Von Thomas Rietzschel
Langsam bekommt man sie zu spüren, die russische Weite. Allmählich erst wächst das Gefühl der Entfernung, nicht gleich nach der abendlichen Abfahrt in St. Petersburg, nicht in der ersten Nacht und auch nicht auf den ersten ein- bis zweitausend Kilometern. Noch in Wologda, der einstigen Lieblingsstadt Iwans des Schrecklichen, da, wo dann die Gleise nach Workuta abzweigten, hält der Zug auf halbem Weg. Wer jetzt noch umkehren wollte, zurück in die westliche Richtung, müßte auf den Anschluß nicht lange warten.
Wenige Stunden nur brauchte die Bahn von hier bis nach Moskau. Unwillkürlich entdeckt man die Verbindung nach der Metropole auf dem Fahrplan. So schnell will sich das Bewußtsein ihrer Nähe nicht verlieren. Das platte Land läßt den Gedanken viel Raum zum Abschweifen.

Mit der Zeit erst muß sich der Blick für das Neue schärfen; hinter dem Ural erst erkennen wir die Unendlichkeit, durch die unser Zug, die Transsibirische Eisenbahn, die Transsib, seit zwei Tagen schon rollt, immer weiter nach Osten, von einem Erdteil in den anderen, vorbei an dem schlichten Obelisken, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert.
Dieses Weiß ist weithin gedehnt und allmächtig
Spätestens an dieser Stelle - 1777 Kilometer jenseits von Moskau -, heißt es, hätten die Verbannten ehedem ihre letzte Hoffnung fahrenlassen. Hier endlich mußten sie einsehen, daß sie gefangen waren in der Weiträumigkeit des russischen Reiches, in Sümpfen, Steppen und Wäldern, die keinen Ausweg boten. Über den Horizont hinaus erstrecken sie sich rechts und links der Bahnlinie. Die Dörfer zwischendrin fallen kaum auf. Eines wie das andere sind sie wie vor Zeiten aus Holzhäusern zusammengewürfelt, versteckt unter dem Schnee, der alle Konturen verwischt, alle Winkel verfüllt. Noch die Durchgänge zwischen den Waggons unseres Zuges hat der Fahrtwind mit sanfter Verwehung ausgekleidet.
Dieses Weiß ist weithin gedehnt und allmächtig und liegt fast auf allen Dingen und Flächen: es dehnt sich in jeder Richtung, in Bodensenken hinein und wieder heraus und über die Dächer, schrieb der Schriftsteller Heimito von Doderer, als er 1916 mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Kriegsgefangenschaft fuhr, in den fernen Osten nach Chabarowsk. Seit je war die entfernte Region, die undurchdringliche Natur das sicherste Gefängnis gewesen.
Bis weit hinter den Baikalsee
Wie am Kreuzweg reihen sich die Stationen der Verschickung entlang der Bahnlinie, von Kirow über Omsk, wo Dostojewskij in fünfjähriger Verbannung an seinen Aufzeichnungen aus dem Totenhaus geschrieben hatte, bis weit hinter den Baikalsee. Über die mächtigsten Flüsse, über die Wolga, über den Ob und den Irtisch und über den wilden Jenisej führt die Strecke Werst um Werst in eine Abgeschiedenheit, die mitunter auch Zuflucht sein konnte. Auch Boris Pasternaks Doktor Schiwago ist mit der Transsib gefahren; von Moskau bis nach Perm ging die Reise. Unweit der Stadt, die der Schriftsteller Jurjatin nannte, wollte sein Held die revolutionären Unruhen mit ländlicher Arbeit überstehen. Hier fand und verlor er Lara, von hier aus floh die Geliebte vor den Bolschewiken weiter nach Osten, bis sie mit der Bahn Irkutsk erreichte, den Ort, an dem sich die Bürgerlichen noch eine Weile hielten, mehr als fünftausend Kilometer entfernt von der Hauptstadt.
