Martin Seel: Theorien

Der Mann mit dem ziselierten Schießeisen

Von Andreas Platthaus

14. Oktober 2009 Da steht er, der philosophische Held. Er ist einsam, denn er stört. Oder genauer gesagt, sein Denken stört: „Das Überlegen stört den Lauf der Dinge, wie er wäre, wenn das Überlegen nicht wäre“, schreibt Martin Seel. Das scheint profan, denn auch die Existenz von etwas beliebig anderem störte ja den Lauf der Dinge, der je anders ausfällt, wenn dieses andere nicht existiert. Doch die entscheidende Differenz liegt im Irrealis. Ein Leben ohne Überlegen ist Fiktion, zumindest wenn wir vom menschlichen Leben sprechen. Und Philosophie ist immer Reden vom menschlichen Leben – auch wenn sie von Peter Singer oder anderen Denkern betrieben wird, die die Tierwelt gegen den Menschen verteidigen. Konsequentes Handeln aus freiem Entschluss, das ist, was den Menschen ausmacht. Damit sind die beiden großen Fragen auf dem Tisch: Ethik und Ästhetik.

Martin Seel ist einer von den Denkern, die auch in der Form eine Antwort auf diese Fragen suchen. Der fünfundfünfzigjährige Frankfurter Philosoph hat stets sowohl ein Publikum außerhalb der akademischen Welt im Blick gehabt als auch Gegenstände abseits der gängigen philosophischen Praxis analysiert. Sein Bezugspunkt ist weniger die Tradition des Faches; anstelle immer neuer Auslegung klassischer Texte betreibt Seel die philosophische Ausdeutung der Lebenswelt. Die lediglich drei Denker, die in seinem neuen Buch „Theorien“ namentlich genannt werden, sind ihm darin vorausgegangen: Kierkegaard, Nietzsche und Wittgenstein. Aber noch bezeichnender für Seels Methode ist, wen er sonst als seine Bezugspunkte nennt: überwiegend Künstler, Jasper Johns, Tolstoi, Philip Roth, On Kawara, Jim Jarmusch – und vor allem die Jazzmusiker wie Miles Davis, Archie Shep, Lester Young, John Coltrane. Und als Höhepunkt eine Bluessängerin, der spät im Buch eine pathetische Liebeserklärung gemacht wird: „Ich kann es heute schon sagen: Das Letzte, was ich gehört haben werde, werden die Songs der göttlichen Bettie Smith sein, und hätte ich denn die Wahl, als allerletzter ihr ,Easy Come, Easy Go Blues‘.“ Futur 2 statt Irrealis. Im Lauf der Dinge, die Martin Seel als Handelnder statt als Denker bestimmt, gibt es da kein Überlegen.

Das Versprechen aller Drogen

Solches Handeln ist das Kennzeichen von Selbstbestimmung, wie sie auch eine Gruppe von Menschen auszeichnet, die es nur als Fiktion gibt: Westernhelden. Im gleichzeitig mit „Theorien“ erschienenen jährlichen Sonderheft der Zeitschrift „Merkur“, das sich diesmal dem Heldengedenken widmet, hat Seel diesen Figuren der Filmgeschichte einen Essay gewidmet, der von Ethan Edwards aus John Fords „The Searchers“ von 1956 ausgeht. Das ist keine originelle Wahl – wen hätte man sonst im Kopf, wenn nicht John Wayne, sobald von Western gesprochen wird? Doch Seels tiefes Interesse an Edwards, dem „sich selbst unerklärlich werdenden Helden“, klärt die Bedingungen für sein „Theorien“-Buch.

Denn gegen das Bemühen, alles zu erklären, setzt Seel das, was er im Western-Essay „das Rollenschema des tatkräftigen Allesvollbringers“ nennt – „allerdings auf eine oft zwielichtige, verdüsterte, verzerrte und verrätselte Weise“. Das Aphorismenbuch ist zwar erkennbar an Elias Canetti geschult in den Arrangements von Themenblöcken und dem Tonfall der Ausführungen. Doch es ist auch entscheidend anders, weil wichtiger noch als dieses Vorbild das Prinzip des Jazz ist, die Improvisation. „Meine Sätze sind nichts als Bruchstücke, aber sie kommen zusammen“, heißt es gleich im zweiten der insgesamt 517 Aphorismen.

