Von Friedmar Apel
02. Oktober 2006 Über die Befindlichkeit der zwischen 1965 und 1975 in der Bundesrepublik Geborenen wurde die lesende Öffentlichkeit ausführlich unterrichtet. Unpolitisch, aber stil- und markenbewußt, sollen sie zunächst gut gelaunt den von ihren Eltern erarbeiteten Wohlstand genossen haben und nur sporadisch vom Gefühl einer zähen Bewegungslosigkeit befallen worden sein. Auf die Wirtschaftskrise und die Terroranschläge seien sie unter Helmut Kohls Obhut nicht vorbereitet worden; so sei die Entspanntheit unversehens in nicht weniger als apokalyptische Weltangst umgeschlagen.
Die bisherigen Romane einer der begabtesten Erzählerinnen dieser Generation fügten sich aber nicht in das Schema. Die 1967 geborene Katharina Hacker, derzeit Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, hatte sich vielmehr bitteren Geschichten aus der Vergangenheit gewidmet, um sie, nach einem Wort Paul Ricoeurs, annehmbar zu machen trotz allem. In Der Bademeister (2000) ließ sie einen Ausgesonderten sprechen, den in einem nach der Wende geschlossenen Badehaus Prenzlauer Berg die deutsche Geschichte umtreibt. In Eine Art Liebe (2003) wurde das Schicksal eines Überlebenden der Judenverfolgung von einer deutschen Studentin in Israel erzählt. Die langsam zutage tretende Geschichte der von einem Verrat verdunkelten Freundschaft des Überlebenden zu einem Jugendfreund, der nach dem Krieg in ein Trappistenkloster geht, fünfzig Jahre später nach Berlin flieht und dort unter recht unchristlichen Umständen zu Tode kommt, wurde kunstvoll damit verknüpft.
In die Entfremdung geführt
So überrascht es, daß Katharina Hacker am Anfang ihres neuen Romans Die Habenichtse nun Menschen ihrer Generation, die wie unvermeidlich Golf fahren, in den schicken Läden, Ateliers, Bars und Restaurants zwischen dem Hackeschen Markt und der Kreuzberger Bergmannstraße aufsucht. Jedoch ist von vornherein bezeichnend, daß das Geschehen im Würgeengel seinen Anfang nimmt, der ultimativ stilisierten Bar in Berlins neuer Mitte, deren Name kokett auf Luis Buñuels Abendgesellschaft Bezug nimmt, die auf unerklärliche Weise gefangengehalten wird. Die Hauptfiguren des Romans, Isabelle und Jakob, entrinnen allerdings scheinbar dem schicken Ambiente, ihre Wahl aber ist blind, und so werden sie mit der Unausweichlichkeit des Tragischen in die Entfremdung geführt.
Die beiden haben sich nach langer Trennung am 11. September 2001 auf einer Party in Berlin wiedergetroffen und sich erneut ineinander verliebt. Für dieses Rendezvous hat Jakob, ein auf Restitutionsansprüche von aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen Verfolgten spezialisierter junger Anwalt, einen Termin im World Trade Center verschoben und ist so im Gegensatz zu seinem Kollegen Robert dem Tod entgangen. Obendrein erhält nun statt des Umgekommenen er den begehrten Posten in einer renommierten Londoner Kanzlei. Isabelle wird ihn begleiten, denn ihre Tätigkeit in einer Graphikagentur kann sie auch von dort aus weiterführen. Vorher heiraten sie, weil es so passend ist. In Isabelles Augen aber nimmt Andras, ihr liebender Freund und Agenturpartner, plötzlich eine unerbittliche Ziellosigkeit wahr.