Beinah vier Tage braucht man für diese Strecke bis heute; und fast noch einmal so lange müßte man fahren, wollte man bis ans Ende der Linie, bis nach Wladiwostok, gelangen. So viel Zeit aber läßt der Alltag unterdessen niemandem mehr, nicht einmal in Sibirien. Seit die Flugpreise gesunken sind, ist die Bahnfahrt zum Luxus geworden, zur historischen Exkursion der Touristen. Zwar drängen sich die Reisenden weiterhin in der großen Wartehalle des Jaroslawer Bahnhofes, des eigentlichen, Moskauer Ausgangspunktes der Transsib; noch immer strömen sie zu Tausenden durch das prächtige Jugendstilgebäude, nach wie vor haben sie schwer zu tragen an dem großen Gepäck, an den hauptstädtischen Einkäufen; doch enden ihre Fahrten inzwischen meist schon nach Stunden, in Alexandrow, in Danilow, in Buj oder in Manturowo, wo dann wieder andere für die nächsten Teilstücke zusteigen.
Dusche und Sessel gehören zur normalen Ausstattung
Ein Ticket für die gesamte Fahrt, eine Karte, die bis Peking ganze sechshundert Mark kostet, wird kaum mehr verlangt, nicht von den Russen. Die Zeiten, da sie sich für Tage in den Zügen der Transsib, im Sibir oder in der Rossija, häuslich einrichteten, sind vorbei. Die wenigen, die heute wieder durchfahren, kommen von weiter her. Die Deutschen zumal fühlen sich angezogen vom Mythos dieser Bahnverbindung, der längsten der Welt. Das Abenteuer, das sie in der sibirischen Ferne suchen, für das sie die Zuhausegebliebenen bewundern, wollen sie aber nicht unbedingt in der Enge der fahrplanmäßig verkehrenden Wagen entdecken. Lieber als diese buchen sie die gewohnte Bequemlichkeit.
Für vier- bis sechstausend Mark wird ihnen im Sonderzug von Petersburg bis Irkutsk jeglicher Komfort geboten. Vornehm getäfelt sind die Abteile in der Luxusklasse, Dusche und Sessel, ansonsten undenkbar, gehören zur normalen Ausstattung. Auf der Speisekarte steht die Kaviarverkostung. Den englischen Tee gibt es in versilberten Gläsern; drei Köche und viele Gehilfen sorgen für das mehrgängige Menü zu Mittag und am Abend; bis in die Nacht hinein, solange es die Gäste wollen, ist der Barwagen geöffnet. Auf die Hilfe des mitreisenden Arztes darf rechnen, wer sich beim Wodka übernimmt. An alles haben die Veranstalter gedacht; ihre Vorsorge entspricht dem Publikum. Auf jeden versucht sich das Personal einzustellen.
Der mürrische Richter aus dem Hessischen ist ihnen so willkommen wie der alternde Vertreter, der melancholischer dreinschaut, je näher das Ende rückt. Die ganze Gesellschaft, der Monteur, für den es nichts gibt, das er nicht schon erlebt hätte, der Pensionär mit seiner ledigen Tochter, der ergraute Physiker mit der Frau, die einen anderen Namen trägt, der Bruder und die Schwester in höherem Alter, das ganze Ensemble wirkt ein bißchen wie von Tschechow zusammengestellt. Und nicht alle, die sich da zufällig treffen, können der Langenweile ohne den Wodka entkommen. Siebenundachtzig Liter werden die dreiundachtzig Passagiere nach viertägiger Bahnfahrt verbraucht haben.
Arme Schlucker und große Männer
Wer die Reise nur buchte, weil er von daheim wegwollte, muß die Stunden bald zählen. So trostlos, wie sie die Verbannten erlebten, will die überwiegend flache Landschaft denen erscheinen, die die Geschichte in ihr nicht erkennen. Erst wenn man zurückblickt, erst wenn man den Schlitten wieder sieht, in dem die Fürstin Wolkonskaja 1826 ihrem verurteilten Mann, dem von Puschkin gefeierten Dekabristen, nachjagte, wird der sibirische Transfer zur spannenden Zeitreise.
Lenin und die Zaren, arme Schlucker und große Männer, Verfolgte und Pioniere sind dann ebenso zu treffen wie die schönsten Frauen der Petersburger Gesellschaft. Kaum eine Station zwischen Kirow und Irkutsk, an der nicht der Stolz und der tiefe Schmerz des russischen Volkes zugleich hingen: keine zweite Verbindung, mit der die Nation so verbunden wäre wie mit ihrer Transsibirischen Eisenbahn. Die Politiker vor allem wissen das zu schätzen. Bevor wir ihn bestiegen, ist unser Sonderzug gerade noch mit Vladimir Putin unterwegs gewesen; nach uns wird er Vladimir Schirinowski zur Verfügung stehen. Des öfteren bereits hat es der Nationalist verstanden, die symbolische Wirkung der Transsib zu nutzen. Der Mythos, der sie umgibt, ist ungebrochen; geboren wurde er mit ihrer Anlage vor einem guten Jahrhundert.
