Von Marko Martin
Ob er will oder nicht: Der Fremde stolpert durch Salvador da Bahia. Allemal im alten Teil der Stadt kommt er unentwegt ins Schlingern und Schlittern, ganz so, als brächten unsichtbare Fußangeln seine Schritte aus dem Tritt. Dabei hindert ihn nichts und niemand, vom Hafen hinauf nach Pelourinho zu laufen. Er kommt nur nicht klar mit dem Wogen der Massen, diesem Tanz der Passanten. Und natürlich bleibt er für alle ein Fremdkörper - so hell, wie seine Haut erstrahlt. Kein Wunder, daß sein Hirn dauernd den entmutigenden Satz sendet, wonach nichts lächerlicher ist als ein Weißer, schwerfällig und schwitzend unterwegs in afrikanischer Umgebung.
Salvador da Bahia ist Brasiliens sogenannte schwarze Hauptstadt. Gut zwei Drittel der zweieinhalb Millionen Einwohner sind Afrobrasilianer, Nachkommen der einst hierher verschleppten Sklaven. Wie sie nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sind, wie sie laufen, ohne je aus dem Tritt zu geraten, erinnert also nicht von ungefähr an Mombasa, Kampala oder Addis Abeba.
Für jeden Tag des Jahres eine eigene Kirche
Es ist ein Gehen mit einer gänzlich unangestrengten Spannkraft, ein quasi schwereloses Gleiten, mit leicht angewinkelten Armen zwar, aber keiner rempelt einen an - nicht einmal inmitten der Menschentrauben, die sich aus den Nachtbussen ergießen und an üppig dekorierten und grell erleuchteten Buden, Ständen und Kiosken vorbei zu den Cafés bewegen, den Caipirinha-Bars, den Kolonialrestaurants und den selbst zu später Stunde noch immer weit offenen Kirchen. Denn trotz des zwischen den Häusern hallenden Samba- und Pagode-Getrommels ist die Lässigkeit vor allem gut getarnte Eleganz.
Grandiose Königinwitwe
So dauert es auch einige Zeit, bis der Fremde die auf sanfte Weise Halt erzwingenden Blicke der anderen begreift: Fort mit der Schwerfälligkeit, gewöhn dich an Brasiliens Rhythmus - allein dafür schenkt dir die Stadt jeden Tag vierundzwanzig Stunden. Die maritime Metropole lädt den Besucher ein, teilzuhaben am Alltagsspektakel - keineswegs aber wird es eigens für ihn aufgeführt. Bahia präsentiert sich, ohne sich wegzuschmeißen.
Diese Stadt hoch oben auf dem Berg heißt mit vollem, Respekt heischendem Namen Salvador da Bahia de Todos os Santos, und wie sie gleich einer Schleppe die zu ihr gehörigen Viertel unten im Tal, an der Hafenbucht und auf den grünen Hügeln rings um sich drapiert, ist sie nicht nur die quirlige Hauptstadt des Bundesstaats Bahia, sondern bis heute jene shakespearisch grandiose Königinwitwe, als die sie vor mehr als sechzig Jahren der aus Europa verjagte Emigrant Stefan Zweig voll staunender Ehrfurcht beschrieben hatte.
Tabak und Zuckerrohr
Im Jahr 1549 vom portugiesischen Gouverneur Tomé de Souza gegründet, wurde die Stadt bald zur Hauptstadt der Kolonie Brasilien und damit zur damals größten Ansiedlung südlich des Äquators. All die farbenfrohen Barockkirchen, Klöster und Stadthäuser im hoch auf den Felsen gelegenen Zentrum waren dabei eher ästhetischer Nebeneffekt des Handels, der zu Füßen der Felsen in der Cidade Baixa, der Unterstadt, immensen Reichtum versprach - mit dem Export von Tabak und Zuckerrohr, die in den Plantagen des Umlands von Millionen schwarzer Sklaven angebaut wurden.
Schon im achtzehnten Jahrhundert kam es nicht nur zum Preisverfall für die beiden Produkte. Auch begannen jetzt sogar in den sogenannten besseren Vierteln Pest und Gelbfieber zu wüten, weshalb die reichen Familien die Oberstadt schleunigst verließen, um sich in weiter südlich gelegenen Vierteln niederzulassen, die ihrerseits Jahrhunderte zuvor von Indianern bewohnt gewesen waren. Könnte es also sein, daß die ökonomisch irgendwann entthronte Königin Salvador da Bahia weniger mit Gewand und Schleppe als mit einem Flickenteppich bekleidet ist?
