Von Kersten Knipp
Einmal nichts sehen, einmal auch nichts denken - das ist, seit Dichter wie Vicente Blasco Ibáñez, Pierre Drieu la Rochelle, Jacques Prévert und viele andere prominente Gäste der Insel sich darüber äußerten, einer der stärksten Gründe, Ibiza zu besuchen. Hinfahren, in die Sonne blinzeln und schon nach ein paar Tagen den Rest der Welt vergessen. Wenn das schon die Philosophen können, dann sollte es normalen Sterblichen doch erst recht möglich sein. Ab an den Strand also. Träge werden, wegdösen, die gewohnte Disziplin verlieren und den Kontrollverlust gar nicht mal bemerken. Den Zeitbegriff verlieren, zu Verabredungen hoffnungslos verspätet kommen, und das ohne jedes schlechte Gewissen.
Das kann schnell passieren, denn nichts steht dem entgegen: Murmelnd schleicht das Meer an den Strand, fällt wieder zurück, bloß um im nächsten Moment von neuem heranzukriechen. Die Landnahme bleibt zwar vergeblich, aber dafür setzt das Wellenspiel irgendwann das Hirn der Küstenmenschen unter Wasser und legt jene Synapsen lahm, die den sonst reibungslosen Ablauf zivilisierter Verhaltensformen garantieren. Man kann das als Genuß empfinden, gerade als Philosoph. So jedenfalls ging es Walter Benjamin, der diesem intellektuellen Konturenschwund, als er wieder bei Sinnen war, einen eigenen Text widmete: Ibizenkische Folge heißt der kleine halbautobiographische Essay, in der er Auskunft über seinen ersten Aufenthalt in Ibiza 1932 gibt.
Die Kathedrale von Ibiza
Monströse Schlange durch die Landschaft
Ibiza 1932. Die Insel ist noch ganz sie selbst, döst im sanften Schlaf jahrhundertealter Unberührtheit. Ein halbes Jahrhundert zuvor, berichten Historiker, kam die industrielle Revolution auf die Insel. Das klingt gewaltig, aber eigentlich treffen beide Komponenten des großen Begriffs den Stand der Dinge kaum, sind zu groß für die Entwicklung, die sie hier bezeichnen. Industrielle Revolution, auf Ibiza und dem benachbarten Formentera heißt das nämlich kaum mehr als forcierte Salzgewinnung. Ein paar Deiche werden gebaut, Wege angelegt, Entwässerungskanäle gezogen. Und Arbeiter werden verpflichtet, Saison für Saison ein gutes Tausend. Bewegung kommt auf die Insel, doch kurz hinter den Rändern der Salinenbecken verebbt sie schon wieder. Und auch die anderen Errungenschaften, das neu gegründete Sägewerk, die Eisfabrik, die Anlage für Fischkonserven, bringen das Eiland nicht in Schwung. Im Herzen und an den Rändern kann es weiterdösen. Und mit ihm Walter Benjamin.
Doch was die Industrie nicht schaffte, das erledigten die Philosophen und die Dichter. Benjamins kurzer Text zählt zu den Gründungstexten des modernen Ibizas. Jenes Ibizas, das seine Vorzüge recht genau in jenem Moment verlor, als die Zugereisten sie zu beschreiben begannen. Die Folgen kann man Sommer für Sommer erleben. Abends etwa, auf der Fahrt von Ibiza-Stadt nach San Antonio: Auto an Auto, dicht an dicht, schiebt sich eine monströse Schlange durch die Landschaft, zieht die tosenden Glieder nach, die vom Zentrum des einen Orts zu dem des anderen reichen. Denn die Strandzeit ist vorbei, es lockt das nächtliche Vergnügen. Die paar stillen Orte am Straßenrand sind machtlos gegen das stählerne Ungetüm, sind geendet als ohnmächtige Opfer jenes Mythos vom Mittelmeer, den einst europäische Festland-Schöngeister ersannen und der das Antlitz der Insel von Grund auf veränderte.