Wirtschaftliche und militärische Macht
Für mehr als eine bloße Verbindung entferntester Orte war diese Bahnlinie von vornherein angesehen worden - führte sie doch noch immer in weitgehend unerschlossene Gebiete. Schon allein deren Durchquerung hatte den Zeitgenossen als eine technische Sensation gegolten, die das Selbstbewußtsein des Landes um so mehr stärkte, als es nicht eben zu den fortschrittlichsten zählte. Wohl wußte man, daß seine frostigen Weiten nicht bloß zum Gefängnis taugten, daß Sibirien größere Reichtümer bergen mußte als die Pelze, derentwegen es die Kosaken im 16. Jahrhundert kolonisiert hatten, doch blieb das alles unerreichbar, solange der Reisende mit der Troika durch den eisigen Winter mußte, wenn er nicht in den Sümpfen des Sommers versinken wollte.
Nur auf dem Seeweg, nach vielwöchiger Reise um fremde Erdteile, um das Kap der Guten Hoffnung oder durch den Suezkanal konnten größere Transporte damals überhaupt vom russischen Petersburg nach dem russischen Wladiwostok gelangen. Die Distanz war schier unermeßlich. Auf Tage sollte sie sich mit der Eisenbahn verkürzen. Ihre strategische Bedeutung festigte die Macht unmittelbar, die wirtschaftliche wie die militärische.
Aufbruch in die Moderne
Nicht zuletzt auf den Gleisen der Transsib wurde der Bürgerkrieg Anfang der zwanziger Jahre entschieden. Im Kampf um die Bahndämme siegten die Roten endgültig über die Weißgardisten. Auch Strelnikow, der gnadenlose Revolutionär, der Gegenspieler Schiwagos, wurde mit seinem Panzerzug von Boris Pasternak auf diese Linie gesetzt. Aus der Verbindung mit ihr ergab sich der Eindruck der Stärke. Wer sie demonstrieren wollte, besann sich gern auf die Eisenbahn.
Noch in den letzten Jahren seiner Herrschaft hat sich Boris Jelzin einen eigenen Sonderzug bauen lassen, Ansprüche erhoben, die daran erinnern mochten, daß Rußlands Aufbruch in die Moderne ursächlich und sehr viel auffälliger als in anderen Ländern verbunden war mit der Ausdehnung des Schienennetzes. Mit seinem längsten Ausläufer, mit der Transsibirischen Eisenbahn, hatte man den Anschluß an die Welt gewonnen, Europa erreicht, indem eine Möglichkeit geschaffen war, die asiatischen Ressourcen großzügiger zu erschließen.
Tragische Verstrickungen der russischen Geschichte
Bereits in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Pläne dazu entwickelt worden, bis zu ihrer Verwirklichung mußten aber noch Jahrzehnte politischen Zauderns vergehen. Erst im Mai 1891 konnte nach zaristischem Erlaß mit dem Bau, bei dem dann fast neunzigtausend Arbeiter beschäftigt waren, begonnen werden. Der Zarewitsch, der Thronfolger Nikolaj II., hatte den ersten Spatenstich in Wladiwostok übernommen; und noch als Zar soll er sich um den zügigen Fortgang der Arbeiten, die zugleich vom Westen her vorangetrieben wurden, vielfach persönlich gekümmert haben. Die Anlage der neuntausend Kilometer langen Bahnstrecke, deren endgültige Fertigstellung 1905 erfolgte, ist das positive Weltereignis seiner Regentschaft gewesen. Daß er nach ihrem Ende seinen gewaltsamen Tod fast noch in Sichtweite der Gleise fand, wird unterdessen zu den tragischen Verstrickungen der russischen Geschichte gezählt.
Sofort 1917, kurz nach der erzwungenen Abdankung, hatte man den Monarchen zusammen mit der Familie, seiner Frau und den fünf Kindern, auf der transsibirischen Strecke aus der europäischen Sichtweite bis hinter den Ural gebracht, bis nach Tjumen, von wo der Zug nach Tobolsk abzweigte. Die Gefangenschaft, die die Romanows dort verbringen mußten, endete, als sie die Bolschewiken zurück nach Tjumen und weiter nach Jekaterinburg verschleppten, um alle zusammen, Erwachsene und Kinder, am 17. Juli 1918 im Keller des Ipatjew-Hauses zu erschießen.