Es ändert sich überhaupt nicht viel
Das Datum des 11. September ist der Geschichte jenseits des Sensationellen eingeschrieben. Am Verhalten der schicken Clique, die sich im Würgeengel trifft, ändert die hilflose Aufregung darüber nichts. Es ändert sich im Gegensatz zu George Bushs Prophezeiung überhaupt nicht viel, jener Tag markiert lediglich die Scheidelinie zwischen einem phantasierten, unbeschwerten Vorher und dem ängstlichen, aggressiven Gejammer, das sich immer weiter ausbreitete. Dieses Gejammer gilt dem Verlust einer Wirklichkeit, auf die man glaubte Anspruch zu haben. Jakob, der die Ablagerungen der Geschichte als alte Ungerechtigkeit täglich auf dem Schreibtisch hat, erkennt das, und doch gibt er sich der Illusion hin, für ihn und Isabelle würde sich in London alles ändern. Wie ein tragischer Held wählt er genau das Verhängnis, dem er entgehen will. Statt für die Wohnung in Primrose Hill, wo man posh, also angemessen schick wohnt, entscheidet er sich für ein Haus in Kentish Town, nicht gerade die beste Adresse für einen Anwalt und seine unbekümmert ihre Reize zur Schau stellende junge Frau.
In der Lady Margaret Road mit den viktorianischen Fassaden hat die Erzählerin den Schauplatz vorbereitet, auf dem sich die Katastrophe der Teilnahmslosigkeit abspielen wird. Denn sie ist schon dagewesen, bevor ihr schönes Pärchen dort einzieht. Mit den Augen Saras, eines geprügelten, bettnässenden Kindes, hat sie in das verwahrloste Wohnzimmer einer Proletarierfamilie geblickt und Jim, einen ebenfalls dort wohnenden jungen Stricher und Drogendealer, auf seinen Streifzügen durch das Milieu begleitet. Das alles wird mit einer schmerzhaften Detailliertheit in der Beschreibung des Sichtbaren geschildert, die den Blick auf eine Fensterscheibe zu einem Schauspiel der Beängstigung werden lassen kann. Die Regentropfen waren zu langen Streifen zusammengelaufen, die Streifen angeschwollen, sie hatten Ausbuchtungen, dicke Knoten gebildet, die platzten und auseinanderrannen, in dünnen, hastigen Fäden, deren Spitzen giftig aussahen, doch das täuschte, denn meist wurden sie von einem breiteren, viel langsameren Rinnsal geschluckt, unfähig, sich in Sicherheit zu bringen.
Trauma aus der Zukunft
Die Topographie Berlins wie Londons, Regent's Park in der Mitte des Geschehens, wird so präzise geschildert, daß der Leser die Wege der Protagonisten gehen könnte, sofern sie sich nicht verlaufen haben. Derart läßt Katharina Hacker keinen Zweifel, daß es die von einem Trauma aus der Zukunft überschattete zeitgenössische Wirklichkeit ist, die hier zunehmend unheimlich dargestellt wird.
Unbarmherzig entfaltet die Erzählerin die Handlung als ein Drama gegenseitiger Blicke. Wie zwangsläufig werden alle Hauptfiguren zu Voyeuren, die in ein grausames Spiel von Ähnlichkeiten und Übertragungen, Anziehungen und Abstoßungen gezogen werden, für dessen Sinn sie sehenden Auges blind bleiben. Isabelle beobachtet das Kind, und es blickt beängstigend starr zurück wie das bucklicht Männlein. Sie hört die Geräusche der Gewalt aus dem Nebenhaus, aber sie bleibt unbehelligt und unschlüssig. Einen untauglichen Versuch der Teilnahme bricht sie angewidert ab: wie idiotisch, sich einzumischen. Eine ermordete Katze hätte sie metaphorisch an den Zusammenhang alles Lebendigen erinnern können, Sara wird von ihrem Bruder little cat genannt, aber sie erkennt auch dieses drastische Zeichen nicht. Derweil wächst ihre Enttäuschung, daß nichts Aufregendes passieren will. Sie streunt in immer grauer werdenden Turnschuhen durch Londons Straßen, sieht und wird gesehen oder zieht sich auf ihre Arbeit zurück und verläßt das Haus nicht. Jakob kommt spät aus der Kanzlei; im Bett liegend, ohne zu schlafen, hofft er, Isabelle möge noch nicht kommen. Schleichend entfremden sie sich einander und wissen nicht, warum.