Adieu ihr Kleider voll von Farben und Geschichte
Als einer der ersten - und ganz ohne es zu wollen - setzte der Schriftsteller und Maler Santiago Rusiñol diese Veränderung ins Werk. Er besuchte die Insel 1913 und schenkte ihr jenen Namen, der fortan eine niemals endende Irrfahrt durch die Urlaubskataloge und Reiseführer dieser Welt antrat: Die weiße Insel. In allen nur denkbaren Schattierungen - cremeweiß, schwan- und möwenweiß, ja sogar schneeweiß - leuchteten ihm die ibizenkischen Häuser entgegen. Und dies mit solcher Kraft, daß der farbentrunkene Dichter, der zuvor bereits Mallorca zur goldenen und Menorca zur blauen Insel erklärt hatte, nicht anders konnte, als Ibiza eben nun die weiße Insel zu nennen. Die Insel, schrieb er, leuchte in einem Weiß wie am ersten Tag, in einem Weiß, das den Schatten noch nicht kennt. Die weiße Insel, das war es: Bis dato mochte Ibiza ein Dasein im Schatten Mallorcas fristen, nun fand es sich, noch bevor der Tourismus überhaupt richtig einsetzte, mit einem Identitätszeichen ausgestattet, dessen poetischer Klang das Zeug hatte, alle, die es vernahmen in sanfte Träumereien zu versetzen. Und damit sie auch nicht enttäuscht würden, ordneten die Behörden später an, sämtliche Gebäude weiß zu streichen.
Hatte Benjamin Rusiñol gelesen? Nichts deutet darauf hin. Aber er betrat eine Insel, die schon ganz unter dem Bann des herbeigedichteten Mythos stand. Benjamin war nicht der einzige Fremde auf der Insel. Er war Teil jener Schar von Genießern und Connaisseuren, die, so überschaubar ihre Zahl auch sein mochte, doch zu einem unübersehbaren Bestandteil des Insellebens wurde. Exakt in jenem Jahr, in dem der Philosoph auf der Insel weilte, erschien in der Tageszeitung Diario de Ibiza ein unter Pseudonym veröffentlichter Artikel, dessen Autor sich erheblich verhaltener zeigte, was die Zukunft des hergebrachten Insellebens anging: Adieu Tradition, adieu ihr Balladen, ihr wunderbaren Kleider voll von Farben und Geschichte. Vielleicht wirst du, Ibiza, wohlhabendere Tagen kennenlernen. Ich wünschte aber, du würdest dieser Invasion widerstehen und so deine Sitten und Traditionen, dein erhabenstes Erbe retten.
Techniken um die Zeit zu vergessen
Das Erbe wurde gründlich verhunzt. Es kam nicht an gegen jenes strahlende Weiß, das Rusiñol auf die Insel brachte, und von dem sich die Besucher seitdem so gern blenden lassen. Einmal nichts sehen, einmal auch nichts denken, das ist, seit Dichter wie Vicente Blasco Ibañez, Pierre Drieu la Rochelle, Jacques Prévert und viele andere prominente Gäste der Insel sich darüber äußerten, einer der stärksten Gründe, Ibiza zu besuchen. Und dieser Kult um herabgesetzte Bewußtseinsstufen wird Tag für Tag gefeiert, und das mit einer Konsequenz, die die Besucher früherer Jahre einigermaßen blaß aussehen läßt. Auf Ibiza sei ihm die Idee der Langsamkeit erschienen, notierte Albert Camus, der die Insel 1935 besuchte. Doch damit ist es vorbei, auch und gerade dort, wo Walter Benjamin die Ruhe suchte: in San Antonio. Statt einsamer Fischerhütten Strandtücher dicht an dicht. Und statt der Wellen kriecht vielen nun der Alkohol ins Hirn, sofern er nicht gerade dabei ist, von dort wieder zu entweichen. Denn es ist eben schwierig, die Zeit zu vergessen - sie ganz aus dem Kopf zu bekommen, ein manchmal sogar riskantes Unterfangen. Bisweilen braucht es Chemie dazu, viel Chemie. Den konsequentesten Trip nahm im Sommer dieses Jahres wohl jener siebenundzwanzigjährige Ire, der seine Gier nach dem südlichen Leben mit so vielen Pillen stillte, daß der herbeigerufene Notarzt sie ihm nicht mehr rechtzeitig aus dem Bauch pumpen konnte. Der Abschied, den er vom Bewußtsein feierte, war einer für immer.
Die allermeisten Besucher schrecken vor solchen Exzessen schon im Vorfeld zurück. Denn neben den Drogen gibt es auf Ibiza noch eine andere Technik, die Zeit zu vergessen: ihre maximale Verdichtung. Behilflich dabei sind die Tourismusmanager von San Antonio, die nur zu gut wissen, was es dazu braucht. Meist nicht sehr viel, neben preisgünstigem Bier oft nur die Hits vergangener Jahre. Sweet dreams are made of it - eingängige Hymnen knallen über den Strand, vertrautes Liedgut für glatzköpfige, gestandene Kerle, Vertreter jener Generation, die die tätowierte Wildkatze noch auf dem Oberarm trug, anstatt ihr, wie die folgenden Jahrgänge, einen Platz in der Rumpfgegend zu reservieren. Doch ob Ober- oder Unterkörper, was schert das schon das glückliche Bestiarium, das sich da in der Sonne aalt, vereint im Willen, von der Insel ein Maximum von Gefühlen mitzunehmen.
Image unverdorbener Ursprünglichkeit
Dazu darf man auch die wohldosierte Romantik rechnen, die Abend für Abend pünktlich zum Sonnenuntergang Tausende an die Strandcafés rund um das Café del Mar versammelt, dessen luftig-leichte Chill-out-Brisen sich mit denen der zu beiden Seiten angesiedelten Konkurrenz vereinen und die Sonne unter schweren Klangwaben im glitzernden Horizont zu Grabe tragen. Wie sich der Ruf des Cafés als Ort ungestörter Abendstimmung gegenüber dem täglichen Ansturm Hunderter sonnentrunkener Teenager hat behaupten können, dürfte zu den bestgehüteten Geheimnissen moderner Marketing-Kunst zählen. Beschaut von ungezählten Augenpaaren, senkt sich hier die Sonne in den wäßrigen Horizont, strahlt im Untergehen fort bis ins Zentrum der Stadt, wo sie übergeht in jenes kaum minder kräftige Lichtermeer, das die glücklichen Seelen nun zu den Abenteuern der Nacht einlädt, ein Heer von Glühwürmchen, das es der Sonne gleichtun will und ebenfalls den Absturz sucht, den Fall in eine Nacht, auf die, da der Untergang keiner auf immer sein soll, alsbald auch wieder ein Morgen folgen möge.
Den Rhythmus bringt das trotzdem durcheinander - und jeder profitiert davon. Die lokalen Traditionen, so der Ökonom Joan-Carles Cirer in seiner Studie über die Geschichte des Tourismus auf Ibiza, gingen genau in jenem Moment unter, an dem die Insel auf ihre herkömmlichen Einkünfte, den Fischfang, die Salz-, Mandel- und Holzkohleproduktion, nicht mehr setzen konnte. In den ersten Jahren nach dem Bürgerkrieg verfiel Spanien in eine wirtschaftliche Depression. Das Land und vor allem seine Mittelmeerinseln waren dringend auf Devisen aus dem Ausland angewiesen. Als die heißersehnten Besucher Ende der vierziger Jahre endlich auch in größeren Scharen eintrafen, konnten sie sich darum an den Relikten einer Realität erfreuen, die erst kurz zuvor zu Grabe getragen worden war. Ebendiese Hinterlassenschaften bescherten der Insel aber jenes Image unverdorbener Ursprünglichkeit, das den Besuchern jener Zeit so teuer war. Indem die Insel ihre Vergangenheit archivierte, wurde sie zum Ort eines gewaltigen Gabentauschs: Wer kam, wollte die Hektik des kontinentalen Lebens vergessen, und sei es nur für ein paar Tage. Die aber, die den Besuchern eine Herberge boten, hatten keinen anderen Wunsch als den, die Entbehrungen des traditionellen Insellebens auf immer hinter sich zu lassen.
Mediterrane Stille im Inselinneren
Der Gabentausch ging zügig vonstatten, besonders seit dem Jahr 1958, als der Internationale Flughafen eröffnete. Rapide stieg die Zahl der Besucher an, um sich allein in den sechziger Jahren beinahe zu verzehnfachen. Auch die bald anrückenden Hippies schätzten die Insel als Refugium, aber allzu zurückgezogen mochten sie auch nicht leben. So füllten sie das kulturelle Niemandsland auf, versahen es mit Versatzstücken eines libertären Weltbilds, das dem stillen Flecken das nötige Quentchen Unruhe bescherte. Langes Haar und freie Liebe, Shiva, Krishna und Erleuchtung, das waren die Ingredienzien, die dem Inselleben seinen spirituellen Mehrwert verschaffen sollten, der das ideologisch so gleichgültige Eiland zu einem Zentrum der Sinnsucher weltweit machte.
Die kommen in Ibiza zügig und überall auf ihre Kosten - denn jedes auf den Reiz des Lokalkolorits setzende Restaurant sucht dem Gast nicht nur ein schlichtes Mahl zu servieren, sondern zugleich auch, auf dem Weg über die unumgängliche Thymianwürze, die gesamte Essenz des Südens. Denn die suchen die Gäste ja. Sie wollen mehr als einfach nur essen, sie wollen eins werden mit der Sonne, dem Meer, dem Licht, eine unio mystica feiern, die in diesem Fall der gedeckte Tisch garantieren soll. Schade nur, daß der Gast den Süden nicht alleine sucht, sondern immer und überall im unfreiwilligen Pulk mit vielen anderen. So ist die verheißene Ruhe denn bloß eine latente. Vista Alegre, Bar Anita, Sa Aleta heißen die Bars, die in den kleinen Orten im Inselinneren die mediterrane Stille verheißen; und wirklich verströmen die ländlich und einfach gehaltenen Restaurants eine wunderbare Gelassenheit. Die Frage ist nur: Wie bekommt man dort einen Platz? Wer sich gelassen südlich geben, die Ruhe genießen will, muß vorher verdammt reaktionsschnell gewesen sein, rechtzeitig einen der frei werdenden Plätze erspäht und umgehend in Beschlag genommen haben.
Ayurveda-Kuren und Meditationskurse
Darüber ist es ein wenig eng geworden für die Sinnangebote herkömmlicher Art. Und deshalb haben findige Geschäftsleute Ibiza einen Ruf als Zwischenstation auf dem Weg zu höherem Sinn verschafft: Wer der mediterranen Mythen überdrüssig ist, der wird, über den Weg auf die Hippiemärkte, weiterverwiesen nach Indien, wo neue Angebote locken: Räucherkerzen, Buddhafiguren, Silberschmuck und Seidenschals. Hoch stapelt sich der Nippes aus dem Land der Erleuchteten, umrahmt die Besucherhorden, die sich, zwischen Bratwurst und Gemüsepizza, mit einem Mal für die Weisheit des Hindu-Spiritismus erwärmen, auch Ayurveda-Kuren und Meditationskurse nicht verschmähen. Den passenden Sound liefert abends das Las Delias in San Carles, eine der ältesten Kneipen auf Ibiza, mittlerweile um ein großräumiges Veranstaltungsareal erweitert. Immer mittwochs findet hier Namaste statt, eine weltmusikalische lange Nacht der Innerlichkeit, mit zwanzig Euro Eintritt und fünf Euro pro Bier noch ganz im Stil der alten Bescheidenheit gehalten - jedenfalls im Vergleich mit den Preisen in den Techno-Tempeln am anderen Ende der Insel.
Ibiza, so der unabweisbare Eindruck, ist ein Imitat seiner selbst. Es ist darum folgerichtig, wenn sich der junge Schriftsteller Vicente Valero in seinem jüngsten Buch seiner Heimat über die Vergangenheit, genauer: eine Fotografie aus dem Jahre 1950 nähert. Das Innere eines Bauernhauses ist darauf zu sehen, ein weitflächiger Raum, weißgetünchte, das massive Holzdach tragende Säulen. In der Mitte drei schlichte Stühle, auf einem ein kleiner Junge, neben ihm, unschlüssig an der Haustür, ein kleiner Hund. Fast wie ein Stilleben wirkt dieses Bild, ein angehaltener Moment in einer Ewigkeit, die Sommer heißt.
Text: F.A.Z., 9. Februar 2006
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