Differenzen zwischen Europa und Asien
Knappe zehn Minuten brauchen wir, während der Zug für eine halbe Stunde hält, vom Bahnhof bis zum Ort des Geschehens. Den Weg dahin kennt der Taxifahrer im Schlaf; sogar an das alte Gebäude will er sich entsinnen. Über Nacht, sagt er, habe man es weggerissen, damals 1977, als Boris Jelzin in der Region Parteichef gewesen ist. Nachher, denken wir, im Juli 1998, als die im Walde verscharrten Gebeine der Zarenfamilie mit Pomp in die Peter-und-Paul-Festung nach St. Petersburg überführt wurden, nachher hat derselbe Mann die Rolle des russischen Präsidenten gegeben. Ja, meint unser Fahrer, ein Populist sei er immer gewesen, einer, über den sie hier noch viel erzählen könnten. Dafür jedoch bleibt keine Zeit. Der Zug fährt pünktlich auf die Minute.
Nach seiner Zeit hatten sich die Reisenden durch alle Zeiten hin zu richten. Am Fahrplan wenigstens konnten sie sich orientieren. Aus seinen Angaben ersah man von Anfang an die Abstände, die Differenzen zwischen Europa und Asien. Bis heute hängen an manchen Bahnhöfen die alten Uhren, prächtig verzierte Chronometer, die neben dem Minuten- zwei Stundenzeiger haben, einen für die Moskauer und einen für die vorauseilende Ortszeit.
Von sprachlosen Ungeheuern
Der Zug überholt unaufhörlich die Zeit/ Jeden Morgen stellt man die Uhren neu/ Der Zug geht vor, und die Sonne geht nach, dichtete der französische Schriftsteller Blaise Cendrars nach einer Reise, die er gleich 1904 mit der Transsibirischen Eisenbahn unternommen hatte, von Moskau durch die Mandschurei ins Innere Chinas, über fünf Zeitzonen hinweg. In erster Linie aus der Zeitverschiebung ergab sich das Gefühl der Entfernung. Durch das ständige Vorstellen der Uhren erst wird die Distanz spürbar. Um fünf Stunden immerhin haben sich unsere Tage, verglichen mit der Abfahrt, verkürzt, als wir in Irkutsk ankommen, weit hinten im Osten: in einer Ferne, die einstmals so unerreichbar schien, daß man sie von geheimnisvollen Wesen bevölkert glaubte, von sprachlosen ein- oder dreiäugigen Ungeheuern, die den Winter verschliefen.
Zu der Angst und dem Grauen, das sie weckten, gehörte freilich auch die Vermutung unermeßlicher Schätze. Um sie zu gewinnen, um ihr Glück mit Zobel und Nerz zu machen, sind die Pelztierjäger aufgebrochen; die Goldsucher folgten ihnen auf den Fuß, lange bevor die Geologen begannen, tiefere Schichten des Dauerfrostbodens zu ergründen. Wann ihre Suche einmal abgeschlossen sein wird, kann niemand wissen. Daran, daß sie unentwegt fündig werden, hat man sich längst gewöhnt.
Allein in der Gegend um Tjumen wurden in den zurückliegenden Jahren Vorkommen entdeckt, Erdöl- und Erdgaslager, die die Reserven der arabischen Emirate leicht in den Schatten stellen. Und zunehmend, erklärt unser Moskauer Reisebegleiter Valerij Pinischaninow, dringe dies jetzt auch wieder ins Bewußtsein der Nation. Nach dem Verlust des politischen Großmachtgefühls beginne sich so etwas wie ein ökonomischer Patriotismus herauszubilden, der auf den sibirischen Reichtümern basiert.
Eine Größe von fünfundzwanzig Fußballfeldern
Selbst die Taiga, der größte Wald der Erde, erregt inzwischen mehr Hoffnung als Furcht. Rascher von Jahr zu Jahr wird die schmerzliche Erinnerung an den Archipel GULag überlagert von den Aussichten auf das expandierende Holzgeschäft. Eine Fläche in der Größe von fünfundzwanzig Fußballfeldern umfaßt derzeit schon das Areal, das man Tag für Tag einschlägt, um den japanischen Bedarf an Einwegeßstäbchen zu decken. Was das irgendwann nach sich ziehen könnte, die Gefahr einer ökologischen Katastrophe, wird kaum wahrgenommen.