Politik, Handlung, Wille
Jakob ist fasziniert von Bentham, dem Inhaber der Kanzlei, einem emigrierten deutschen Juden, der einmal Bensheim hieß. Im Gespräch mit ihm dämmert ihm etwas von der Traurigkeit und dem Entsetzen, daß es keinen Ort gibt, der unberührt geblieben ist von der Wahrheit, der Kälte und von den Kausalitäten einer Geschichte, die nicht Schicksal war, sondern Politik, Handlung, Wille. Rückerstattung ist, so muß er erkennen, eine Farce, nichts ist wiedergutzumachen. Der Jurist möchte sich rückwirkend als Historiker einer als gerecht gedachten Geschichte verstehen, aber die Geschichte läßt sich nicht zusammenfügen über die geraubte Erinnerung hinweg.
An Bentham bewundert Jakob ein Hinnehmen der Vergangenheit trotz allem, eine Haltung, die aus der Zwiesprache mit den Toten den Mut gewinnt, sich der Wirklichkeit zu stellen und etwas Neues zu beginnen, auch wenn nichts geheilt werden kann. Bentham liebt Spatzen, weil das hebräische Wort dafür zugleich Freiheit bedeutet. Auf seinen vorabendlichen Spaziergängen im Park sieht er aber immer weniger davon. Selbst in seiner Eigenschaft als alternder Homosexueller weiß er sich mit den Gegebenheiten selbstbewußt zu arrangieren, sein Leben gegen alte und neue Zumutungen zu verteidigen. Für Menschen seiner eigenen Generation dagegen muß Jakob erkennen, daß sie weder wirklich geben noch nehmen können, daß die Anteilnahme am Leben und Leiden anderer vielleicht echt ist, die Teilnahme aber verhindert oder vorgetäuscht. Nur scheinbar paradox stehen in dem Roman gerade die, welche wirklich Verluste zu beklagen haben, nicht mit leeren Händen da. Sie wissen, was sie besitzen, weil sie verloren haben.
Verquer erotisches Interesse
Auch Isabelle fühlt sich vom anderen angezogen. Ihr verquer erotisches Interesse an Jim erscheint als fatale Sehnsucht nach der Härte des wirklichen Lebens. Der underdog aber zerbricht in seiner Wut auf eine heillos feindliche Welt das falsche Spiel der Ähnlichkeiten. Isabelle ähnelt seiner verschwundenen Liebe Mae, die sich nach der Ordnung eines bürgerlichen Lebens sehnte. Sie glaubte ihm nicht, daß er sie liebte, daß alles gut werden würde. Nur von einem Foto, auf dem man eine häßliche Narbe erkennt, weiß er, daß ihre Flucht sie unter brutalere Gewalt geraten ließ. Isabelles unberührt scheinendes Gesicht reizt ihn zu einer grausamen Therapie der Konfrontation mit dem Leiden anderer.
Als sich die Gedemütigte endlich zu einem eigentlich selbstverständlichen Akt der Mitmenschlichkeit aufrafft, scheint es zu spät zu sein. Es wird anders jetzt, sagt Jakob hilflos, während er ihr Gesicht betrachtet, das ihm fremd und traurig erscheint. Die Lady Margaret Road aber liegt verlassen da, als wären die Anwohner einer Warnung gefolgt, die Straße zu räumen, nur er und Isabelle hatten nichts begriffen.
Beste europäische Tradition
Katharina Hackers Bild zweier Menschen, denen es an nichts fehlt und die doch weder zur Gemeinschaft noch zur Selbstsorge fähig sind, beeindruckt um so mehr, als sich die Erzählerin scheinbar kaltsinnig jedes moralisierenden Kommentars enthält. In souveräner Beherrschung der Technik eines multiperspektivischen realistischen Erzählens exponiert sie eine zeitgenössische Wirklichkeit, die als erscheinende nur sinnhaft erfahren werden kann, wenn sie mit dem ihr eingeschriebenen Gedächtnis des Leidens angenommen und als Mitsein gestaltet wird. So erweist gerade der deprimierende Verlauf der Liebesgeschichte die Möglichkeit der Liebe.
Schon in Katharina Hackers letztem Roman konnte der Leser die bewegende Kraft ihrer kühlen und eleganten Sprachführung bewundern. In Die Habenichtse hat die Autorin ihre außerordentlichen erzählerischen Fähigkeiten noch einmal erweitert und die Höhe der besten europäischen Tradition einer sozial engagierten und geschichtsbewußten Romankunst erreicht.
Buchtitel: Die Habenichtse
Buchautor: Katharina Hacker
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Bruder, Suhrkamp