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Theorien
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Recht hat Seel. Es ist ein faszinierendes Lektüreerlebnis, zu verfolgen, wie sich auch abseits der Blöcke einzelne jener Themen entwickeln, die er Theorien nennt, um das Sprechen von der einen Theorie, einer Philosophie des großen Ganzen, zu vermeiden. Sie ist ein verlockendes Gift, „das Versprechen aller Drogen, seien es Schmerzmittel, Alkoholika, Anabolika, Rauschgifte oder philosophische Systeme, lautet: Du wirst auf der sicheren Seite sein.“ Gerade das jedoch ist der Westernheld nicht, der Jazzmusiker nicht, und das will auch Martin Seel, der Philosophieheld und -neutöner, nicht sein, und so beginnt das Buch folgerichtig mit einer Reverenz an John Ford, die in die Apotheose des Denkers Seel mündet: „,My name is John Ford‘, soll der Filmregisseur im Oktober 1950 bei einer Sitzung der Directors Guild in Hollywood gesagt haben, als er seine Stimme gegen die Parteigänger des Senators McCarthy erhob, ‚I make westerns.‘ Mein Name ist M.S., ich mache Theorien.“

Ein ausgefuchstes Buch

Das ist großkotzig geschrieben und geeignet, einem das Buch nach nur einem Aphorismus zu vergällen. Doch den schweren Colt vertauscht Seel sofort danach gegen feinziselierte Schießeisen, und so wird „Theorien“ wirklich, was ja durch die Reminiszenz an John Ford beschworen wird: ein Akt des Widerstands. Das ist hoch gegriffen, und angesichts von Nietzsches fragmentierten Büchern, den „Minima Moralia“ oder manch anderem kleinportionierten philosophischen Klassiker, auch nicht ganz so provokant, wie es wirken soll: Aus der Hüfte schießt Seel eben doch nicht, aber das hat John Ford, der große Stilist, ja auch nie getan.

Tatsächlich ist „Theorien“ ein formal äußerst ausgefuchstes Buch, in dem einzelne Motivstränge sich beinahe unhörbar zu Leitthemen entwickeln. So etwa Seels intime Beschreibung des Verhältnisses zu seinen alten, pflegebedürftigen Eltern oder dem eigenen Sohn. So auch die aus mindestens acht über das ganze Buch verteilte Aphorismen sich ergänzenden expliziten Überlegungen zum Stand der Philosophie. Oder die Beschäftigung mit dem Tod, die immerhin in der einen Gewissheit mündet, dass der letzte Eindruck im Leben von Bessie Smith stammen soll. Das ist mehr, als manches andere Buch an Sicherheit in dieser Frage zu bieten hat.

Umgekehrter Dreischritt

Mit solchen am Alltäglichen orientierten Überlegungen ist Seel tatsächlich ein Störenfried in seinem Fach – in dem Sinne, wie sein eingangs zitierter Aphorismus auch die eigenen Ausführungen zum Handeln kurzfristig unterbricht, als ein Blitzstrahl, der so schnell verschwindet, wie er kam, aber einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt, auch wenn danach alles weitergeht. Das ist das Prinzip gelungener Aphorismen. Davon finden sich etliche in „Theorien“.

Manche muss man auch rückblickend neu überdenken, wie den letzten Satz aus Nummer 397: „,Gib’s auf‘ – keine schlechte Maxime für die, die um keinen Preis zur Aufgabe bereit sind.“ Ist das eine Absage an den Helden? Nein, es ist paradoxerweise eine Handlungsanweisung und zwar an sich selbst, denn Nummer 398 lautet: „Geduld ist die Tugend der Unnachgiebigen.“ Und 399: „Aphoristiker haben eine Engelsgeduld – sie warten einfach, bis sie zu ihren Sätzen kommen.“ So entwickelt Seel in einem umgekehrten Dreischritt doch auch eine große Theorie: die des Zufallens von Gedanken, das nichts mit Zufall zu tun hat, denn das geduldige Warten ist ja doch wieder unnachgiebig. Und so muss man bisweilen auch mit diesem Buch umgehen: geduldig und dadurch unnachgiebig. Und bisweilen auch durch Neulektüre einmal nachladen, wenn der erste Schuss des Helden danebenzugehen schien.

Martin Seel: „Theorien“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 256 S., geb., 19,95 €.



Buchtitel: Theorien
Buchautor: Seel, Martin

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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