Unbegrenzt wie vor Zeiten scheinen die Möglichkeiten, wo die Ausdehnung das Fassungsvermögen des einzelnen übersteigt, die Natur den Eindruck erweckt, als dürfe man glücklich aus dem vollen schöpfen. Wie der Schrecken, so konnte die Zuversicht in der Unendlichkeit wachsen. Nirgends sonst wurden so viel Strafgefangene gezählt wie in Sibirien. Andererseits aber hat es da auch nie, zu keiner Zeit, Leibeigene gegeben. Die, die freiwillig in die Kälte gingen, waren freie Siedler von Anfang an. Die Zaren mußten sich mit ihnen gut stellen; und ihre Sympathien gehörten nicht selten den Verurteilten.
Sibirische Weiten
Die ganze Stadt - mit dem Bürgermeister an der Spitze - hatte sich zum begeisterten Empfang versammelt, als die verurteilten Dekabristen 1826 in Irkutsk eintrafen. Die Strafe, die die adligen Offiziere wegen ihres Aufstandes gegen die Zarenherrschaft verbüßen mußten, wurde keineswegs als ehrenrührig empfunden. Niemand sollte so große Verehrung genießen wie die jungen Frauen, die ihren Männern damals freiwillig in die Verbannung nachfuhren, allen voran die gebürtige Französin Katjuscha Trubetzkaja, der bald die Fürstin Maria Wolkonskaja stürmisch folgte.
In knappen drei Wochen nur war sie, gerade einundzwanzig Jahre alt, mit der Troika mehr als sechstausendfünfhundert Kilometer von Petersburg nach Irkutsk gejagt. Das Klavichord, das die von Puschkin Verehrte im Gepäck hatte, kann man noch heute sehen. Wie das Haus der Trubetzkois wird das, das die Wolkonskijs schließlich beziehen durften, als Museum in Ehren gehalten. Weiterhin gibt es die von der Fürstin eingeführten Konzerte im Haus der Maria Wolkonskaja.
Karten dafür seien schwer zu bekommen, ständig seien die Veranstaltungen ausverkauft, berichtet die Fremdenführerin Ludmilla Schoprina nicht ohne Stolz. Und gern erzählt sie zudem von der Wolkonskij-Enkelin, der Lenin noch 1924 eine Rente auf Lebenszeit zusprach. Auszeichnen sollte die Geste aber wohl vor allem den Geber, einen Mann, der selbst einmal in der Verbannung gewesen war, dessen Spuren wir ebenfalls an einem unserer Haltepunkte, in Nowosibirsk, aufnehmen könnten. Nur zwei, drei Stunden entfernt vor der Stadt liegt das Dorf Schuschenskoje, in dem der verschickte Parteiführer die Grundzüge einer Diktatur des Proletariats entwarf, die es ihrerseits verstehen würde, die sibirischen Weiten als Gefängnis zu nutzen, viel extensiver und sehr viel brutaler als alle Machthaber zuvor. Zehntausende waren da, auf dem Archipel GULag - und nicht nur unter Stalin - interniert. Als Arbeitskräfte wurden sie ebenso gebraucht wie diejenigen, die der Staat mit Privilegien an Sibirien zu binden suchte.
Die Bahnhöfe erinnern an die verlorene Utopie
In Kirow, in Omsk und in Krasnojarsk, entlang der Transsib, hinreichend entfernt von den Lagern, sollte die schöne neue Welt entstehen. Mit breiten Straßen und Plätzen, mit einer Opernbühne, von der es heißt, daß sie die größte der Welt sei, wollten die Kommunisten der Zukunft in Nowosibirsk Raum schaffen. Was sie sich erträumten, verrät der Anfang der vierziger Jahre erbaute Bahnhof mit seinem palastartigen Aufzug mit dem grellbunt angemalten Neoklassizismus.
