Stimmung und die guten Leistungen, aber von einem Systemwechsel zum temporeichen Offensivspiel spricht bisher nur Theo Zwanziger, der Geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes - kein Beckenbauer, kein Netzer und auch kein Hoeneß. Doch es gibt auch Lichtblicke in dieser Debatte, die unter den Fans ganz anders als im deutschen Fußball geführt wird, wie der Bundestrainer findet: „Thomas Schaaf bei Werder Bremen arbeitet zum Beispiel sehr ähnlich wie wir. Deswegen fügen sich die Werder-Spieler bei uns so gut ein. Klose, Frings, Borowski, die kennen das: Kopf immer oben halten, Ball annehmen, passen, bum, bum.“

Thomas Doll beim Hamburger SV sei ein weiteres Beispiel. Auch Jürgen Klopp halte in Mainz mit seinem begrenzten Kader in der Liga mit, weil er eine sehr ähnliche Spiel- und Trainingsphilosophie verfolge. „Aber klar ist: Wenn wir international den Anschluß nicht auf Jahre verpassen wollen, muß ein gewaltiger Ruck durch Fußball-Deutschland gehen“, sagt der Bundestrainer im Ton des früheren Bundespräsidenten Herzog. „Vor allem der Deutsche Fußball-Bund muß sich bekennen. Er muß sich erklären: Steht er für diese Spielphilosophie? Oder steht er nicht dafür?“ sagt Klinsmann.

„Vergiß die Bundesliga. Das ist alles unwichtig.“

Ohne den Namen des FC Bayern München zu erwähnen, spricht er von einer notwendigen Neuorientierung in der Liga. Der Maßstab dürfte nicht mehr die nationale Spitze sein, sondern die Champions League. „Was wir machen, ist einfach internationaler Standard. Das ist der Fußball vom FC Barcelona, von Arsenal London, von Ajax Amsterdam. Zwischen den deutschen Topteams und diesen Mannschaften liegen Welten“, sagt Klinsmann. Jeder wisse jetzt: „Das alles können deutsche Fußballer! Wenn sie richtig geführt werden und richtig trainieren. Bis kurz vor der WM hat man doch eine ganze Generation deutscher Fußballer im vorhinein für unfähig erklärt.“

Wie der Erfolg sich einstellen kann, wenn man sich an den Besten orientiere, zeigt sich für Klinsmann vor allem an der Entwicklung von Miroslav Klose. Zu ihm hat er vor dem Turnier gesagt: „Vergiß die Bundesliga. Vergiß dich als Torschützenkönig. Vergiß die Champions League. Das ist alles unwichtig und klein gegen eine WM. Wenn du eine Marke werden willst im internationalen Fußball, dann geht das nur bei einer WM. Hier entscheidet sich, ob du in Erinnerung bleiben wirst oder nicht.“ Klose habe verstanden. Ob aber Klinsmann als Trainer wenigstens zu einem nationalen Markenzeichen wird, das ist für den Bundestrainer selbst noch nicht entschieden. „Im Moment warten alle das Ergebnis der WM ab.“

Text: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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