Sex, Hitze und Gefahr
In die noblen Stadthäuser des Pelourinho-Viertels zogen nun Händler und Arbeiter ein - die kleinen Leute, die bis heute dort leben und denen Bahias berühmtester Schriftsteller, Jorge Amado, seine ebenso sozialkritischen wie sinnlichen Romane gewidmet hat. Nicht einmal vom Erdölboom in den fünfziger Jahren konnten sie profitieren. Die Einnahmen kamen zentrumsfernen Stadtteilen zugute, die Altstadt verarmte weiter, die Barockpaläste verfielen, wurden zum schwül-dämmrigen Umschlagplatz von Drogen und Prostitution. Das Bild, das sich damit verband, prägte fortan das Bild der gesamten Stadt, bis heute - eine Atmosphäre aus Sex, Hitze und Gefahr, der auch Hubert Fichte in seinem 1976 erschienenen Ethnopoesie- und Statistik-Mix Xango nicht entkam: Altes Kopfsteinpflaster, das ehemals von Sklaven zusammengeklopft wurde. Die Straße ist sumpfig durch die Rinnsale von Exkrementen, Waschwasser, Küchenwasser. Ein Junge legt eine Ratte aufs Pflaster. Die bisexuelle Absteige ist noch immer in demselben Haus. Die Kojen in dem ehemaligen Kaufmannspalast sind durch Wolldecken oder durch Pappstücke mit Gucklöchern abgetrennt.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wer heute mit der voyeuristischen Hoffnung auf derlei Gucklöcher in die Oberstadt käme, wäre wohl enttäuscht angesichts eines neuen kleinen Welttheaters - schützenswertes Weltkulturerbe der Menschheit in der Sprache der Unesco -, wie es zwischen den mittlerweile detailgetreu restaurierten Palästen, Kirchen und neuentstandenen Galerien und Cafés geboten wird. Tourismusschnickschnack mögen nun wiederum Authentizitätspuristen angesichts von Freiluft-Friseuren und deren Black Haircut-Angeboten murmeln oder sich auch über die breithüftigen Damen in spitzenbesetzter weißer Robe und goldschimmerndem Turban echauffieren. (Ja-ah, als Stefan Zweig sein Brasilienbuch schrieb, saßen die Baiana-Frauen in ihren krinolineförmigen Röcken wenigstens noch auf den Haustürschwellen, verkauften würzige Backkügelchen und Fischragout, anstatt wie jetzt mit diesem unsagbar überlegenen Lächeln vor Souvenirshops zu thronen und für jedes Digitalfoto einen nicht allzu kleinen Real-Schein zu erwarten!) Wer genauer hinschaut, wird indessen bemerken, daß auf der Praca Tomé de Souza - gleich gegenüber dem Aufzug, der hinunter zum Hafen führt - ebenjene Frauen sehr wohl noch immer pikantes Backwerk verkaufen und all ihre Abará oder Bolo de Mandioca mit erhabener Geste und kleinen Kellen aus großen Schüsseln schöpfen.
Sanftes Klapp-Klapp der Fächer
Bahia, sagt die Legende, besitze 365 Kirchen, eine für jeden Tag im Jahr. Die prachtvollste ist die São Francisco, überladen mit Gold und Mahagoni und ausgeschmückt mit blauweißen Kacheln, Azulejos, hoch über den Pfeilern des Kreuzgangs. Ihre allegorische Darstellungen diverser Meditationsmottos wie Tugend braucht Tat oder Ohne Demut ist alles nichts hatte Bartolomeu Antunes de Jesus im Jahr 1737 in Portugal gefertigt und numeriert. Dann wurden sie über Tausende von Seekilometern nach Bahia transportiert und an die Wände geklebt. Vermutlich um bei der restlichen Innenausstattung Geld zu sparen, griffen die Franziskaner auf schnitz- und malkundige Sklaven zurück, die nun Heiligenfiguren und Putten zu produzieren hatten. Und ebendies wurde zum Wunder, fast zu einer Sensation, noch heute im golddurchwirkten Dämmer vom Altar bis hoch zur Kuppel zu bestaunen: Zuvor um ihre Heimat, ihre Religion, ja selbst um ihren individuellen Namen gebracht, gelang es diesen zwangsweise anonym gebliebenen Handwerkern, all diesen Miniaturkörpern eine eigene Note zu verleihen und die Gesichter auf dem Mauerwerk und im dunkel glänzenden Holz mit menschlichen Zügen auszustatten, fernab aller süßlichen Barockroutine. Statt des verzückten Lächelns geschlechtsloser Wesen schauen nun Frauen oder Männer jeden Alters auf den Betrachter herab, schmerzhafte oder höhnische Grimassen ziehend und oft genug von namenloser Traurigkeit erfüllt. In der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit ihrer Mimik senden sie über die Jahrhunderte hinweg eine Botschaft, deren Schrei nach Recht und Barmherzigkeit ungleich hörbarer geblieben ist als all die prätentiösen Meditationsbotschaften draußen unterm koketten Licht-und-Schatten-Spiel des Kreuzgangs.
In der Igreja do Bonfim, dem unweit der himmelsblauen Allerheiligen-Bucht gelegenen glänzend weißen Gotteshaus, das als wichtigstes der Stadt, wenn nicht des gesamten Bundesstaates gilt, sind die Nachfahren der Sklaven noch einen Schritt weiter gegangen. Während es im Hauptschiff bei den Gottesdiensten an Geräuschen nicht mangelt - Sermon des Priesters, Gesänge des Chors, quietschendes jahrhundertealtes Holzgestühl und darauf die Gläubigen mit dem sanften Klapp-Klapp ihrer Fächer -, ist es in einem Nebenraum beinahe weltraumstill. Fotos über Fotos an den Wänden, ganz oben gerahmte Atelieraufnahmen mit leichtem Braunstich, darunter verschossen farbige Polaroids der siebziger Jahre, darunter moderne Paßfotos und Computerbildabzüge, die nur eines zeigen: Gesichter. Gesichter der Stadt in allen Farbnuancen von Schwarz bis Weiß. Gütiger Herr Bonfim, legendärer Stadtheiliger ohne Erwähnung im maßgeblichen Heiligenkalender, erst in unserer Anbetung erschaffen wir dich und erbitten deshalb nur recht und billig deinen Schutz für unsren Leib.
Küste der Kokospalmen
Senhor do Bonfim, dessen sakrales Domizil immer am zweiten Donnerstag im Januar volksfestartig gereinigt und ausgefegt wird, weil es in der Lesart afrobrasilianischer Candomblé-Gläubiger auch die Yoruba-Gottheit Oxalá beherbergt, scheint sich dabei durchaus von der Schönheit seiner Gläubigen betören zu lassen, auch wirken die Gliedmaßen, die man irgendwann verdutzt weit oben von der Decke baumeln sieht, wie tropische Winke mit dem Zaunpfahl: Kümmere du dich nur um unsere physische Unversehrtheit, scheinen all diese perfekt geformten Plastikhände, -füße, -schenkel, -arme und -köpfe zu sagen, die Sache mit dem Seelenheil richten wir dann schon selbst.
Was Wunder, denn natürlich braucht man vor allem seine Extremitäten, um dann unterhalb der Avenidas Ocêanica oder Amaralina die Strände entlangzuwandern - zu schlendern, zu gleiten, sich in den Hüften zu wiegen und die Schultern zu rollen - von Barra mit seinem Leuchtturm und zehneckigen Fort über Chega Nego, Jaguaribe bis hinaus nach Itapua: die ganze, Küste der Kokospalmen genannte Gegend der gleiche spielerisch anmutende Lebensrhythmus.
Kampf auf Leben und Tod
Doch was, wenn er vielleicht gar zu verspielt wäre? Die skeptische Europäer-Frage findet ihre definitive Antwort ausgerechnet in einem vermeintlichen Touristenspektakel, der hiesigen Attraktion außerhalb der Karnevalsaison. Spätabends in einem zum Restaurant umgebauten Gewölbe unten am Hafen: Barfüßige, oberkörperfreie Tänzer stürmen mitsamt ihren Perkussionsinstrumenten das Holzpodest inmitten der Tischreihen und beginnen den Capoeira, den alten Sklaventanz, dessen Herkunft aus einer ritualisierten Kampftechnik noch immer sichtbar ist, auch wenn diesmal statt Messern und Rasierklingen nur Holzstöcke verwendet werden. Die Atabaque-Trommel dröhnt immer lauter, über einen ausgehöhlten Kürbis streicht ein Stab, doch den Ton gibt der Berimbau-Holzbogen an, der an eine Kalebasse schlägt, während die schweißglänzenden Tänzer ihre Gliedmaßen-Choreographie vollführen, halb sexuelles Werben, halb Kampf auf Leben und Tod: Routineengagement für einen Touristenabend - und zugleich (ein Blinzeln, eine Bewegung des Mundwinkels verrät es) die pure Freude an der eigenen Körperlichkeit, die man präsentiert, während andere zahlen.
Da kriegt man ja schon vom Hinschauen Rückenschmerzen, läßt sich eine europäische Reisende vernehmen, und obwohl sie wahrscheinlich nur ihren Sitzplatz im Sinn hatte, der sich in einer etwas unglücklichen Position zum Spektakel befindet, beginnt sie sofort zu erröten, während es gleichzeitig auch in ihrer Umgebung zu rumoren beginnt. Wo zum Teufel auch bekäme man bei solch selbstsicherer Schönheit auf der Bühne schnell wieder das zivilisationskritische Messerchen her, mit welchem verunsicherte weiße Männer die starken Leute da oben zu Opfern einer wie auch immer gearteten postkolonialistischen Entfremdung zerstückeln könnten? Wahrscheinlich träumen heimlich einige von ihnen von derlei Rückenschmerzen.
Buchtitel: Brasilien
Buchautor: Stefan Zweig
Text: F.A.Z., 10. August 2006
Bildmaterial: AP, Cinetext Bildarchiv/HBA, Cinetext/Allstar, F.A.Z.