Überhaupt sind es die Bahnhöfe, die an die verlorene Utopie erinnern. Keine größere Station, in welcher der sozialistische Realismus seine Spuren nicht mit verheißenden Kunstwerken hinterlassen hätte. Tonnenschwer und gefährlich gelockert, hängt ein blechernes Relief der kollektiven Lebensfreude über den Reisenden in der Wartehalle von Tjumen. Die darunter sitzen, die, eingehüllt in ihre dunklen Mäntel, auf den nächsten Anschluß warten, schauen schon lange nicht mehr auf. Wenig genug ist ihnen von der kommunistischen Zukunft geblieben, von dem versprochenen Wohlstand, in dem sich Leonid Breschnew schon einmal einzurichten suchte, als er den Luxuszug bauen ließ, mit dem wir nun durch einen Frühling fahren, der noch immer wie der tiefste Winter aussieht.
Obwohl man gerade die Butterwoche, den Abschied vom Winter, gefeiert hat, sind die Tage frostiger, als wir sie kennen. Dickes Eis wird noch für Wochen die Flüsse verschließen, die bis in den März hinein als Straßen genutzt werden. Der Verkehr jedoch hält sich in Grenzen. Lastwagen sehen wir selten über Land fahren. Gelegentlich nur kommen uns Güterzüge entgegen. Auffällig wenige seien es, sagen die alten Hasen, die die Strecke von früher her kennen, aus den Jahren, als noch der Eindruck geschäftiger Bewegung zählte, die Frage nach der Rentabilität keine Rolle spielte. Einer am andern sollen die Kohlen- und die Erztransporte damals über die Schienen der Transsib gerollt sein, oft zum Leidwesen der Touristen, denen sie die Aussicht nahmen. Wenig, hören wir, habe man seinerzeit gesehen von den stadtnahen Fabriken, deren absperrende Bretterzäune jetzt allenthalben zusammenbrechen. Viel mehr als den Verfall könnten sie ohnehin nur da und dort noch verbergen.
Die Datscha: Versicherung für den Winter
An entschlafenen Unternehmen besteht kein Mangel. Den Verdienst, den sie mit ihnen verloren, suchen die Leute mit dem auszugleichen, was sie während der kurzen Sommermonate in ihren Kleingärten ernten. Die Datscha, überall zu sehen, ist die Versicherung der Sibirier für den Winter. Selbst diejenigen, die Arbeit haben, sind darauf angewiesen. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von tausend Rubeln, etwa achtzig Mark im Monat, könnten auch sie ohne Eigenversorgung nicht auskommen.
Vorbei, ein für allemal vorbei sind die Tage, da sie hinter dem Ural besser verdienten und auskömmlicher versorgt waren durch die politisch gesteuerte Planwirtschaft. Die Erinnerung daran kann bis auf weiteres nur Wehmut wecken. Dem Fortschritt mag sie nicht unbedingt auf die Beine helfen. Zögerlich, ängstlich bisweilen, wird die neue Zeit erwartet, die alte ist so weit noch nicht entrückt. Wie ehedem müssen die besten Schüler zur Ehrenwache vor dem kommunistischen Mahnmal in Irkutsk aufziehen. Keinen ihrer ideologisch verordneten Straßennamen hat die Stadt seit 1989 geändert. Fünf Lenin-Denkmäler sind allein in der Innenstadt zu zählen. Kein Wort verliert die Fremdenführerin darüber, daß der Obelisk auf dem Denkmal der Transsibirischen Eisenbahn erst später aufgestellt wurde, als Ersatz für die 1920 demontierte Statue des Zaren.
Lieber, sehr viel lieber als die politischen Verwerfungen erklärt uns Ludmilla das sibirische Wappen am Sockel, den Tiger mit dem Zobel im Maul, das Symbol einer Weite, in der noch die Gesetze der Natur herrschen. Auf sie hat man sich in der Tiefe der Wälder seit je verlassen. Von der Sicherheit, die sie verbürgen, sagt man, könnten sie in Moskau nur träumen. Sibirien, schrieb der Schriftsteller Valentin Rasputin einmal, Sibirien ist eine Festung, die schützt, eine Vorratskammer, die man bei Bedarf öffnen kann, ein Schild, das jedem Schlag widersteht, und ein Ruhmesblatt, dessen Glanz noch vor uns liegt. Und wer das sehen, wer es erkennen will, der muß sich Zeit lassen. Das mindeste sind vier, fünf Tage auf der Transsib, eine Reise bis zum sehnsüchtig besungenen Baikal, dem herrlichen Meer. Denn langsam nur und mit den Geschichten erst bekommt man sie zu spüren, die russische Weite.
Buchtitel: Doktor Schiwago
Buchautor: Boris Pasternak
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb